Eingang zum Wolfratshauser Amtsgericht.
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Vor dem Wolfratshauser Amtsgericht musste sich ein 69-Jähriger wegen sexuellen Übergriffs auf seine Nichte verantworten.

„Nicht den Hauch von Zweifel“

Onkel begrapscht seine Nichte – ein Jahr Gefängnis auf Bewährung

  • vonRudi Stallein
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Wegen sexuellen Übergriffs stand ein 69-jähriger Rentner vor dem Wolfratshauser Amtsgericht: Er wurde beschuldigt, seine Nichte begrapscht zu haben. Die junge Frau leidet bis heute psychisch unter dem Übergriff.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Sie nannte ihn liebevoll „Onkelchen“. Sie war gern mit ihm zusammen. Die angehende Fachinformatikerin half dem Ruheständler, wenn er mal wieder mit der Einstellung seines Handys überfordert war. Er revanchierte sich, indem er mit seiner Nichte Bilder und Reliefs gestaltete.

Doch am 5. Juni vorigen Jahres zerstörte der Onkel das vertraute Verhältnis zu der damals 17-Jährigen: Der 69-Jährige soll die mit dem Rücken zu ihm stehende Teenagerin auf einer Werkbank sitzend an sich gezogen, sie mit den Knien umschlossen und mit beiden Händen über dem T-Shirt an die Brust gegriffen haben. Wegen sexuellen Übergriffs wurde der Mann aus einer Gemeinde im nördlichen Landkreis vom Amtsgericht Wolfratshausen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Angeklagter fühlt sich unschuldig

Der Angeklagte fühlt sich unschuldig. Deshalb hielt er den Einspruch gegen einen Strafbefehl (mit einer Bewährungsstrafe von neun Monaten) aufrecht, obwohl der Richter andeutete, dass die Strafe nach der Verhandlung höher ausfallen könnte. Aus Sicht des ehemaligen Beamten hatte sich der Vorfall gänzlich anders zugetragen.

Einigkeit herrschte nur beim Anlass des Zusammentreffens. Er habe seine Nichte mit einem neuen Relief überraschen wollen. Diverse Teile wie ein Konterfei Beethovens und einen Notenschlüssel hatte er vorbereitet gehabt, das Bild komponieren sollte die 17-Jährige selbst. Weil sie damit nicht vorangekommen sei, habe er sie am Arm gepackt und beiseite ziehen wollen. In dem Moment habe sie sich zu ihm gedreht. Dabei habe er sie womöglich zufällig an der Brust berührt.

Geschädigte berichtet: Angeklagter reagierte bereits nach dem Vorfall mit Unverständnis

„Das könnte sein, ich ziehe es in Erwägung.“ Danach sei seine Nichte aus der Werkstatt gerannt und bald darauf von seiner Frau nach Hause gefahren worden. Für ihr Verhalten finde er „keine plausible Erklärung“, so der Angeklagte, der eingeräumt hatte, ein wenig Alkohol getrunken zu haben, „um eine gewisse Bewusstseinserweiterung für die Kreativität zu erreichen“.

Auch damals in der Werkstatt habe der Onkel mit Unverständnis reagiert, berichtete die Geschädigte. Während ihrer Aussage musste der Angeklagte den Sichtungssaal verlassen. „Ich werde dich schon nicht vernaschen“, habe der Onkel erwidert, als sie wissen wollte, welche „Überraschung“ er für sie habe. Dabei habe sie sich nichts gedacht. „So hat er öfter gewitzelt.“ Als er sie an der Werkbank packte, habe er gesagt: „Das wollte ich immer schon mal machen.“

Sie sei perplex und schockiert gewesen, habe ihm mehrmals sagen müssen, dass sie das nicht wolle, ehe der 69-Jährige die Umklammerung gelockert habe. Der Onkel habe erwidert: „Ihr Frauen wollt das doch, dass man euch anfasst und den Körper wertschätzt.“ Mehrmals stockte die Zeugin während ihrer Aussage, kämpfte gegen die Tränen.

Junge Frau leidet bis heute psychisch unter dem Übergriff

Dass die junge Frau bis heute psychisch unter dem Übergriff leidet, wertete das Gericht strafverschärfend. Die Staatsanwältin und die Nebenklagevertreterin beantragten eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten sowie ein Schmerzensgeld in Höhe von 8000 Euro. Verteidiger Holger Hesterberg forderte „im Zweifel für den Angeklagten“ einen Freispruch. Dem schloss sich sein Mandant an.

Nur mit der Geldauflage war er unglücklich. „Die Geldstrafe würde ich lieber an eine gemeinnützige Organisation spenden, weil ich nicht gewillt bin, den Führerschein anderer Leute zu finanzieren“, sagte der Mann auf der Anklagebank.

Urteil: Ein Jahr Gefängnis auf Bewährung

Aussagen wie diese kommentierte Richter Helmut Berger mit dem Bekenntnis: „Da verschlägt’s auch einem erfahrenen Richter gelegentlich die Sprache.“ Er verurteilte den Angeklagten zu einem Jahr Gefängnis, setzte diese für drei Jahre zur Bewährung aus. Als Auflage muss der Mann je 3500 Euro an den Verein „Frauen helfen Frauen“ sowie seine Nichte zahlen.

Das Amtsgericht Wolfratshausen konnte nicht klären, was im Sommer 2017 auf der Egerlandstraße passiert ist. Die Folge: ein Freispruch.

rst

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