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„Ein bisschen ist es, als wäre sie immer noch da.“ Dort, wo auf dem Küchentisch in Waldram Foto, Blumen, Kerze und Engel an Hans Sailers verstorbene Ehefrau erinnern, hat seine Anneliese immer gesessen. Sie litt an Multipler Sklerose.

Es begann mit einem Stolpern

Er pflegte seine Frau: Hans Georg Sailer erhält Verdienstkreuz

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Waldram – 25 Jahre lang hat Hans Georg Sailer seine Ehefrau gepflegt. Als Anerkennung hat Bayerns Sozialministerin Emilia Müller dem Waldramer gestern das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

In guten wie in schlechten Zeiten. An dieses Versprechen, das sich Hans Sailer und seine Anneliese am 30. Oktober 1971 am Traualtar gaben, haben sie sich ein Leben lang gehalten. Als Sailers Ehefrau 1981 die Diagnose „Multiple Sklerose“ bekam, stand für beide fest: Das ziehen wir gemeinsam durch. Das dieser Tag ihr Leben komplett verändern würde, dass von diesem Tag an feststand, dass Anneliese irgendwann an der tückischen Krankheit sterben würde, war ihnen bewusst. „Es hat uns aber nur noch mehr zusammengeschweißt“, sagt der 66-jährige Rentner. „Wir haben die Krankheit angenommen.“

Es begann mit einem Stolpern. In den späten 70er Jahren war das, Sohn Mario war ein kleiner Bub, die Familie von Neufahrn bei Egling nach Waldram gezogen. Anneliese, gelernte Einzelhandelskauffrau, arbeitete als EDV-Kraft in einem Büro, Ehemann Hans war Elektriker in einer Chemiefabrik am Riedhof. „Wir sind von Arzt zu Arzt gezogen“, erinnert sich Hans Sailer. „Aber keiner wusste, was los ist.“ Die Odyssee endete schließlich mit einer Punktion des Rückenmarks und der niederschmetternden Nachricht. „Natürlich waren wir erst einmal niedergeschlagen“, sagt der Ehemann. „Es hat aber nicht lange gedauert, bis meine Frau die Krankheit akzeptiert hat. Wir sind beide Kämpfer.“

Das Foto zeigt Sailer bei der Ehrung durch Bayerns Sozialministerin Emilia Müller im Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration.

Das Stolpern wurde schlimmer. Irgendwann konnte Anneliese nicht mehr gehen, Arme und Beine versagten ihren Dienst. Seit Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre war sie ein Pflegefall. Ihr Ehemann kümmerte sich liebevoll um sie. Er wusch sie, trug sie, fütterte sie, schob sie im Rollstuhl umher. Jede noch so selbstverständlich scheinende Tätigkeit war von nun an seine Aufgabe. „Nase putzen, sich kratzen, wenn es juckt, Schweiß abwischen, all das konnte sie nicht mehr.“ Sailer schmiss auch den Haushalt, er wusch, kochte, kaufte ein, hielt die Wohnung in Schuss. Sein Auto ließ er extra umbauen, damit er Anneliese hineinlegen und sie mit zur Arbeit nehmen konnte. Dort hatte sie eine eigene Liege. Seinem Arbeitgeber, der IPA Bauchemie, ist er heute noch dankbar, dass dieser ihm das ermöglicht hat.
 
1995 bekam Hans Sailer eine Farballergie und musste aufhören zu arbeiten. Von da an pflegte er seine Anneliese zu Hause. Ihr bescheidenes Leben hat sich das Ehepaar über die Pflegeversicherung und Anneliese Sailers Rente finanziert. Hilfe, sagt Sohn Mario, habe man dem Papa zwar immer wieder angeboten. „Aber er hat sie nur ganz selten angenommen. Im wesentlichen hat er das alleine gestemmt.“ Für Freunde und Hobbys blieb in all den Jahren so gut wie keine Zeit mehr. Wann immer es möglich war, zog es die Sailers aber hinaus ins Grüne, zu den Verwandten nach Neufahrn, an die Isar, in die Berge. Der Rollstuhl war immer dabei.

Trotz ihrer Krankheit hat Anneliese Sailer ihre Würde niemals verloren. „Der Friseur musste alle sechs Wochen kommen, und dass sie gut angezogen war, war ihr wichtig.“ Besonders schlimm sei es gewesen, als sie nicht mehr eigenständig lesen konnte, weil sie die Seiten der Bücher nicht mehr umblättern konnte. Geklagt, sagt Hans Sailer, habe seine Anneliese aber nie. „Sie war immer gut zu haben.“ Selbst, als ihr langsam, aber sicher die Sprache versagte, „redeten“ sie miteinander. „Ich musste sie nur anschauen und wusste, was sie wollte. ,Anderen geht es noch viel schlechter‘, hat sie immer gesagt.“

Voriges Jahr ist Anneliese Sailer gestorben. Und wie das Schicksal manchmal so spielt: Nach all den gemeinsamen Jahren, in denen sie kaum mehr als eine Stunde voneinander getrennt waren, konnte Hans Sailer ausgerechnet in diesem Moment nicht bei ihr sein. Wegen einer Operation war er selbst im Krankenhaus, in Tutzing. Seine Frau brach sich erst den Oberarm, kam dann mit einer Lungenentzündung in die Wolfratshauser Kreisklinik. Anfang Mai war das. In der Nacht nach ihrer Einlieferung schlief sie mit 70 Jahren für immer ein.

Auf dem Küchentisch in Waldram steht ein Bild von Anneliese Sailer. Dass die Krankheit schon weit fortgeschritten ist, lässt sich mühelos erkennen, sie kann ihren Kopf schon nicht mehr gerade halten. Neben dem Foto stehen Blumen, eine Kerze und ein kleiner Engel. An diesem Platz hat seine Frau immer gesessen“, sagt der 66-Jährige. Das Trauer-Arrangement hilft ihm bei der Bewältigung des Schmerzes. „Ein bisschen ist es, als wäre sie immer noch da.“ Dass er das Bundesverdienstkreuz bekommen hat, das freut ihn, aber nötig wäre es eigentlich nicht gewesen. „Was ich gemacht habe, war doch selbstverständlich.“ Auf die Frage, wie er selbst dieses Leben all die Jahre durchgehalten hat, muss Hans Sailer nur ganz kurz nachdenken. „Man darf nicht immer nur über die Krankheit reden.“

fla

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