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Reiner Berchtold über die Bewältigung der aktuellen Flüchtlingskrise

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Von: Doris Schmid

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Gutes Miteinander: Reiner Berchtold (stehend, li.) und Alexander Robinson mit (sitzend, v. li.) Halyna LLiukhina, Alina und Nicol. Die Familie aus der Ukraine hat bei dem Geretsrieder Zuflucht gefunden. Reiner Berchtold unterstützt sie bei Formalitäten.
Gutes Miteinander: Reiner Berchtold (stehend, li.) und Alexander Robinson mit (sitzend, v. li.) Halyna LLiukhina, Alina und Nicol. Die Familie aus der Ukraine hat bei dem Geretsrieder Zuflucht gefunden. Reiner Berchtold unterstützt sie bei Formalitäten. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Viele Bürger kümmern sich um Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine - auch Reiner Berchtold. Für ihn ist es nach 2015 die zweite Flüchtlingskrise, wo er mit anpackt.

Wolfratshausen/Geretsried – Seit der Ankunft der ersten Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine Mitte März engagieren sich viele Landkreisbürger ehrenamtlich. Einer von ihnen ist der ehemalige Wolfratshauser Bürgermeister Reiner Berchtold. Er war dabei, als die ersten Geflüchteten in Geretsried ankamen. Für ihn ist es nach 2015 bereits die zweite Flüchtlingskrise, bei deren Bewältigung er als Helfer mit anpackt. Läuft es heuer besser als vor sieben Jahren? Das verrät der ehemalige Polizeibeamte (67) im Interview.

Herr Berchtold, wo haben Sie sich 2015 ehrenamtlich engagiert?

Berchtold: Ich war Ende 2015 bis Anfang 2016 für die Regierung von Oberbayern tätig. In der Bayernkaserne in München habe ich Flüchtlinge registriert, die damals hauptsächlich aus Afghanistan und Syrien stammten.

Wie kam es, dass Sie auch in diesem Jahr wieder bei der Registrierung im Einsatz waren?

Berchtold: Ich habe mich auf eine Pressemeldung des Landratsamts hin gemeldet und meine Hilfe angeboten. Einen Tag später habe ich eine Mail bekommen, dass ich am 13. März, ein Sonntag, gegen 10.30 Uhr nach Geretsried kommen soll. Dort sollten an der Turnhalle der Mittelschule die ersten Flüchtlinge eintreffen. So war es dann auch. Knapp 50 Leute, überwiegend Frauen mit Kindern, stiegen aus dem Bus aus. Auch ein Chinese, der in der Ukraine studiert, war dabei, ebenso wie eine Familie aus Moldawien.

Wie klappte die Verständigung?

Berchtold: Anfangs gab es nur wenige Dolmetscher. Da hat uns jemand von der Security ausgeholfen, der Russisch konnte. Denn mit den kyrillischen Schriftzeichen in den Pässen konnten wir nichts anfangen. Die Neuankömmlinge wurden untersucht, ihnen wurden Betten zugewiesen und ihre Daten wurden erfasst. Dazu wurden die Pässe eingesammelt und Listen für das Einwohnermeldeamt in Geretsried erstellt. Ich würde sagen, wir waren zwei, drei Stunden mit der Registrierung beschäftigt.

Hätte das Ganze organisierter ablaufen können?

Berchtold: Aus meiner Sicht war alles sehr gut vorbereitet. Der Leiter des Hausmeisterpools am Landratsamt ist ein sehr engagierter Mann, der schon bei der Flüchtlingskrise 2015/2016 dabei war. Am Freitag kam der Hinweis, dass am Sonntag Flüchtlinge kommen. Für Samstagvormittag war der Aufbau angesetzt. Kurz nach Mittag am Samstag war alles fertig. Das war wirklich eine tolle Leistung. Beim Ablauf habe ich versucht, meine Erfahrungen aus der Bayernkaserne einzubringen. Wenn man mit der Erfassung beginnt, ist es das Wichtigste, dass man die Papiere hat und die Personen zuweisen kann. Also in welchen Abschnitt sie kommen, wo ihr Bett steht und so weiter. Dem ist dann auch gefolgt worden, und es ist dann relativ gut gegangen.

Wahrscheinlich sind Sie von den Geflüchteten mit Fragen gelöchert worden.

Berchtold: Die Frage „Wo können wir Geld wechseln?“ tauchte sehr oft auf. Aber das haben wir auch nicht gewusst. Die Banken wollten die ukrainische Währung, den Hryvnia, nicht. Auch der russische Rubel war anfangs gesperrt. Aber das Problem hat sich dieser Tage ja für den Hryvnia erledigt.

Bei der Registrierung von Geflüchteten ist es nicht geblieben. Seit zwei Monaten betreuen Sie auch eine ukrainische Familie. Wie kam es dazu?

Berchtold: Der Kontakt kam eigentlich über die ehemalige Dolmetscherin von Brody, der Freundschaftsstadt von Wolfratshausen in der Westukraine, zustande. Sie hat deutsche Vorfahren und ist vor einiger Zeit nach Geretsried ausgesiedelt und engagiert sich ebenfalls ehrenamtlich. Sie fragte mich, ob ich eine ukrainische Familie, die in Geretsried Zuflucht gefunden hat, bei Formalitäten unterstützen könnte. Natürlich habe ich ja gesagt.

Um wen genau kümmern Sie sich?

Berchtold: Es handelt sich um eine Mutter mit Tochter und Schwiegermutter aus der Millionenstadt Charkiw ganz in der Nähe der russischen Grenze. Der Mann der Mutter ist beim Militär. Die drei sind bei einem alleinerziehenden Vater untergebracht, der ein Haus hat und die Familie gerne aufgenommen hat. Ich helfe ihnen bei Angelegenheiten mit Ämtern, zuletzt ging es um die Beantragung des Aufenthaltstitels. Jeden zweiten, dritten Tag gibt es Blätter zum Ausfüllen. Mittlerweile haben die Ukrainer auch erste Formulare vom Jobcenter bekommen, damit Grundsicherungsleistungen beantragt werden können. Diese Anträge sind zweisprachig ausgestellt. Das ist eine große Erleichterung.

Kommt die Hilfe von Amtsseite bei den Geflüchteten auch an?

Berchtold: Das Auszahlen der Leistung durch das Asylamt hat anfangs nicht geklappt. Im Bescheid stand, dass die Unterstützung in bar ausgezahlt wird. Aber es stand nicht explizit drin, ob es das Geld direkt im Amt oder woanders gibt. Dann hieß es, dass es die Leistung in bar im Landratsamt gibt. Dann gab es die Info, dass die Auszahlung über die Städte abgewickelt wird. Das wurde wieder revidiert, weil der Datenabgleich nicht funktioniert hat.

Puh. Da den Überblick zu behalten, ist nicht einfach.

Berchtold: Ja. Das sind Sachen, die dürften bei dieser Flüchtlingskrise eigentlich nicht mehr passieren. Das soll kein Vorwurf an das Personal in den Ämtern sein. Die müssen das Ganze zusätzlich zur Corona-Pandemie schultern, oft kurzfristig und schnell reagieren.

Wie funktioniert die Auszahlung der Leistungen für die Ukrainer nun?

Berchtold: Man spricht jeden Montag im Landratsamt vor und bekommt nach der Überprüfung der Identität eine Scheckkarte ausgehändigt. Damit geht man zum Geldautomaten, der im Amt steht, und bekommt sein Geld ausbezahlt.

Ganz schön umständlich für jemanden, der nicht in Bad Tölz wohnt.

Berchtold: Das könnte wirklich kundenfreundlicher gestaltet werden. Ich will das jetzt nicht jeder kleinen Gemeinde aufbürden, aber die Städte Wolfratshausen, Geretsried und Bad Tölz könnten die Auszahlung schon übernehmen.

Ihre ukrainischen Schützlinge leben jetzt seit zwei Monaten in Geretsried. Sind sie gut integriert?

Berchtold: Was die erste Zeit anbelangt, ist die Integration ganz gut gelaufen. Die achtjährige Tochter möchte jetzt in die Schule gehen. Die Mutter ist 39 Jahre alt und will unbedingt arbeiten. Doch dafür müsste sie erst Deutsch lernen. Bislang verständigen wir uns über eine Sprach-App. Jetzt gibt es freitags in Geretsried einen Kurs von Ehrenamtlichen, die den Geflüchteten Deutsch beibringen. Jetzt wird wohl auch das BFZ (Berufliches Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft, Anm. d. Red.) Deutsch- und Integrationskurse anbieten.

Dann dürfte der Jobsuche ja nichts mehr im Wege stehen.

Berchtold: Manche Ukrainer warten darauf, dass sie vom Staat wegen eines Jobs angeschrieben werden. Das war wohl in den Ostblockländern so. Aber bei uns ist das anders, da ist auch Eigeninitiative gefragt, und das musste ich erst vermitteln. Die Schwiegermutter ist 59 Jahre alt und war in der Ukraine bereits im Ruhestand. Nach deutschem Recht müsste sie noch arbeiten. Wie das ausgeht, müssen wir noch abwarten. Vorsichtshalber haben wir beim Jobcenter einen Antrag auf Grundsicherung gestellt.

Wo hakt es bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise aus Ihrer Sicht?

Berchtold: Gewisse Änderungen kommen von den Ministerien immer noch relativ kurzfristig und müssen extrem schnell umgesetzt werden. Das war bei der Flüchtlingskrise 2015 so, während der Corona-Pandemie und jetzt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Verwaltungen sind dann die Leidtragenden. Während meiner Ausbildung zum Polizeikommissar hat es geheißen: Auf einen Brennpunkt ist mit einem Schwerpunkt zu reagieren. Das sagt meiner Meinung nach alles. Wenn extreme Lagen entstehen, muss zugearbeitet und vorübergehend alles unterordnet werden. Auch die Gemeinschaftsunterkünfte können auf Dauer nicht die Lösung sein. Die Menschen werden länger bleiben, als sie angenommen haben, weil der Krieg in der Ukraine andauern wird. Ein gewisser Teil wird vielleicht für immer bei uns hier leben wollen.

Wie fällt Ihr Fazit nach zwei Monaten Flüchtlingskrise in Deutschland aus?

Berchtold: Für die relativ große Anzahl von Geflüchteten aus der Ukraine haben wir das im Großen und Ganzen gut hinbekommen – dank der Unterstützung zahlreicher Freiwilliger.

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Alle Informationen zum Ukraine-Krieg auf unserer Themenseite L

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