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Sind Schausteller mit Herz und Seele: (v. li.) Jonny Lettner, Manuel Lettner, Paul Tille, Lukas Tille, John-Ralph Lettner, Helen Lettner. Im Vorderund steht die nächste Generation bereit – Steven Lettner.

Die große Liebe

Diese Schausteller gehören schon immer zum Volksfest

Wolfratshausen – Volksfeste sind die große Liebe: Die Schaustellerfamilie Tille kann sich kein anderes Leben vorstellen, und kommt seit Jahren nach Wolfratshausen.

Bilder von Volksfesten in der Flößerstadt der vergangenen Jahrzehnte hat Paul Tille im Kopf. Der Münchner Schausteller arbeitete bereits als Kind in der Jahrmarktbude des Vaters mit. Heute ist der 51-Jährige mit seiner Familie selbst ein Teil des Festes in der Loisachstadt. „Wir kommen jedes Jahr nach Wolfratshausen“, sagt Tille im Gespräch mit unserer Zeitung. Und: „Wir kommen immer gerne.“

Tille kennt das Schaustellerleben seit seiner Kindheit. Sein Vater führte Schaubuden auf Volksfestplätzen in ganz Bayern. Zur Schule ging der junge Tille in der Stadt oder Gemeinde, in der sein Vater gerade die Brötchen verdiente. „Ich war auch einige Wochen hier“, sagt der Münchner und deutet auf die Grundschule am Hammerschmiedweg. Auch seine Söhne besuchten wiederum in ihrer Jugend verschiedene Schulen. „Das ist aber heute leichter, als es bei uns damals war“, stellt Familienvater fest. „Heute gibt es Computerprogramme dafür. Eine Münchner Schule kann so immer nachvollziehen, was meine Söhne gelernt haben“, erläutert er.

Seit Tilles Kindheit hat sich nicht nur die schulische Ausbildung von Schausteller-Sprösslingen enorm gewandelt. Die gesamte Branche erlebte einen Umbruch. Mitterweile kämpfen die Mandelbrenner und Karussellbetreiber mit den Folgen der technischen Entwicklung und der daraus resultierenden Veränderung der Gesellschaft. Tille: „Fast jedes Kind hat heute in seinem Zimmer einen eigenen Fernseher, besitzt ein Smartphone oder spielt an seinem PC Online-Spiele.“ Die Konsequenz: Ein Volksfest habe viel von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Außerdem, so fügt Tilles Kollege Karl Agtsch an, würden die Behörden dem reisenden Gewerbe das (Über-)Leben immer schwerer machen. Ständig neue Normen und Regeln sowie immer höhere bürokratische Hürden bereiten den Schaustellern tiefe Sorgenfalten. Der Beruf an sich stelle sie schon vor genug Herausforderungen, sagen die Schausteller unisonso. „Man muss alles können“, erläutert Tille, der einen Imbissstand mit gebrannten Mandeln und Schokofrüchten sein Eigen nennt. „Ich bin Handwerker, Elektriker, Buchhalter und Verkäufer in einer Person.“ Agtsch pflichtet ihm bei: „Schausteller – das ist ein knallharter Beruf.“ Warum sich Tille den Stress und den Ärger dennoch Jahr für Jahr antut? Es ist die Liebe zum Schaustellerleben. „Ohne die geht es nicht“, sagt der Münchner. „Man hat das im Blut oder eben nicht.“

Dass sein Herz für den Job auf Jahrmärkten und Volksfesten schlägt, gibt er unumwunden zu: „Ich bin Schausteller in der fünften Generation, mein Großvater stand 1917 schon auf dem Münchner Oktoberfest.“ Dort, auf dem größten Volksfest der Welt auf der Theresienwiese, ist seit einigen Jahren auch der 51-Jährige vertreten. Ansonsten verkauft er seine Mandeln, Nüsse und Schoko-Erdbeeren auf Jahrmärkten kreuz und quer im gesamten Freistaat. „Da ist man natürlich nicht lange zu Hause.“ Nur drei Monate pro Jahr verbringt Tille mit seiner Ehefrau und den zwei Söhnen in seinem Domizil in München.

Helen Lettner, die zusammen mit ihrer Familie drei Stände auf dem Wolfratshauser Festplatz betreibt, verbringt summa summarum nur sieben Wochen in ihrem Heimatort Augsburg. „Ein anderes, heimischeres Leben kann ich mir nicht vorstellen.“ Auch Lettner wuchs quasi auf Volksfesten in der ganzen Republik auf, ihre Eltern führten eine Schaubude. „Wenn man mit diesem Leben groß wird, möchte man nichts anderes machen“, sagt sie. Heute helfen ihre Kinder – wie einst Lettner selbst – an den Ständen der Familie mit, der älteste Sohn führt alleine ein Karussell. „Wenn wir zu alt für den Beruf sind, werden die Kinder unseren Betrieb übernehmen“, sagt die Augsburgerin.

Familie Lettner verbindet mit der Loisachstadt ein besonderes Erlebnis. 1997 kam ihre Tochter zur Welt – das Volksfest in Wolfratshausen war zu diesem Zeitpunkt in vollem Gange. Ihren Stand, an dem mit Pfeilen auf Luftballons geworfen werden kann, musste sie kurzfristig schließen, als die Wehen einsetzten. Das Mädchen kam kurz danach im Krankenhaus in Starnberg zur Welt. Viele andere wichtige Momente im Leben der gebürtigen Münchnerin Helen Lettner fanden auf Festplätzen statt. So lernte sie ihren Mann, John-Ralph, auf einem Volksfest im Saarland kennen.

„Das ist häufig so in der Branche“, erklärt Tille. Eine Schaubude sei ein Familienbetrieb, „und es gibt nur ganz wenige Quereinsteiger“. Deshalb herrsche unter den Budenbetreibern auch ein besonderer Zusammenhalt. „Es ist wie eine große Familie, die man immer wieder auf unterschiedlichen Festen trifft“, sagt der 51-Jährige. Einer dieser Treffpunkte ist für Lettner und Tille seit jeher das Wolfratshauser Volksfest. Tille ist zufrieden mit dem Fest am Loisachufer. „Das hat sich richtig gut entwickelt und herumgesprochen. Das ist ein ein schönes, ruhiges Familienfest“, stellt er fest. Dann reicht er einem Kind einen Spieß mit Schokofrüchten. Tille lacht. „Bei allem Stress, einen anderen Beruf kann ich mir nicht vorstellen.“ Dominik Stallein

dst

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