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Der Fleißkärtchensammler und seine große Stütze: RS C-Radmarathon-Experte Jürgen Bauer und Gattin Melanie, ebenfalls begeisterte Radfahrerin.

Porträt der Woche

Der Kilometerfresser: Radsportler Jürgen Bauer

Tag und Nacht im Sattel, über mehr als 500 Kilometer. Zeit für Erholung gibt es so gut wie keine – und wenn, nutzt er sie nur, um kurz auszutreten. Dann geht’s wieder aufs Rad. 

Wolfratshausen – Das 24-Stunden-Rennen in Kelheim gehört zu den anspruchsvollsten Rennradveranstaltungen Bayerns – und zu den bekanntesten. Jürgen Bauer hat es zweimal bestritten. 2014 fuhr er durch, 2016 musste er aufgeben. „Ein Magen-Darm-Virus. Ich war total dehydriert, bekam Krämpfe“, erzählt der Athlet des RSC Wolfratshausen. Der Notarzt brachte ihn damals ins Krankenhaus, dort bekam der 41-Jährige Infusionen. Eine Woche später saß er wieder auf dem Rad.

„Ich will es einfach bis ins Ziel schaffen“

Jürgen Bauer ist kein Seriensieger, keiner, der Platzierungen am Fließband holt. Er ist ein Fahrer aus der zweiten Reihe; einer derjenigen, die oft mehr kämpfen müssen als die, die frisch geduscht vom Podium jubeln. Und dennoch hat er sich zu einem Vorzeigeathleten des RSC gemausert. Rund 8000 bis 10 000 Kilometer legt er jede Saison zurück, dazu kommen rund 20 Renn- und Marathonveranstaltungen übers Jahr. Extrem-Events wie der berüchtigte Ötztaler Radmarathon oder das Rennen in Kelheim sind seine Stärke. Ausdauerprüfungen, bei denen er mehrere hundert Kilometer im Sattel zurückgelegen – und leiden muss, um sie zu bewältigen. „Mir geht es nicht darum, welche Zeit ich habe. Ich will es einfach bis ins Ziel schaffen“, sagt der gebürtige Oberpfälzer.

Seinen Ehrgeiz erklärt er mit seinem beruflichen Hintergrund

Seinen Ehrgeiz erklärt er mit seinem beruflichen Hintergrund: Bauer ist Soldat. Für die Bundeswehr war er zweimal im Kosovo und einmal in Afghanistan im Einsatz – jeweils ein halbes Jahr. „Wenn man sich für diesen Beruf entscheidet, muss man eine mentale Robustheit mitbringen. Gerade wenn du Vorgesetzter bist, musst du als Vorbild vorangehen – auch körperlich. Wie willst du deine Soldaten zu Höchstleistung bringen, wenn du das selber gar nicht kannst?“

Erst Muckibude, dann Rennrad

Mit dem Radfahren begonnen hat Bauer als Jugendlicher. Zur Kommunion bekam er ein Rennrad geschenkt. „Ein bordeauxrotes Peugeot. Damit bin ich kleinere Touren gefahren. Beim Bund bin ich auf Kraftsport umgeschwenkt. In jeder Kaserne gibt es Muckibuden, das ist einfacher.“ Als er bei einem 30-Kilometer-Marsch vor zehn Jahren merkte, dass ihm die Ausdauer fehlt, setzte er sich wieder auf seinen Renner. „Und von da an wurde es immer mehr“, sagt Bauer. Seit Ende 2011 tritt der Weilheimer für den RSC Wolfratshausen in die Pedale. An die 100 Rennen sind seitdem zusammengekommen.

Sechs Alpenpässe an einem Tag

Einer seiner größten Erfolge: das Finishen beim Endura Alpentraum 2014 – ein Rennen über 260 Kilometer und mehr als 6000 Höhenmeter. „Ich habe mich damals gefragt, ob ich es schaffen kann, sechs Alpenpässe an einem Tag zu bewältigen. Und es hat geklappt, wenn auch knapp.“ Als 363. von 364 Fahrern quälte sich Bauer über die Ziellinie – nach knapp 14 Stunden Fahrtdauer. 32 hatten es gar nicht erst ins Ziel geschafft. „Es war schon dunkel, als ich ankam.“ 2015 beendete er den Alpentraum erneut, dieses Mal 20 Minuten schneller. „Wenn man sich ein Ziel setzt und das dann umsetzt, ist das ein ganz persönlicher Gewinn, auch wenn man keine vordere Platzierung erreicht.“

Klassische Erfolge springen dennoch hin und wieder heraus, etwa bei der Zwölf-Stunden-Mountainbike-WM im vergangenen Jahr in Weilheim, als er gemeinsam mit Vereinskamerad Christoph Lösche mit Platz vier knapp das Podest verfehlte. „Das war die reinste Schlammschlacht. Kaltes Wetter und nahezu Dauerregen verwandelten die Rennstrecke in ein Schlammbad“, blickt Bauer zurück.

Gattin Melanie ist die große Stütze

Die große Stütze bei all seinen sportlichen Projekten: seine Frau Melanie, selbst aktive Radfahrerin. „Ohne sie würde das alles gar nicht gehen“, sagt Bauer und verweist auf die schwierigen Momente eines Sportlerlebens – etwa Stürze. 2013 verletzte er sich bei einem Trainingsunfall in der Heimat schwer an der Wirbelsäule, 2016 zog er sich bei einem Sturz in der Abfahrt vom Timmelsjoch in Italien starke Schürfwunden und Prellungen zu. „Egal ob im Training oder Rennen – sie ist immer für mich da.“

Wie es in diesem Jahr bei ihm weitergeht, weiß Bauer noch nicht. Ein Projekt wird sein, seine Frau auf ihrem Weg zum Ötztaler Radmarathon zu begleiten. „Ansonsten würde ich gerne mehr als 10 000 Kilometer radeln.“ Ob er erneut die 24 Stunden von Kelheim angeht, um Tag und Nacht ohne Pause durchzuradeln, steht noch nicht fest. „Ich will einfach Spaß am Radfahren haben – der Rest ergibt sich von alleine.“

Von Werner Müller-Schell

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