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Tatort Nürnberg? Bei den jährlichen Reichsparteitagen der Nationalsozialisten kam stets die Führungsclique von Adolf Hitler zusammen, hier mit Rudolf Hess (Reichskanzler, auf dem Rücksitz links) sowie Baldur von Schirach (Reichsjugendführer, hinten rechts). Hier – so hieß es – sollte Martin Hauber Hitler und seine Entourage mit einem gezielten Bombenabwurf liquidieren.

Er geriet ins Fadenkreuz der Nazis 

Das Schicksal des angeblichen Hitler-Attentäters Martin Hauber

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Auch Martin Hauber kam auf dem Todesmarsch durch den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Seine Geschichte ist ebenso wahr wie abenteuerlich. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Roman „Das Attentat des Herrn Hauber“ aus dem Jahr 2011 erregte großes Aufsehen: Gab es wirklich den konkreten Plan, Hitler und seine Führungsclique bei einem Reichsparteitag in Nürnberg durch einen gezielten Bombenabwurf aus einem Flugzeug zu töten? Hätte so das unbeschreibliche Elend der Shoah und des Zweiten Weltkriegs verhindert werden können? Die Autoren behaupteten das. Als – schlussendlich verhinderten – Attentäter stellten sie Martin Hauber vor, einen Flugzeugmechaniker vom Bodensee.

Ein Roman bringt alles ins Rollen 

Markus Mooser aus Starnberg ließ das Buch keine Ruhe. Martin Hauber war sein Großonkel, genauer: der Bruder seines Großvaters, des Kunstmalers Heinrich Hauber. Von dessen abenteuerlichen Plänen erfuhr er erst aus dem Buch, die Autoren hatten die Familie nicht konsultiert. So bat Mooser die Ascholdinger Historikerin Susanne Meinl, die auch für Pullach und Grünwald die NS-Vergangenheit aufgearbeitet hat, zu prüfen, was daran Fakt  und was daran Fiktion ist. Das Ergebnis ihres Dossiers: Martin Hauber war kein strahlender Held des Widerstands, der Attentatsplan höchst zweifelhaft. „Trotzdem ist seine Geschichte unbedingt wert, erzählt zu werden“, findet die Historikerin. Sie zeigt, wie leicht man ins Fadenkreuz der Nazis geraten konnte - und was dann passierte.

Vom Ingenieur zum Kleinkriminellen

Martin Hauber wird 1901 in Langenargen am Bodensee geboren. Er volontiert bei der Firma Maybach, damals führend im Luftfahrzeug-Motorenbau in Friedrichshafen. Zunächst betreibt er einen großen Autohandel und veranstaltet einige der seinerzeit sehr beliebten Flugschauen. Doch dann wird er Opfer der Zeitumstände. „In der Wirtschaftskrise geht es ihm wie Millionen anderen: Er verliert seinen Job, kommt unter die Räder“, berichtet Meinl.

In der Not verlegt er sich auf Devisenschmuggel in die Schweiz und wird inhaftiert. Mitte der 1930er Jahre ist er in verschiedenen Ländern mit gefälschten Identitäten unterwegs und betreibt Geschäfte am Rande der Legalität. Martin Hauber: kaum mehr als ein Kleinkrimineller mit ausgeprägter Abneigung gegen das Nazi-Regime. Das belegen Briefe an Bekannte, die die kompromittierenden Schriftstücke sogleich an die Gestapo weiterleiten.

Eine verhängnisvoller Termin der Spanischen Botschaft

Dann passiert etwas, das das Leben Haubers erneut auf den Kopf stellt: Im Juli 1937 erscheint einer seiner Freunde im Schweizer Konsulat des damals marxistischen Spanien und erzählt von einem kühnen Attentatsplan: Er und seine Freunde – darunter Martin Hauber am Steuer – hätten vor, beim nächsten Nürnberger Parteitag den Führer und seine Entourage auszulöschen. Zu diesem Zweck erbitte man Unterstützung.

Ein realer oder erfundener Plan? Die Hintergründe lassen sich heute nicht mehr im Detail aufklären. Fest steht, dass die Spanier an ein solches Attentat nicht glauben. Sie vermuten viele eher eine Falle der Nazis, eine Provokation. In der Folge werden Hauber und sein Freundeskreis verhaftet und als unerwünschte Ausländer an das Deutsche Reich ausgeliefert. Dass Hauber aus Angst vor dem KZ mit Suizid droht, hilft ihm nichts.

Pseudowissenschaftliche Experimente in Dachau

So landet der angebliche Attentäter wegen „Hochverrats“ in Dachau. Er hat das Pech, dass der Parteiapparat gerade in dieser Zeit hochgradig nervös agiert, erst im November 1939 war der Anschlag von Georg Elser knapp gescheitert. „Die Justizbehörden wollten in Hauber einen potenziellen Attentäter sehen, auch weil er der Verschwörungstheorie eines aus dem Ausland gesteuerten Attentats zu untermauern schien“, so Meinl. In Dachau wird der Häftling pseudowissenschaftlichen Unterkühlungs-Experimenten unterzogen, sprich: Er wird in Tonnen mit eiskaltem Wasser gesteckt. An den Spätfolgen stirbt er 1960.

Doch Martin Hauber hat auch Glück: Wegen seiner Kenntnisse in Sachen Motoren wird er 1944 nach Kaufbeuren überstellt, wo er Propellerteile für die Luftwaffe herstellt und die Lebensbedingungen deutlich besser sind. Am 20. April 1945 kommt er zurück nach Dachau und muss sich dort in die Todesmarschkolonnen einreihen. Hauber überlebt, er wird nach seinem Leidensweg durch den Landkreis zwischen Bad Tölz und Waakirchen von den Amerikanern befreit. Nach dem Krieg siedelt er sich in München-Giesing an und verfügt plötzlich über viel Geld. Woher? Ein weiteres Rätsel im Leben dieses rätselhaften Mannes.

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Bleibt die Frage: Ist der Attentatsplan Haubers wahrscheinlich oder nicht? Für Susanne Meinl wohl kaum, auch, weil Hauber schon längst keine Flugerfahrung mehr hatte und weit davon entfernt war, einen derartig kühnen Plan punktgenau in die Tat umsetzen zu können. Dazu hätte es Flieger von einem anderen Kaliber gebraucht. Markus Mooser ist dankbar für das Ergebnis der Studie, auch wenn sein Onkel nicht der heroische Widerstandkämpfer war, als den ihn der Roman dargestellt hat. „Die historische Wahrheit“, sagt er,  „ist viel wichtiger als eine falsche Heldengeschichte.“

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