Eine Frau auf einer Treppe zur Kreisklinik Wolfratshausen.
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Wohin führt der Weg für die Kreisklinik am Wolfratshauser Moosbauerweg? Gutachter haben ein düsteres Bild gezeichnet.

Künftig nur noch ambulante Behandlungen?

Radikalkur für Kreisklinik Wolfratshausen: Das steht im internen Gutachten

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Hat die Kreisklinik in Wolfratshausen noch eine Zukunft? Nicht ohne Radikalkur, meinen Berliner Unternehmensberater in einem internen Gutachten, das unserer Zeitung vorliegt.

Wolfratshausen – Die Unternehmensberater der Vicondo Healthcare GmbH in Berlin zeichnen ein düsteres Bild. Sehe man vom Jahr 2016 ab, schreibe die Wolfratshauser Kreisklinik seit 2013 rote Zahlen. Aufgrund der Übernahme der Geburtshilfe durch das Klinikum Starnberg vor knapp drei Jahren werde das Jahresergebnis durch zusätzliche 1,5 Millionen Euro Verlust belastet. Ein „Weiter so“ dürfe es nicht geben, so Vicondo in einem vom Kreisausschuss in Auftrag gegebenen Gutachten, das unserer Zeitung vorliegt.

In der Studie zur zukunftssicheren Gesundheitsversorgung im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen schlagen die Berliner vor, die Kreisklinik in ein Gesundheitscampus zu „überführen“. Ein solcher Gesundheitscampus „erfüllt wesentliche Versorgungsbedarfe“, erklären die Unternehmensberater vage. Im Gegenzug werden in der Stadtklinik Bad Tölz, Träger ist die Asklepios-Kliniken-Gruppe mit Sitz in Hamburg, „die akutstationären Leistungen inklusive Geburtshilfe gebündelt“. Das heißt: In der Kreisstadt entsteht „eine Klinik der Zentralversorgung mit 300 bis 350 Betten“. Die bestehende Notaufnahme in Wolfratshausen würde in diesem Zuge aufgelöst, in Bad Tölz eine zentrale Notaufnahme installiert. „Dieses Szenario erlaubt eine stabile, wirtschaftliche Gesundheitsversorgung“, bilanziert Vicondo.

Gutachter plädieren für „Transformation“ der Kreisklinik

Die Berliner geben jedoch zu bedenken: Um den Standort Bad Tölz „um die benötigte Infrastruktur für zirka 2000 bis 2500 zusätzliche Patienten zu erweitern“, müsse ein Investor gefunden werden. Denn die Gutachter rechnen mit einem hohen Investitionsbedarf für den Ausbau der Asklepios-Stadtklinik und die parallele „Transformation“ der Kreisklinik. Nicht zu vergessen: Der Landkreis müsse eine „dauerhafte Bezuschussung für die Geburtshilfe einplanen“.

Das Gros der Patienten, die die Kreisklinik ansteuern, stammt aus dem Nordlandkreis, hat Vicondo recherchiert. 35 Prozent aus Geretsried, gut 29 Prozent aus Wolfratshausen, knapp fünf Prozent aus Egling, 3,7 Prozent aus Eurasburg, dazu kommen Patienten aus München (3,4 Prozent), Icking (2,6), Münsing (2,4) und Dietramszell (2,2). Unterm Strich attestieren die Unternehmensberater der Kreisklinik ein „sehr begrenztes, lokales Einzugsgebiet“. Dafür mitverantwortlich seien die einweisenden Ärzte, die ebenfalls „stark auf die Region beschränkt sind“. Das gesamte „Marktpotenzial“ im Landkreis, gemeint sind Patienten, betrug laut Vicondo im Jahr 2019 20 674 Männer, Frauen und Kinder. Nur etwas mehr als ein Viertel von ihnen (26,4 Prozent) entschied sich für eine Behandlung in der Kreisklinik.

Die Kreisklinik Wolfratshausen verliert seit Jahren Fälle und Erlöse in einem zunehmend stagnierenden und kompetitiven Marktumfeld.“

Zitat aus dem Vicondo-Gutachten

Sinkende Fallzahlen, sinkende Erlöse und Verweildauern oberhalb der Kalkulationen des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus „machen die kritische wirtschaftliche Situation der Kreisklinik deutlich“. Fazit: „Die Kreisklinik Wolfratshausen verliert seit Jahren Fälle und Erlöse in einem zunehmend stagnierenden und kompetitiven Marktumfeld.“ Dazu trage das „komplementäre Angebot“ umliegender Kliniken bei. Die Berliner haben zum Beispiel ermittel: In den Erkrankungs- und Behandlungsgruppen „nicht schwere Krankheiten Verdauungsorgane, obstruktive Lungenerkrankungen und schwere Krankheiten Verdauungsorgane“ würden mehr als 30 Prozent des „Marktpotenzials im Landkreis“ von auswärtigen Krankenhäusern abgeschöpft. Darüber hinaus würden die Kreisklinik und die Asklepios-Stadtklinik in Bad Tölz in einem „deutlichen Wettbewerb stehen“ (Stichworte Stroke Unit, Beatmungsmedizin, Akutgeriatrie, Gelenkchirurgie) – „was zu Lasten beider Standorte geht“.

Nur noch ambulante Basisversorgung in Wolfratshausen

Für die Vicondo Healthcare GmbH heißt die von ihr bevorzugte Lösung „intersektoraler Gesundheitscampus“. Die Kreisklinik, die rund 400 Beschäftigte zählt, dürfe nicht länger „ein kleiner Einzelkämpfer“ bleiben, sondern müsse mit weiteren Anbietern, zum Beispiel einem weiteren Krankenhaus oder weiteren Arztpraxen, kooperieren. Am künftigen Campus am Moosbauerweg soll die medizinische Basisversorgung gewährleistet bleiben, in dem internen Gutachten ist in diesem Kontext die Rede von „ambulanten Strukturen“. Die stationäre Einheit der Kreisklinik soll „umgewandelt“ werden, im neuen Gesundheitscampus nur noch „ambulante Eingriffe verschiedener Fachabteilungen erfolgen“.

Die Berater sehen neben der potenziellen wirtschaftlichen Gesundung der Kreisklinik gGmbH zahlreiche weitere Vorteile: Der „Gesundheitsstandort Wolfratshausen“ bliebe erhalten, die stationäre Versorgung im Landkreis würde gefestigt, und „der Zugang zur Gesundheitsversorgung wird auch in den ländlichen Regionen gestärkt“. Denn: Angedacht sind lokale medizinische Angebote (sogenannte Port-Zentren) jeweils in Geretsried und Lenggries sowie „ein Gesundheitskiosk beziehungsweise ein heilberufliches Netzwerk“ in Kochel am See.

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Kritiker führen ins Feld, dass das Abschmelzen des Leistungsangebots in Wolfratshausen gravierende Folgen vor allem für Patienten in Egling und Dietramszell hätte. Der Weg von einer dieser Gemeinden zur nächsten Klinik würde künftig deutlich länger. Im Falle eines Schlaganfalls oder Herzinfarktes kommt es aber bekanntlich auf jede Minute an. Vicondo kontert: Die durchschnittliche Pkw-Fahrtzeit zum nächsten Krankenhaus in der Region „beträgt derzeit 6,3 Minuten“. Sollte die Kreisklinik geschlossen werden, würde sich die durchschnittliche Fahrtzeit auf 7,3 Minuten erhöhen. Länger als 30 Minuten unterwegs, das zeige der Kliniksimulator der Gesetzlichen Krankenversicherung, wären 1420 Landkreisbürger.

Während der Corona-Pandemie war es entscheidend, dass an der Kreisklinik ausreichend Intensiv- und Beatmungskapazitäten vorhanden waren.“

Ein Klinik-Mitarbeiter

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Weiterbildung hinsichtlich Innerer Medizin und Notfallmedizin entfalle, sollten die Intensivabteilung sowie die Notaufnahme in der Loisachstadt dicht gemacht werden. „Während der Corona-Pandemie war es entscheidend, dass an der Kreisklinik ausreichend Intensiv- und Beatmungskapazitäten vorhanden waren“, betont ein Klinik-Mitarbeiter, der anonym bleiben will. Ohne diese Kapazitäten hätten schwer an Covid-19 Erkrankte nicht versorgt werden können. Ein anderer Insider kritisiert die vorgeschlagene Schließung der Notaufnahme beziehungsweise deren Zentralisierung an der Asklepios-Stadtklinik in Bad Tölz. Jeder Notfallpatient müsste künftig in die Kreisstadt gebracht werden – dafür reiche die Personalstärke des Rettungsdienstes nicht aus.

Bevölkerungswachstum nicht Rechnung getragen

Auch angebliche handwerkliche Fehler in der Vicondo-Expertise werden hinter verschlossenen Türen moniert. So sei das Bevölkerungswachstum im Mittelzentrum Geretsried-Wolfratshausen außer Acht gelassen worden. Vor allem in Geretsried wird kräftig gebaut, bis zum Jahr 2030 nehme die Zahl der Bürger im Mittelzentrum um etwa 6000 zu. Dieser Entwicklung trage das Gutachten keine Rechnung. Somit bliebe unerwähnt, dass eine höhere Bevölkerungszahl voraussichtlich zu einer höheren Frequenz der Notfallaufnahme führen werde. Dazu komme: Die Beraterfirma stelle die Kreisklinik als „Einzelkämpfer“ dar, unterschlage jedoch die zahlreichen Vernetzungen – seit 2005 ist die Einrichtung akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Noch ist nichts in Stein gemeißelt. In einem internen Info-Papier an die Mitarbeiter der Kreisklinik betont Aufsichtsratsvorsitzender Josef Niedermaier, dass es sich um einen „ergebnisoffenen politischen Prozess unter Einbindung des Kreistags“ handele. Dieser Prozess sei „noch nicht abgeschlossen“. Niedermaier und Klinik-Geschäftsführer Ingo Kühn versichern in dem Schreiben, dass ein Ziel die „dauerhafte Standort- und auch Arbeitsplatzsicherung“ sei. Die Unternehmensberater aus Berlin sehen auf jeden Fall akuten Handlungsbedarf. Das „Adjustieren der derzeitigen Strategien“ sei erforderlich, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie – deutlich weniger Steuereinnahmen – würden die ohnehin schwere Lage kommunaler Kliniken verschärfen. „Die Verluste in der Kreisklinik werden weiter steigen“, prognostizieren die Experten.

Landrat lädt zu Pressegespräch ein

Insgesamt unterbreiten die Gutachter den Kreisräten vier „Handlungsszenarien“. Neben dem favorisierten Umbau der Kreisklinik zu einem Gesundheitscampus könnte am Status quo (beide Kliniken bleiben unverändert bestehen und agieren unabhängig voneinander weiter) festgehalten werden. Eine weitere Alternative: die Konzentration der „akutstationären Versorgung“ an einem zentralen Standort im Kreis. Oder: „Beide Standorte bleiben als Akutkliniken mit abgestimmtem Leistungsportfolio erhalten.“ Reichlich Diskussionsstoff also für die Kreispolitiker. Landrat Niedermaier will die mehr als 50 Seiten umfassende Studie am Mittwoch in einem Pressegespräch erläutern. (cce)

Lesen Sie auch: „Es geht um Menschenleben“ - Protest gegen „Auflösung“ der Kreisklinik.

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