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Über den Dächern Wolfratshausens: „Eine wunderschöne Stadt im Alpenvorland, das ist für mich Heimat“, sagt Bayerns Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (75).

Serie „Unsere Hausberge“

Mit Edmund Stoiber unterwegs im Wolfratshauser Bergwald 

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Nicht nur im Südlandkreis stehen Berge. Auch der Norden hat ein paar, sagen wir, markante Hügel aufzuweisen. So klein sie auch sein mögen, so wichtig sind sie für ihre Städte und Gemeinden. Heute: der Bergwald in Wolfratshausen. Wir haben ihn mit Dr. Edmund Stoiber bestiegen.

Wolfratshausen – Die Quecksilbersäule kratzt an diesem Donnerstagmittag an der 30-Grad-Marke. Unsere Zeitung ist mit Edmund Stoiber im Basislager verabredet. Am Fuße des Bergwalds, im Schatten der Stadtpfarrkirche St. Andreas, 576 Meter über dem Meeresspiegel. 120 Höhenmeter liegen vor uns. Bayerns Ex-Ministerpräsident verliert keine Zeit und stürmt, bequeme Sportschuhe an den Füßen, mit raumgreifenden Schritten voraus. Als Sonnenschutz dient eine dunkelgrüne Schirmmütze. „BCF Wolfratshausen“ ist auf der Stirnseite eingestickt. Für den aktuellen Fußball-Bayernligisten spielte der Jura-Student Stoiber in den 1960er Jahren auf der Position des linken Läufers – und war wegen seiner Härte beim Gegner gefürchtet. „Der Fußballer Edmund Stoiber war mehr Schwarzenbeck als Scholl“, räumt er rückblickend ein.

Für den Stoiber-Bub war Wandern „ein Muss, keine Lust“

„Nein“, sagt der 75-Jährige, das Bergsteigen habe ihn in seiner Jugend nicht fasziniert – obwohl er seinen Wehrdienst beim Gebirgsjägerbataillon 231 in Bad Reichenhall und beim Gebirgsjägerbataillon 233 in Mittenwald absolviert hat. „Fußball und Skifahren, das waren meine Sportarten“, betont Stoiber. Und als kleiner Bub mit den Eltern im Geburtsort Oberaudorf? „War Wandern ein Muss, keine Lust“, erinnert er sich und lächelt.

Den Wolfratshauser Bergwald hat Stoiber, der 1961 nach Waldram zog, das erste Mal mit seiner Ehefrau Karin – die zwei sind seit 1968 verheiratet – erobert. „Ein Naherholungsgebiet direkt vor der Haustür, wer hat so etwas schon?“ Für den Fragebogen einer deutschen Zeitung ergänzte er vor einigen Jahren den Satz „Das Schönste an Wolfratshausen ist...“ mit „für mich der Spaziergang am Bergwald und die Floßlände“.

„Das ist für mich Heimat“

Bis heute stehen hin und wieder ausgedehnte Spaziergänge auf den verschlungenen Wegen im Mischwald auf dem Tagesplan. Häufig in Begleitung der Kinder Constanze, Veronica und Dominic, deren Ehepartnern und den Enkeln. Drehten sich die Themen früher vorrangig um den Schulalltag und den Freundeskreis, „lasse ich mich heute mal mit Constanze oder einem meiner Schwiegersöhne ein bisschen zurückfallen, und wir plaudern unter vier Augen über das, was uns am Herzen liegt“.

Imposant: Ein rund zwei Kilometer langer Erlebnispfad führt seit einigen Jahren durch den Wolfratshauser Bergwald. An 15 Stationen können große und kleine Besucher ihn mit allen Sinnen erleben.

Auf halber Höhe bleibt Stoiber stehen, lauscht den Glocken der Stadtpfarrkirche, betrachtet die wehenden Fahnen auf der Johannisbrücke und die Dächer der Flößerstadt. „Eine wunderschöne Stadt im Alpenvorland, das ist für mich Heimat.“ Nach einem kurzen Moment wandert Stoibers Blick weiter – über Gelting ins Karwendelgebirge. Teile davon liegen im Landkreis Miesbach. Dort begann seine politische Karriere. In Miesbach einigten sich die CSU-Honoratioren 1973 darauf, den forschen Juristen aus der Loisachstadt und couragierten Kreisvorsitzenden der Jungen Union Bad Tölz-Wolfratshausen als Spitzenkandidat für die Landtagswahl 1974 zu nominieren. Was folgte, ist bekannt.

„Nein, der betuliche Vater oder Großvater war ich nicht“

Die politische Karriere, Aufsichtsratsmandate, Wahlkampfreden, TV-Auftritte, Stoibers Engagement beim deutschen Fußballrekordmeister FC Bayern München: „Die Familie hat viele Opfer bringen müssen“, sagt er. Zeit war und ist ein wertvolles Gut. Bei den Spaziergängen durch den Bergwald habe er seinen Kindern und Enkeln nicht oberlehrerhaft Flora und Fauna erläutert. „Nein, der betuliche Vater oder Großvater, der erzählt, warum der Baum so wächst, was diese Pflanze so besonders macht und wie sich der Bergwald in den Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter verändert, nein, das war ich nicht. Unsere Gespräche drehten sich um die Fragen: ,Was bedrückt Dich, wie kann ich helfen‘“?

Besonders schwer war die Zeit während und nach dem sogenannten Deutschen Herbst 1977. Auf den „Kassibern“ der Mörder der Roten Armee Fraktion „stand auch der Name Franz Josef Strauß und der des CSU-Generalsekretärs Edmund Stoiber“, erinnert sich der 75-Jährige. Die Familie konnte kaum einen Schritt ohne Sicherheitskräfte machen, Tochter Constanze und ihre kleinen Geschwister wurden manchmal mit einer gepanzerten Limousine ins Ickinger Gymnasium gefahren. „Sie hat sehr darunter gelitten, weil nicht jeder den Grund verstanden hat und meine Tochter von einigen Mitschülern deswegen kritisch betrachtet wurde.“

Selfie-Zeit mit dem Ehrenbürger

Auf dem Schotterweg zur 1643 erbauten Dreifaltigkeitskapelle hält Stoiber inne: „Eines muss ich Ihnen sagen, und das ist mir wichtig: Ob ich in München beim FC Bayern im Stadion bin oder im Urlaub in der Schweiz: Es bleiben immer Leute stehen und tuscheln: ,Das ist doch der Stoiber‘ – und zirka 20 Prozent fragen mich, ob sie ein Selfie mit mir machen können. Früher haben sie mich um ein Autogramm gebeten. Das mache ich natürlich gerne, aber man steht halt immer unter Beobachtung. Das ist in Wolfratshausen nicht der Fall.“ In der 18 000-Seelen-Kommune „bin ich ein ganz normaler Bürger“. Er fühle sich „als Nachbar“, formuliert es Stoiber, „hier bewege ich mich wie der Fisch im Wasser“.

Auf Höhe des seit Ende 2012 leer stehenden ehemaligen Isar-Kaufhauses in der Wolfratshauser Altstadt, das seinen hässlichen Rücken dem Bergwald zuwendet, stoppt der Wolfratshauser Ehrenbürger erneut: „Für meine Frau gilt das genauso. Sie fährt mit der S-Bahn nach München rein, kauft in Wolfratshausen ein – und natürlich vermisst meine Frau wie viele andere Wolfratshauser das Isar-Kaufhaus. Wenn das Neubauprojekt des Investors in die Tat umgesetzt wird, würden wir beide uns auch freuen.“

Gipfelstürmer erwartet ein Kleinod

Am Ende des steilsten Anstiegs wartet der Golfplatz Bergkramerhof auf die Ausflügler. „Ein Kleinod“, urteilt Stoiber. „Bis hier hinauf, das sind unsere ausgedehnteren Spaziergänge, wenn es mehr zu besprechen gilt“, erklärt er und lacht. Wie lange braucht die Familien-Seilschaft vom Loisachufer bis hinauf aufs Dach der Flößerstadt? „Etwa eineinhalb Stunden.“

Gibt es eine Art Ritual bei den prominenten Wandervögeln? „Ja. Immer zu Ostern gehen wir im Bergwald spazieren.“ Es habe sich so eingespielt, dass alle Familienmitglieder an diesem Feiertagswochenende zusammen sein können. „Dazu braucht es auch keine besondere Einladung. Übernachten tun alle bei uns, da ist das Haus mit zwölf Personen gut gefüllt.“ Mittlerweile seien seine drei längst erwachsenen Kinder mit ihren Familien zwar relativ weit verstreut. „Doch Wolfratshausen ist für alle so eine Art Oberheimat.“ Der Spaziergang mündet in der Regel in einem gemeinsamen Essen. „Mal im Gasthof Humplbräu, mal im Wirtshaus Flößerei, mal im Rittergütl in Irschenhausen“, verrät er.

Beim Abstieg durch Postkartenidylle in Richtung Kastenmühlwehr kommt Stoiber zu dem Schluss: „Sie leben hier im Großraum München, im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, in der Stadt Wolfratshausen in der für mich attraktivsten Region in ganz Europa. Mit einer starken bayerischen Identität, natürlich mit erheblicher Ergänzung und Befruchtung von außen, mit einer exzellenten Gesundheitsversorgung und mit hervorragenden Ausbildungsmöglichkeiten.“ Nicht zu vergessen: Mit dem Bergwald, der die Möglichkeit für vertrauliche Gespräche bietet.

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