Schneechaos: Wolfratshauser Statiker spricht über Mathematik im Grenzbereich
+
Bevor die Dächer vom Schnee freigeschaufelt werden müssen, prüfen Statiker die Schneedecken. 

„Es hätte auch schlimmer kommen können.“

Schneechaos: Wolfratshauser Statiker spricht über Mathematik im Grenzbereich

  • vonPeter Borchers
    schließen

Bevor schneebedeckte Dächer von ihrer Last befreit werden, prüfen Statiker, ob ein solcher Vorgang notwendig ist. Ingenieur Josef Wehbe war während dem Schneechaos auf Ickings Dächern aktiv. 

Wolfratshausen – Als Selbstständiger hat Josef Wehbe in der Regel keine 37,5-Stunden-Woche. In jüngster Zeit zogen sich seine Arbeitstage jedoch nochmals deutlich in die Länge. Der Bauingenieur stieg als Sachverständiger mit seinem Team auf einige, unter der Schneelast ächzende Dächer des Nordlandkreises, vornehmlich am Ickinger Schulzentrum. Dort maß er regelmäßig Höhe und Gewicht der stetig wachsenden Schneedecke, rechnete und verglich die Ergebnisse mit den zu jedem Dach vorliegenden Daten in den Bauunterlagen. Das Ergebnis: „Die Neubauten und sanierten Bereiche haben keine Probleme bereitet“, sagt der Statiker, weil die Lasten dort bis zu 200 Kilogramm pro Quadratmeter vertragen. Gemessen haben der Wolfratshauser und seine Leute dort um die 110 Kilo pro Quadratmeter, „wir lagen also deutlich im grünen Bereich“.

Auf dem Dach der Turnhalle und der alten Aula sind jedoch nur maximal 150 Kilo Traglast zugelassen. Dort hat sich die Last noch vor dem Regen bei verschiedenen Messungen kontinuierlich gesteigert. „In manchen Bereichen waren wir bereits bei 140 Kilo angelangt.“ Beide Dächer habe man räumen müssen, so Wehbe, „damit wir den angekündigten Regen noch auffangen können. Denn die obere, lockere Schneeschicht wirkt wie ein Schwamm. Sie bindet das Wasser – und damit wird das Ganze noch schwerer.“

Mittlerweile sei man über den Gefahren-Peak hinaus, weil es glücklicherweise taut – die Lage entspannt sich. „Es hätte auch schlimmer kommen können“, sagt der Diplom-Ingenieur. „Hätten wir uns mit den Temperaturen weiterhin im Null-Grad-Bereich bewegt, wäre der Schnee möglicherweise vereist, was neue Probleme gemacht hätte.“

Übrigens: Ein schneeräumender Mann auf dem Dach mit 90 Kilo Körpergewicht zusätzlich zu 140 Kilogramm Schneelast macht laut Wehbe „nichts aus. Wir schaufeln dort ja nicht mit 200 Mann“. Die Last der einzelnen Leute verteile sich über die Dachbinder. „Da wir uns aber ohnehin im Grenzbereich befanden, habe ich darum gebeten, dass die Räumkräfte sich an einen Kran oder an eine Drehleiter anseilen. Damit schließen wir Risiken aus. Es könnte ja sein, dass es im Inneren eine Schwäche, einen Wasserschaden oder eine nicht mehr ganz tüchtige Holzkonstruktion gibt.“

Lesen Sie auch: Ungewöhnliche Maßnahme in Wolfratshausen: Feuerwehr spritzt Schnee vom Dach

Im Januar 2006 war die Lage an denselben, von Wehbe jetzt erneut geprüften Objekte kritischer. „Damals haben wir die Lastgrenzen schneller erreicht. Dieses Mal hatten wir mehr Zeit, um zu messen und zu reagieren.“ Zudem sind Behörden und Bürger seit den Vorfällen von 2006 sensibilisiert. Schon damals sei allerdings eine neue Din-Norm für Dachlasten in Arbeit gewesen, „deren Einführung dann beschleunigt wurde“. Für Geretsried würden seitdem andere Schneelasten angesetzt als für Wolfratshausen, nämlich 246 Kilo/Quadratmeter gegenüber 157 Kilo. Zuvor galten für beide Städte gleich 115 Kilo. Warum der große Unterschied? Wehbe: „Geografisch bedingt ist Geretsried einfach häufiger von massiven Schneefällen betroffen.“

peb

Auch interessant

Kommentare