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Herrlich selbstironisch: Steven aus Nürnberg erntete viele Lacher. 

Mal wütend und laut, mal unter die Haut 

Gedanken über die Welt: Poesie-Performances im Amtsgericht

„So gut gelaunt sind wahrscheinlich die wenigsten bisher aus dem Amtsgericht gegangen.“ Das Fazit von Christoph Hebenstreit traf den Nagel auf den Kopf: Die rund 100 Zuschauer des Poetry Slams bekamen am Samstagabend kurzweilige, lustige Performances zu sehen, aber auch nachdenkliche Auftritte, die unter die Haut gingen.

Wolfratshausen – Neun Künstler – sechs professionelle Poetryslammer und drei Lokalmatadoren – traten gegeneinander an. Von einem Wettkampfgedanken war aber wenig zu spüren. Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen mit je drei Dichtern aufgeteilt. Eine Jury bewertete die Auftritte in der Vorrunde, im Finale entschied das Publikum per Applaus. Die Gruppensieger trafen in einer Finalrunde aufeinander.

Inspiration von einer Alpendohle

Viele Lacher erntete „Steven aus Nürnberg“, der eine herrlich selbstironische Abhandlung seiner Unfähigkeit zur Romantik preisgab. Bert Uschner ließ sich für seinen Text von einer Alpendohle inspirieren, die sich von einem Berggipfel aus Spaß in den Wind stürzt. Theresa Reichel gab gleich zu Beginn ihres Auftritts zu, dass sie „ein bisschen komisch“ sei. Davon konnte sich das Publikum überzeugen: Wenn eine Kollegin schwanger wird, macht sich Reichel Gedanken über Rollenspiele in deren Schlafzimmer. 

Parallelen zwischen Schach und Gott, der Liebe und der Welt

Die einstige Schullektüre „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller hält die Dichterin für einen „Bitchfight“ zwischen Maria und der Königin. Dass sie auch tiefgründige Texte schreiben kann, bewies die Siegerin des Poetry-Slams im Finale. Sie prangerte an, dass Verwandte und Freunde den Tod ihres Großvaters „in stillem Gedenken“ verarbeiten. Das widerstrebt Reichel: „Ich will kreischen, schreien, toben und schlagen“, brüllte sie. Getan hat sie es dann aber doch nicht. Warum, lässt sie offen: „Dann kommt der Gedanke an, dass es in stillem Gedenken heißt, weil man es nicht anders kann.“ Der Großvater stand auch im Mittelpunkt eines Gedichts von Veronika Rieger. Ein fester Bestandteil ihres Lebens war das sonntägliche Schachspiel mit dem Opa, bei dem sie Parallelen zwischen dem Spiel und der Liebe, zwischen Gott, der Welt und der Politik fand. Bis ihr Großvater dement wurde – „matt“ eben.

Wütend, laut, gesellschaftskritisch

Wütend und laut präsentierte sich dagegen Flo Langbein. In der Gruppenphase verglich er die Probleme Jugendlicher in Deutschland mit denen eines jungen Mannes in einem Bürgerkriegsland und prangerte politisch rechte Strömungen an. Auch im Finale äußerte Langbein Gesellschaftskritik. Er skizzierte ein Schachspiel eines Ehepaares – und die radikal unterschiedlichen Lebensansichten der Partner. „Der Mann schlägt die Dame, weil er es kann.“ Gleichzeitig kritisierte Langbein die Weltpolitik. Denn in der Welt fällt – wie beim Schach – der „schwarze Bauer zuerst“.

Unter die Haut: Szenen aus dem Leben von Opfern sexueller Gewalt

Unter die Haut ging das letzte Gedicht, das Veronika Rieger im Finale vortrug. Sie beschrieb Szenen aus dem Leben von Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt wurden und sich in Alltagssituationen ständig daran zurückerinnert fühlen. Ob der Satz „Du willst es auch“, der Geruch eines Männerparfüms oder der Geschmack einer bestimmten Sektsorte – irgendetwas bringt die Protagonistinnen gedanklich immer wieder zurück zu ihren Peinigern. „Jede siebte Frau in Deutschland wird Opfer von sexueller Gewalt“, sagte Rieger. Dann zählte sie sechs Frauen im Publikum ab. Bei der „Sieben“ hob sie ihre Hand: „Willkommen in meiner Welt.“

Von Dominik Stallein

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