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Sein Räumfahrzeug kennt Christian Eisermann genau. Manchmal muss er nachjustieren.

Schneechaos

Nachtschicht: Unterwegs mit dem Wolfratshauser Winterdienst

Die Männer und Frauen vom Winterdienst sind derzeit im Dauerstress. Wir begleiteten eine Crew während ihrer Schicht. 

Bad Tölz-Wolfratshausen –Und mögen sich einige Unverbesserliche noch so sehr über ihre mit Schnee zugeschobenen Autos aufregen: Die Mitarbeiter der Straßenmeistereien und Bauhöfe sind mit den Feuerwehrkräften in diesem Winter die Helden der Stunde. Seit dem vergangenen Wochenende befreien sie unsere Straßen von Schnee und Eis. Sind sie mit ihrer Arbeit im Westen des Nordlandkreises fertig, müssen sie im Osten wieder von vorne beginnen.

Michael Hainz, Einsatzleiter in der Wolfratshauser Straßenmeisterei

Als Michael Hainz um 1.30 Uhr sein Haus verlässt, ist er wohl einer der ersten Menschen auf den tief verschneiten Straßen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Der Straßenwärter stapft in seiner leuchtend orangen, mit zahlreichen Reflektoren versehenen Dienstkleidung durch den tiefen Schnee zu seinem VW-Bus mit der Aufschrift „Straßenmeisterei Wolfratshausen“. Als der Motor die Stille der Nacht durchbricht, beginnt für Hainz ein arbeitsreicher Dienst. Er ist heute Einsatzleiter und entscheidet somit, wo der Winterdienst streuen oder räumen muss. Deshalb macht er sich noch vor seinen Kollegen ein Bild der aktuellen Straßenlage. Ein blinkender Kontrollbildschirm in seinem VW-Bus informiert Hainz via spezieller Sensoren über die Außen- und Fahrbahntemperatur. „Bei so viel Neuschnee ist das Vorgehen klar“, sagt der Dietramszeller. „Alle Mitarbeiter müssen raus.“

Angekommen am Bauhof an der Äußeren Sauerlacher Straße, klemmt sich der Straßenwärter ans Telefon. „Guten Morgen, hier ist Hainz, Straßenmeisterei“, spricht er in die Muschel des Hörers und weckt so nacheinander einige seiner auf Abruf stehenden Kollegen. Wenig später herrscht reger Betrieb auf dem Bauhof. Die eingetroffenen Mitarbeiter öffnen um 2.30 Uhr die große Halle. Zum Vorschein kommen drei Schneepflüge. Für Christian Eisermann beginnt jetzt seine Frühschicht. „Als erstes muss der Schneepflug beladen werden“, erzählt der Höhenrainer und verschwindet in einem grünen Radlader. Mit der großen Schaufel fährt Eisermann mehrere Tonnen Streusalz aus einer Halle und lädt sie auf seinen Schneepflug. Damit das Salz schwer genug ist, um nicht aufgewirbelt zu werden, vermischt der Pflug das Salz mit einem Sole-Gemisch, einer Flüssigkeit aus Wasser und Salz. Die Sole findet Platz in einem gelben Tank des Winterdienstfahrzeugs.

Unterdessen gibt Straßenwärter Andreas Walleitner Tipps zum Wachbleiben: „Kaffee, ein geöffnetes Seitenfenster beim Fahren und am Vortag um 21 Uhr ins Bett gehen – das hilft.“ Auch für die anderen Mitarbeiter herrscht Ausnahmezustand. Denn so viel Schnee in so kurzer Zeit gab es, seitdem Eisermann hier arbeitet, noch nie. Fertig beladen, schwingt sich der Höhenrainer ins Führerhaus seines Schneepflugs. Die Strecke und sein Fahrzeug kennt er genau. „Wir sind zuständig für die Bundes-, Staats- und Kreisstraßen im Landkreis“, erklärt der Straßenwärter. „Die sind aufgeteilt in sieben Routen und werden von drei eigenen Fahrzeugen und vier beauftragten Unternehmen geräumt und gestreut.“

In der Fahrerkabine studiert Straßenwärter Christian Eisermann die Route.

Gegen 3 Uhr früh startet der 47-Jährige seine Tour. Keine Minute zu früh, wie sich bald zeigt: Am Autobahnzubringer hängen bereits mehrere Lastwagen fest, sie kommen den Berg nicht mehr hoch. „Wir müssen räumen, bevor die Lkw die komplette Auffahrt verstopfen“, sagt er. Weiter geht die Fahrt über Münsing, Degerndorf, Herrnhausen und Gelting. Kurz darauf klingelt das Telefon in der Fahrerkabine. Aus der Freisprechanlage tönt die Stimme von Hainz. Leider hat der Einsatzleiter keine guten Nachrichten für seinen Kollegen. „Ein Schneepflug fällt aus, du musst einen Teil seiner Strecke übernehmen“, erklärt er Eisermann.

Für den Höhenrainer Straßenwärter bedeutet das einen großen Mehraufwand. Statt drei Stunden wird er jetzt etwa fünf Stunden unterwegs sein. Auf dem Weg durch Wolfratshausen kommt es zu einem weiteren Zwischenfall: Ein älterer Herr beschwert sich bei Eisermann über seine mit Schnee blockierte Garage. Der Straßenwärter zeigt zwar Verständnis, kann aber an dem Problem nicht viel ändern. „Momentan wissen wir gar nicht, wohin mit dem Schnee. „Zugeräumte Grundstückseinfahrten lassen sich leider nicht verhindern“, erklärt er dem Herrn geduldig, obwohl er für dessen Anliegerstraße eigentlich nicht zuständig ist. Das erledigen nämlich die Kollegen vom städtischen Bauhof. Doch trotz gelegentlicher Beschwerden macht ihm die Arbeit sichtlich Spaß.

Aus einem Lautsprecher tönt nun die Ansage: „20 Gramm“. So wird der Fahrzeugführer über die aktuell aufgebrachte Salzmenge pro Quadratmeter informiert. Diese kann er per Knopfdruck zwischen fünf und 30 Gramm einstellen – je nach Bedarf. Eisermann lächelt: „Der Schneepflug spricht sogar mit mir.“ Wieder voll konzentriert achtet der Höhenrainer jetzt auf den Berufsverkehr, der inzwischen eingesetzt hat. Per Zeigefinger bewegt er einen Joystick und schwenkt so den Pflug gerade noch rechtzeitig zur Seite. „Manche Autofahrer sind überängstlich, andere fahren einfach darauf los“, weiß der Familienvater aus Erfahrung.

Nach fast fünf Stunden Fahrt rollt das blinkende Winterdienstfahrzeug zurück auf den Bauhof. Um 8 Uhr ist der Pflug um vier Tonnen Salz und zwei Tonnen Sole leichter. Der ständige Neuschnee lässt sich dadurch aber nicht aufhalten. „Da hilft nur Weiterfahren, solange es schneit“, stellen die Kollegen bei der gemeinsamen Brotzeit gegen 9 Uhr fest. Die Frühschicht endet dieses Mal erst um 12 Uhr mittags. Danach übernehmen andere Kollegen die Arbeit, etwa bis Mitternacht. Und wenig später beginnt für Einsatzleiter Hainz bereits eine neue Schicht.

Jonas Napiletzki

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