Landrat Josef Niedermaier
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Josef Niedermaier (57), Landrat und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Kreisklinik Wolfratshausen gGmbh, hat einen offenen Brief an die Klinik-Mitarbeiter geschrieben.

Offener Brief an Belegschaft

„Ob Sie es mir glauben oder nicht“: Das schreibt Landrat an Kreisklinik-Mitarbeiter

  • Carl-Christian Eick
    VonCarl-Christian Eick
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Die Debatte über die Zukunft der Kreisklinik sorgt bei den rund 400 Mitarbeitern für Verunsicherung. Jetzt wendet sich Landrat Niedermaier in einem offenen Brief an die Belegschaft.

Wolfratshausen – In den vergangenen Wochen „ist viel diskutiert, geschrieben und gemutmaßt worden“, bilanziert Josef Niedermaier mit Blick auf die Kreisklinik. In einem offenen Brief an die rund 400 Klinik-Mitarbeiter (er trägt das Datum Montag, 14. Juni), betont der Landrat: „Ob Sie es mir glauben oder nicht, ich sorge mich um den Gesundheitsstandort Wolfratshausen und kämpfe für seinen Fortbestand.“

Für den 57-Jährigen, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Kreisklinik gGmbH, ist es nach eigenen Worten wichtig, „zunächst die Gesamtsituation zu analysieren und dann aufgrund der Ergebnisse und gesetzten Leitplanken zu handeln“. In diesem Kontext erwähnt er die jüngste Stellungnahme der Wolfratshauser CSU. Die hatte wie berichtet Zweifel an den Zahlen bezüglich der Jahresabschlüsse angemeldet, die das Landratsamt veröffentlicht hatte. Die Wolfratshauser CSU „und viele andere“ seien offenbar überzeugt, dass die Kreisklinik besser dastehe, als es die Vicondo-Studie aufgezeigt habe, so Niedermaier. Dieser Behauptung hatte bereits die Pressesprecherin der Kreisbehörde, Marlis Peischer, entschieden widersprochen.

Den enormen Gegenwind nehme ich ernst, weshalb ich den Prozess derzeit angehalten habe und zunächst den Dialog mit Ihnen, mit den Beschäftigten in der Kreisklinik suchen werde.“

Josef Niedermaier, Landrat und Aufssichtsrats-Vorsitzender der Kreisklinik gGmbH

In seinem offenen Brief an die Klinik-Belegschaft nennt der Landrat „die exakten Zahlen“ aus den Prüfungsberichten der Jahre 2013 bis 2020 noch einmal. Und er kommt nach Addition zum selben Ergebnis wie Behördensprecherin Peischer Ende Mai auf Nachfrage unserer Zeitung: Die „juristische Person“ Kreisklinik gGmbH habe seit 2013 einen Verlust von insgesamt 9 863 029,66 Euro gemacht. Niedermaier: „Eine Summe, die man als rund zehn Millionen Euro bezeichnen kann.“ Dazu muss man wissen: In der Gewinn- und Verlustrechnung der gemeinnützigen GmbH werden die Zahlen von Krankenhaus und Kreispflegeheim nicht getrennt ausgewiesen, sondern als Gesamtergebnis der Klinik gGmbH dargestellt. Wenn man nur die Bilanzen des Krankenhausbetriebs betrachten würde, so die Rechnung des Aufsichtsratschefs, habe die Klinik „in den Jahren 2013 bis 2020 ein Defizit von 8 945 768,74 Euro erwirtschaftet“.

Niedermaiers Schlussfolgerung: Selbst wenn man die Ergebnisse des Kreispflegeheims in Lenggries ausklammern würde, „erschließt sich nicht“, dass bei einem Defizit von knapp neun Millionen Euro in acht Jahren „von einer grundlegend anderen Situation auszugehen wäre“. Die Tendenz sei seit sieben Jahren negativ. Die Auffassung der Wolfratshauser CSU und anderer, dass sich die wirtschaftliche Situation der Einrichtung am Moosbauerweg stetig verbessert habe, ist für Niedermaier aus besagtem Grund „nicht erklärbar“.

„Nachweislich falsch“, dass sich die Kreisklinik wirtschaftlich erholt

Im Rückblick auf 2020 stellt der Landrat fest: „Der Geschäftsabschluss des vergangenen Jahres ist aufgrund der Effekte der Corona-Pandemie denkbar schlecht geeignet, um allgemeingültige Tendenzen abzuleiten.“ Fazit: Die Aussage, dass sich der Patient Kreisklinik auf dem Weg der Genesung befinde, sei bei Betrachtung der betriebswirtschaftlichen Ergebnisse „nachweislich falsch“.

Niedermaier versichert der Klinik-Belegschaft, dass es sein Bestreben sei, „am Standort Wolfratshausen auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige stationäre Versorgung anbieten zu können“. Doch die müsse sich der Landkreis auch dauerhaft leisten können. Vor diesem Hintergrund wolle er gerne eruieren, „welche Ideen und Konzepte potenzielle Kooperationspartner haben, ohne dass es dazu Festlegungen im Vorfeld in welche Richtung auch immer gibt“.

Im Spätsommer soll‘s einen Meinungsaustausch geben

Den „enormen Gegenwind“ nehme er ernst, so Niedermaier angesichts von Demonstrationen und der Resolutionen der Städte Wolfratshausen und Geretsried sowie mehrerer Gemeinden. Deshalb habe er den politischen Prozess zur künftigen Gesundheitsversorgung im Landkreis „angehalten“. Zunächst wolle er nun „den Dialog mit Ihnen, mit den Beschäftigten in der Kreisklinik suchen“. Um nicht „zusätzlich für Verunsicherung bei Ihnen zu sorgen, wende ich mich zuerst an Sie, bevor ich die Diskussion in die Öffentlichkeit trage“, erklärt der Landrat. Deshalb werde er vorläufig auch nicht an Bürgerversammlungen teilnehmen. Niedermaier kündigt an, dass die Klinik-Mitarbeiter „im Spätsommer“ zu einem Meinungsaustausch eingeladen würden. Er selbst und Experten „werden Ihnen Rede und Antwort stehen“.

Niedermaier wiederholt in seinem dreiseitigen Brief die Ziele des von den Kreisräten begonnenen Prozesses: Sicherung der Kreisklinik mit akut-stationärem Leistungsangebot (einschließlich Innere Medizin, Chirurgie, Geburtshilfe und 24/7-Notaufnahme), bessere Abstimmung der stationären Versorgung in der Region mit Kooperationspartnern – „bei Erhalt der Arbeitsplätze und der Gemeinnützigkeit“.  (cce)

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