Rennradler auf Tour
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Rennradler auf Tour: Nicht alle halten sich an die Straßenverkehrsordnung, manche treten sogar regelrecht aggressiv auf.

Nicht alle Biker halten sich an die Verkehrsregeln – das führt zu Konflikten

Rabiate Radl-Rambos

  • vonPeter Borchers
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Radfahren boomt während der Pandemie. Das birgt Konfliktpotenzial. immer häufiger kommt es zu Auseinandersetzungen. Nicht selten daran beteiligt: Rennradfahrer.

Wolfratshausen – „Unter allen Radlern“, sagt Robert Tanner, „sind die mit einem Rennrad unter dem Hintern die Asozialsten.“ Oft scherten sie sich weder um rote Ampeln, nutzbare Radwege noch um Fußgänger. Tanner, der seinen richtigen Namen aufgrund von schlechten Erfahrungen nicht in der Zeitung lesen möchte, ärgert sich über dieses Verhalten. Der 55-Jährige verbringt selbst viele Stunden seiner Freizeit auf dem Sattel. Er will seine Kritik nicht pauschalisieren. „Es gibt sicher viele vernünftige Rennradler, aber eben auch viele, die rücksichtslos fahren.“ Und das werfe wiederum ein schlechtes Bild auf alle anderen.

Ein sonniger Sonntag im Frühling, zwei Schauplätze: Aus Richtung Egling kommend heizt ein Viererpulk auf seinen Rennmaschinen mit den ultraschmalen Reifen in Richtung Puppling – auf der Staatsstraße wohlgemerkt. Den parallel verlaufenden Radweg strafen sie mit Missachtung. Hinter dem Quartett stauen sich die Autos. Überholen ist mit dem außerorts gesetzlich geforderten Mindestabstand von zwei Metern auf der unübersichtlichen Strecke wegen des Gegenverkehrs unmöglich. Der Straßenverkehrsordnung entspricht das Verhalten der Sportler nicht: „Wenn ein ausgeschilderter Radweg vorhanden ist, müssen ihn Radler nutzen, auch Rennradler“, sagt Tony Lechner, Verkehrsexperte der Wolfratshauser Polizei.

Tony Lechner, Verkehrsexperte der Wolfratshauser Polizei

„Tatort“ Nummer zwei: das Ufer des Starnberger Sees in Ambach. In rasendem Tempo schießen bunt bedresste Radler die Seestraße entlang, nicht selten Spaziergänger als Slalomstangen missbrauchend (wir berichteten). Laut Anwohner Oliver Bendixen verkommt die Seestraße besonders seit Ausbruch der Pandemie zur „Trainingsstrecke für Rennrad- und Mountainbike-Gruppen“. Vielen Bikern sei „das Hirn in die Wade gerutscht“.

Der Radverkehr hat, bedingt durch die Corona-Pandemie, deutlich zugenommen.

Tony Lechner

Grundsätzlich lasse sich beobachten, „dass der Radverkehr, bedingt durch die Corona-Pandemie, deutlich zugenommen hat“, sagt Tony Lechner. Mehr Menschen würden ihr Fahrrad zur Freizeitgestaltung und zur Bewältigung der täglichen Wege nutzen. „Das ist sehr erfreulich“, habe allerdings negative Auswirkungen auf die Unfallzahlen – zum Beispiel im Gemeindebereich Egling. Hier macht die Statistik allerdings keinen Unterschied zwischen den Radtypen, sie umfasst Rennmaschinen ebenso wie Mountainbikes und Pedelecs. Im Vorjahr ereigneten sich dort 18 Unfälle (2019: 7) mit Beteiligung von Radlern, fünf davon im Hotspot Pupplinger Au. Ein Mann starb, 19 Personen wurden verletzt (2019: 8).

Auch ein Blick auf die Unfallursachen sei interessant, sagt Lechners Kollege, Jugendverkehrserzieher Hans-Peter Eidenschink: Bei sieben Unfällen sei der Radler ohne Fremdeinwirkung gestürzt. Dreimal krachte es zwischen Drahtesel und Pkw. „Bei drei Unfällen stießen Radfahrer untereinander zusammen und bei zwei Unfällen kam es zur Kollision mit einem Fußgänger.“ Dreimal sei ein Tier die Ursache gewesen. Auch ein „Aggressionsdelikt“ mit Beteiligung eines Radfahrers – es ging um Beleidigung – hatten die Wolfratshauser Beamten zu bearbeiten. Apropos aggressiv: Kürzlich trat ein Rennradler in Gelting unvermittelt gegen den Außenspiegel eines ihm entgegenkommenden Fiat (wir berichteten). Noch fahndet die Polizei nach dem Radl-Rambo.

Lechner verweist auf die Regeln, an die sich Biker laut Straßenverkehrsordnung (StVO) zu halten haben. Dazu gehören unter anderem ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme, das Rechtsfahrgebot und eine besondere Sorgfaltspflicht gegenüber Kindern und älteren Menschen. Zudem „gelten Rotlicht an Lichtsignalanlagen und Vorfahrtszeichen auch für Radfahrer“. Und obwohl Rad- und Pedelecfahrer nicht an die generellen Tempolimits gebunden sind, die die StVO für Kraftfahrzeuge beschreibt: „An Verkehrszeichen, die Geschwindigkeiten für alle Fahrzeuge regeln, müssen auch sie sich halten. Bei einem Tempo-50-Schild heißt das für Radler: maximale Höchstgeschwindigkeit 50 Kilometer in der Stunde.“ In Tempo-30-Zonen sind auch für Biker höchstens 30 Kilometer in der Stunde erlaubt, in ausgewiesenen Spielstraßen nur Schrittgeschwindigkeit. Einzige Ausnahme ist das Ortseingangsschild: Während Autofahrer hier auf 50 km/h herunterbremsen müssen, bedeutet es für Radler lediglich: Hier beginnt eine Ortschaft.

Wolfgang Sacher, Chef des RSC Wolfratshausen

Tony Lechner betont, dass es natürlich viele brave (Renn-)Radler gibt. Der Polizeihauptkommissar nennt exemplarisch die Sportler des RSC Wolfratshausen. Die würden sich vorbildlich verhalten, „die Zusammenarbeit mit dem Verein klappt hervorragend“. Dessen Vorsitzender bestätigt das. „Wir haben ja immer wieder Kontakt, wenn wir Rennen austragen“, sagt RSC-Boss Wolfgang Sacher. Er betont, dass man sich bei Ausfahrten im Klub grundsätzlich an die Regeln halte. „Wir legen Gruppen fest, die zueinander passen, damit es keinen Fleckerlteppich auf der Straße gibt, der die Autofahrer stresst.“ Zudem meiden die RSC-Radler Hauptverkehrsrouten: „Uns geht es ja vor allem ums Gemeinschaftserlebnis, deshalb sind wir lieber auf Nebenstraßen unterwegs.“

Manche Autofahrer fahren an uns vorbei und betätigen dann vorsätzlich die Scheibenwaschanlage.

Wolfgang Sacher

Allerdings räumt Sacher ein, innerorts selbst gelegentlich die Straße statt des Radwegs zu nutzen. Zum einen seien Absätze und Kanten der Bordsteine für schmale Reifen Gift, „zudem sind die Sichtdreiecke an den Einmündungen auch nicht mehr so, wie sie früher mal waren. Wenn dort Autos herausfahren, ist das für uns Rennradler schon brutal gefährlich.“ Der Radweg von Wolfratshausen nach Maxkron jedoch werde von Rennradlern sehr gut genutzt, sagt der Penzberger, „dort fährt fast keiner mehr auf der Straße“.

Sacher streitet nicht ab, dass es schwarze Schafe in seinem Sport gibt. Gerade Solo-Radler, die im sogenannten Strava-Cup auf einer bestimmten Runde virtuell die Bestzeit anderer jagen, nehmen es mit der StVO nicht immer genau. „Dann entstehen schon einmal Konflikte, und ich verstehe da auch die Autofahrer.“ Freilich verhalten sich letztere ebenfalls nicht immer gentlemanlike: „Manche fahren an uns vorbei und betätigen dann vorsätzlich die Scheibenwaschanlage.“ Ihm selbst sei dabei schon das mit Frostschutzmittel oder Scheibenklar versetzte Wasser in die Augen gespritzt, „und das war gar nicht so ohne“.

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