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Reißende Loisach: Am Kastenmühlwehr schwoll das Wasser von Minute zu Minute an – wie überall im Landkreis. Am Ende blieb die ganz große Katastrophe aus. 

Der Sylvensteinspeicher verhinderte das Schlimmste

Pfingsthochwasser 1999: Zur Katastrophe fehlte nicht viel

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Vor genau 20 Jahren hat das schlimmste Hochwasser seit Menschengedenken den Landkreis heimgesucht. Noch heute erinnern sich die Menschen mit Schrecken daran. 

Bad Tölz-Wolfratshausen– Am Donnerstag, 20. Mai 1999, fing es zu regnen an – und es sollte so schnell nicht wieder aufhören. An den Pfingsttagen ergossen sich Mengen an Wasser über den Landkreis, wie es niemand für möglich gehalten hätte. Keller liefen voll, Muren gingen ab, Bürger schleppten Sandsäcke bis zur Erschöpfung. Und alle fragten sich, wie schlimm es noch werden würde. Erst am Dienstag konnte unsere Zeitung melden: „Pegel der Flüsse sinken.“ Der Nordlandkreis war beim berüchtigten Pfingsthochwasser knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.

Dass es nicht zum Äußersten kam, hat auch mit der Weitsicht der Behörden zu tun. Das Wasserwirtschaftsamt hatte zwei Jahre zuvor gegen Widerstand aus der Bevölkerung den Damm des Sylvensteinspeichers um drei Meter erhöht. „Nur so ist es gelungen, die Abfluss-Situation unter der kritischen Grenze zu halten“, erklärte der damalige Behördenleiter Hans-Joachim Kilian.

Aus der Loisach wurden drei Flüsse

Alarmstimmung machte sich allmählich im Laufe des Freitagnachmittag breit: Da stiegen die Pegel von Isar und Loisach innerhalb weniger Stunden um einen halben Meter. Die ersten Muren, etwa am Wolfratshauser Berg, rutschten auf die Straße. Straßen wurden gesperrt, zuallererst in Bairawies, wo die Kreisstraße 2072 fast einen halben Meter unter Wasser stand. Und die Feuerwehr kam mit dem Abpumpen vollgelaufener Keller gar nicht hinterher.

Besonders hart traf es Beuerberg. „Aus der Loisach sind drei Flüsse geworden“, erklärte damals ein staunender Kreisbrandmeister Christian Sydoriak. Die Anwesen am Loisachweg standen komplett im Wasser, die Bewohner versuchten verzweifelt, ihre Anwesen mit Sandsäcken abzudichten. Am Pfingstmontag stieg der Pegel der Loisach auf bedrohliche 5,70 Meter. Die Straße von Eurasburg nach Beuerberg war tagelang gesperrt, wie einige Straßen im Landkreis.

Die Naurgewalt Wasser kommt über den Landkreis

Glimpflicher kamen die Städte davon. In Wolfratshausen hielten die Schutzmaßnahmen die Loisach einigermaßen im Zaum. Das ändert aber nichts daran, dass viele, viele Keller – auch der von Ministerpräsident Stoiber – vollliefen. Die Feuerwehr war pausenlos im Einsatz, ebenso Wasserwacht, Technisches Hilfswerk, Bayerisches Rotes Kreuz und Bereitschaftspolizei. 700 Feuerwehrleute und 100 Zusatzkräfte rasten von Einsatz zu Einsatz. Ähnlich chaotisch ging es in Geretsried zu. Hier kam erschwerend hinzu, dass die Trinkwasserquellen verschmutzt wurden. Die Bürger waren aufgerufen, noch einige Tage ihr Wasser abzukochen.

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Völliges Unverständnis hatten die Behörden für all jene, die in diesen Tagen auf der reißenden Isar Boot fuhren. Ein Wolfratshauser (56) unternahm am Pfingstmontag eine waghalsige Rafting-Tour, kenterte und starb. Das Landratsamt reagierte auf das verantwortungslose Treiben und verhängte ein Zwangsgeld von 10 000 Mark. Doch es gab auch Positives zu berichten: Die Stimmung in der Bevölkerung war besonnen, man half sich gegenseitig.

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Am Dienstag nach Pfingsten realisierten die Menschen, dass sie das Schlimmste überstanden haben. Sie waren Zeugen eines „200-jährigen Hochwassers“ geworden, das so heißt, weil derart monströse Regengüsse statistisch nur alle 150 bis 200 Jahre vorkommen. Der Schreck saß der Bevölkerung noch lange in den Gliedern. Oder, wie es Amtschef Walter Kilian es ausdrückte: „Das Hochwasser hat allen Beteiligten und Betroffenen die Verletzlichkeit unserer Zivilisation durch die Naturgewalt Wasser deutlich vor Augen geführt.“

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