Weil die Mitglieder immer weniger werden und keine neuen nachrücken, löst sich die Sängerzunft Wolfratshausen (hier bei einem Adventskonzert in St. Andreas) auf.

Ende einer Ära 

Schlussakkord für die Sängerzunft

Der zweitälteste Verein Wolfratshausens löst sich wegen Nachwuchsmangels auf. Die Sängerzunft war 1861 gegründet worden.  

Ilse Noll (76) bedauert das Ende der Sängerzunft.

Wolfratshausen – In der Stimme von Ilse Noll schwingt Wehmut mit – fast so wie bei den Auftritten ihrer Sängerzunft am Volkstrauertag im November. Der zweitälteste Verein der Stadt, gegründet 1861, hat sich aufgelöst. „Nächste Woche gehen wir zum Notar, und dann ist das Kapitel Sängerzunft offiziell beendet – leider“, sagt die Vorsitzende. Der Auftritt am Volkstrauertag war einer der letzten.

Bereits im vergangenen Jahr hatte die 76-Jährige aus Icking über die Zukunft des Vereins abstimmen lassen. Mit deutlicher Mehrheit sprachen sich die Sänger damals fürs Weitermachen aus. Aber: „Es hat sich deutlich abgezeichnet, dass es das letzte Jahr ist.“ Zwar hätten ein paar wenige Mitglieder noch Hoffnung gehabt, dass wieder Schwung in den Verein kommt. Die Realität war aber eine andere: „In den letzten Jahren haben immer mehr Mitglieder aufgehört.“

Die Gründe für das Ausscheiden aus dem Verein waren unterschiedlich. Aber: „Die meisten sind wegen ihres Alters gegangen“, sagt Noll. Die Sängerzunft sei zuletzt „völlig überaltert“ gewesen. Junge, frische Stimmen suchten die 76-jährige und ihre Mitstreiter vergebens. „Vereinzelt hatten wir ein paar Neuanmeldungen.“ Es waren aber zu wenige, um den Verein am Leben zu erhalten.

Warum kaum neue Sänger dazustießen, weiß Noll nicht. „Vielleicht liegt es daran, dass sich der Musikgeschmack geändert hat.“ Für Adventskonzerte, Auftritte an Trauertagen, Frühlingssingen im Seniorenheim und Chorkonzerte ist die Jugend offenbar nur noch schwer zu begeistern. „Da müssen wir nur mal über den Wolfratshauser Tellerrand schauen. Vielen Chorvereinigungen und Musikgruppen im Umland geht es genauso wie uns“, sagt Noll. „Ein schwacher Trost“, räumt sie ein.

Fridolin Traut (94) war über 70 Jahre lang Mitglied.

Eines der langjährigsten Mitglieder der Sängerzunft ist Fridolin Traut (94). Er trat dem Verein vor 72 Jahren bei. Er möchte keine Klagelieder anstimmen: „Es ist sehr schade, dass sich die Sängerzunft aufgelöst hat, aber die Entscheidung ist folgerichtig.“ In der Männersinggruppe seien zuletzt nur noch sieben Leute zusammengekommen – „das ist doch kein Chor mehr“, findet der Wolfratshauser.

Viele schöne Erlebnisse sind dem Senior, der jahrzehntelang erster Tenor war, aus seiner langen Mitgliedschaft in Erinnerung geblieben: Das Kreissingen 1959 auf der „Seeshaupt“ zum Beispiel. „Mit dem Schiff sind wir sieben Stunden über den Starnberger See geschippert. Es war herrlich.“ Das fanden auch die Zuhörer, die sich in Scharen an den Anlegestegen einfanden. Ein anderes Mal fuhren die Sänger nach Leipheim bei Günzburg. In einem ehemaligen Raubritterschloss gab der Chor ein Konzert – bei Kerzenlicht und in Geistergewänder gehüllt.

1977 hielten die Damen Einzug in die Männerdomäne. Was folgte, waren viele bunte Abende, von Männer- und Frauenchor gemeinsam gestaltet. Die Sängerzunft trat mit dem Münchner Staatsorchester am Gärtnerplatztheater auf. Sie rief den Faschingsball „Nacht ohne Ende“ ins Leben. Zur Stadterhebung sang der Chor im Kino an der Bahnhofstraße.

Die Zeit der rauschenden Bälle und großen Auftritte ist passé, die Lust am Singen aber bei manchen Mitgliedern geblieben. Wie es für sie weitergeht, ist Zukunftsmusik. „Momentan sieht es so aus, als würden wir gar nichts mehr machen“, sagt Ilse Noll. Dass sich lose Gruppen bilden, die sich privat zum gemeinsamen Musizieren treffen, möchte sie aber nicht ausschließen. So wirklich glauben mag sie daran allerdings nicht. Bereits bei den Konzerten und Auftritten im vergangenen Jahr „sind fast alle davon ausgegangen, dass es die letzten sein werden“. Es war ihre Abschiedstournee, würde man bei Pop-Bands sagen. Und immer schwang ein bisschen Wehmut mit.

Dominik Stallein

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