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Sie sind zur Stelle, wenn andere Hilfe brauchen: die Ehrenamtlichen der vielen Rettungsorganisationen. Für Ihr Engagement wünschen sie sich mehr Verständnis. 

„Wir rücken nicht zum Spaß aus“

Rettungskräfte im Landkreis ernten vermehrt Unverständnis und Kritik

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Rettungskräfte haben keinen leichten Job. Wie wenig Lob sie dafür ernten und wie oft sie kritisiert werden, davon berichten die Organisationen im Landkreis.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ein Unfall in Geretsried sorgte vor kurzem deutschlandweit für Schlagzeilen: Weil einem Autofahrer die Straßensperrung der Feuerwehr nicht passte, fuhr er einen Feuerwehrmann an. Obwohl die Rettungskräfte in der Region auch schöne Überraschungen erleben, wünschen sie sich mehr Verständnis von den Bürgern.

„Wir bekommen sehr positive Rückmeldungen“, sagt Horst Stahl von der Bergwacht in Bad Tölz. „Die überwiegen deutlich, auch wenn es immer mal wieder negative Stimmen gibt.“ Briefe, Spenden, eine Brotzeit – damit bedanken sich etliche für das Engagement der Bergwacht. „Das hängt wohl auch damit zusammen, dass Verunglückte – anders als im Landrettungsdienst – länger in unserer Obhut sind“, mutmaßt der 56-jährige Bereitschaftsleiter. „Unser Kontakt ist intensiver, deshalb zeigen sich die Leute im Nachhinein in der Regel sehr dankbar.“

„Das Frustrierendste, was man als Helfer erleben kann“

Die Zahl der schönen Momente ist auch beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in Bad Tölz größer, findet Rettungsdienstleiter Markus Beil. „Über Dankschreiben freuen wir uns regelmäßig.“ Besonders in Erinnerung geblieben ist dem 29-Jährigen der Bombenfund in Geretsried im Mai. „Eine Firma hat unseren Einsatzkräften sofort ihre Parkplätze, Toiletten und Strom zur Verfügung gestellt.“ Trotzdem sieht Beil noch Verbesserungsbedarf. „Meistens wird der Rettungsdienst so lange missachtet, bis er gebraucht wird.“ Der Sanitäter wünscht sich daher mehr Verständnis: „Das fängt schon bei kleinen Dingen wie der Rettungsgasse an.“

Hermann Spanner von der Feuerwehr Bichl hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht. „Betroffene zeigen sich durch die Bank äußerst dankbar für unsere Hilfe. Regelmäßig erhalten wir sehr schöne Rückmeldungen“, sagt der Kommandant und First Responder. Das Problem seien meist Dritte, die von Straßensperrungen in Folge eines Verkehrsunfalls oder ähnlichem betroffen sind. „Wenn solche Leute dich dann beschimpfen oder gar bedrohen, weil sie einen Umweg in Kauf nehmen müssen, ist das wirklich das Frustrierendste, was man als Helfer erleben kann.“ In den vergangenen Jahren habe der 35-Jährige immer öfter feststellen müssen, dass bei vielen die Toleranz und das Bewusstsein für das nicht immer einfache Ehrenamt verloren geht: „Dabei sollten diese Menschen lieber froh sein, dass ihnen selbst nichts passiert ist.“

„Unsere Arbeit ist nicht selbstverständlich“

Über mangelndes Verständnis kann sich Erich Zengerle nicht beklagen. „Aber wir tun auch viel“, erklärt der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Egling. „Mit Aktionen wie dem Tag der offenen Tür wollen wir der Bevölkerung unser breites Aufgabenspektrum näherbringen.“ Die Aufklärungsmaßnahmen helfen: „Unsere Arbeit wird in den meisten Fällen wertgeschätzt, sie ist nicht selbstverständlich.“ Regelmäßig kommen Betroffene vorbei, um sich zu bedanken. Kinder malen Bilder, die an der Pinnwand im Feuerwehrhaus ihren Platz finden. „Das macht uns lange Freude“, sagt der 49-jährige Kreisbrandmeister.

Sein Kollege Robert Buxbaum von der Freiwilligen Feuerwehr Weidach freut sich ab und zu über kleine Gesten: „Ein Anruf, ein paar nette Worte, eine Flasche Wein – das kommt schon immer mal wieder vor.“ Ein richtig herzliches Dankeschön sei jedoch selten. „Immer wieder machen wir die Erfahrung, das der Großteil der Bevölkerung unsere Arbeit als selbstverständlich ansieht.“

Viele gehen von einer reinen Dienstleistung aus

Laut dem Ersten Kommandant wissen viele nicht über den ehrenamtlichen Einsatz der Feuerwehr Bescheid, sondern gehen von einer reinen Dienstleistung aus. „Von 90 Prozent derer, denen wir in einer Notsituation geholfen haben, hören wir nie wieder etwas.“ Es müsse sicherlich nicht in materiellen Dingen ausarten, macht der 41-Jährige deutlich. „Aber ich wünsche mir mehr Bewusstsein für die Arbeit, die wir leisten.“ Ein schönes Erlebnis hatte Buxbaum jedoch kürzlich: „Als wir bei strömendem Regen eine Übung hatten, hielt plötzlich ein Radfahrer an. Er zog eine Packung Kekse aus seiner Tasche und meinte: ’Ich finde gut und wichtig, was ihr macht‘. Das war wirklich ein sehr nette Geste.“

Die Wolfratshauser Wasserwacht zieht ein ähnliches Fazit. „Erst jetzt kam ein Brief einer Mutter, deren Tochter wir am Erholungsgelände in Ambach verarztet haben“, berichtet Vorsitzender Ingo Roeske. Positive Rückmeldungen und Spenden habe es auch für den Neubau der Wasserrettungsstation am Schwaiblbach gegeben.

Doch dass viele für die ehrenamtliche Arbeit der Wasserwacht kein Verständnis haben, merkt der 49-Jährige auch. Etlichen Badegästen sei nicht bewusst, dass die Wasserretter den Dienst in ihrer Freizeit ausüben. Am meisten ärgert sich Roeske über den „grenzenlosen Egoismus“ einiger. „Wir rücken nicht zum Spaß aus. Wir helfen, damit andere Spaß haben können.“ Die Mitglieder im Verein zu halten, sei oftmals nicht leicht. „Viele wollen sich den Ärger einfach nicht mehr antun“, gibt der Vorsitzende bedenken. Mehr Rücksicht und Wertschätzung sind daher seine Wünsche an die Bevölkerung.

Aktion der Heimatzeitung

Um den freiwilligen Helfern in Wolfratshausen und Geretsried einmal „Danke“ zu sagen, hat sich der Isar-Loisachbote/Geretsrieder Merkur etwas Besonderes einfallen lassen. Alle Wolfratshauser und Geretsrieder, die sich am Freitag, 4. August, in den Eisdielen Roma und L‘Arena als Rettungskräfte ausweisen können, bekommen eine süße Erfrischung spendiert.

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