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S7-Verlängerung: Sind schwebende Gondeln die besseren Züge? Wolfratshauser nennt Alternative

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Von: Peter Borchers

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Die Ottobahn als Alternative zur S-Bahn-Verlängerung? Klimaaktivist Heinz Wensauer könnte sich das vorstellen.
Die Ottobahn als Alternative zur S-Bahn-Verlängerung? Klimaaktivist Heinz Wensauer könnte sich das vorstellen. © Ottobahn GmbH

Die S-Bahn soll auch nach Geretsried rollen. Ein Wolfratshauser stellt sich dagegen - und bringt die innovative Ottobahn als Alternative ins Spiel.

Wolfratshausen/Geretsried – Die bolivianische Metropole La Paz hat welche, Mexiko City und das kolumbianische Medellin auch, und durch Bosniens Hauptstadt Sarajevo kreisen ebenfalls Gondeln. Das tun sie nicht, um Touristen auf Gipfel zu karren. Gerade in Südamerika gelten Seilbahnen mittlerweile als Mittel der Wahl im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), um die in Autoverkehr und Abgasen erstickenden Millionenstädte zu entlasten.

Heinz Wensauer
Der umweltpolitisch engagierte Wolfratshauser hält die S-Bahn-Verlängerung für einen
großen Fehler.
Heinz Wensauer Der umweltpolitisch engagierte Wolfratshauser hält die S-Bahn-Verlängerung für einen großen Fehler. © Hans Lippert

S7-Verlängerung: Sind schwebende Gondeln die besseren Züge? Wolfratshauser nennt Alternative

Heinz Wensauer sympathisiert mit diesem Transportmittel. Geht es nach dem Willen des 80-jährigen Wolfratshauser, würden Pendler vom Bahnhof seines Wohnorts künftig in Gondeln nach Geretsried schweben, statt mit der S-Bahn zu rollen: „Das verhindert Flächenfraß und rettet die in diesen schwierigen Zeiten immer wichtiger werdende Landwirtschaft.“ Am kommenden Montag reist Wensauer mit einem Dutzend Interessierter per Bahn zum Mobilitäts-Start-up Ottobahn GmbH nach München-Obersendling (siehe Kasten), um sich dessen System anzusehen. Unter die Mitfahrer gesellen sich neben einigen von der geplanten S-Bahn-Verlängerung betroffenen Bauern möglicherweise Vertreter des Bund Naturschutz und des Landratsamts.

S7 soll nach Geretsried verlängert werden - Wolfratshauser wünscht sich Seilbahn statt Zügen

Die Idee, die ÖPNV-Lücke im Mittelzentrum per Umlaufseilbahn statt mit Zügen zu schließen, ist nicht neu. Der frühere Wolfratshauser Stadtrat Hans Reiser legte sie vor genau 20 Jahren seinen verdutzten Gremiumskollegen während einer Sitzung auf den Tisch. Auf der geplanten, knapp zehn Kilometer langen S-Bahn-Trasse, unkte der ehemalige Sportartikelhändler seinerzeit, werde es „keinen Meter“ geben, der nicht umstritten ist. „Alle 500 Meter eine Großbaustelle“, die lange Bauzeit und die Verkehrsbehinderungen, die vor allem Wolfratshausen treffen würden, führte Reiser einem Bericht unserer Zeitung zufolge als „Negativum“ an – und verwies auf ein „alternatives Verkehrskonzept“, das „die Menschen von Geretsried-Süd, Geretsried Mitte, Waldram und Gelting schnell und bequem zur vorhandenen S-Bahn-Station nach Wolfratshausen bringt“. Gesehen hatte er es zuvor in Hannover: Die Seilbahn, mit der man das Expo-Gelände überqueren konnte, beeindruckte ihn. Sie sei billiger, leise, benötige wenig Platz und sei sehr flexibel einsetzbar. Geholfen haben dem Visionär seine Argumente nichts. Im Gegenteil: Reiser wurde für seine Idee oft belächelt. Stattdessen entschied man sich für den Bau neuer Schienen, auf denen die S7, das war das Ziel, ab 2028 fahren sollte.

Hans Reiser
Der ehemalige Wolfratshauser Stadtrat stellte im Jahr 2002 erstmals eine Gondellösung zur Diskussion.
Hans Reiser Der ehemalige Wolfratshauser Stadtrat stellte im Jahr 2002 erstmals eine Gondellösung zur Diskussion. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Im Dezember 2011 wurde das Planfeststellungsverfahren eingeleitet. Der Bahnübergang an der Verkehrsachse Sauerlacher Straße in Wolfratshausen, so die Absicht, sollte bleiben. Doch die Wolfratshauser stellten sich quer. Sie wollten eine Verlängerung der S-Bahn nur mit einer Tieferlegung der Gleise in diesem Bereich realisiert wissen – was den Preis enorm in die Höhe treibt. Ende 2021 betrug die Kostenschätzung knapp 170 Millionen Euro – plus 44 Millionen Euro für einen Tunnel-/Trogbau im Bereich der Sauerlacher Straße. Mittlerweile dürfte die Zahl deutlich höher liegen. Heute gilt es als äußerst unwahrscheinlich, dass ab 2024 gebaut und vier Jahre später der erste Zug nach Geretsried rollen wird. Zu komplex ist die Planung, zu groß die Zahl der Einwendungen – etwa 800 – von Trägern öffentlicher Belange und Anrainern.

S-Bahn soll nach Geretsried rollen - Wolfratshauser stemmt sich dagegen

Dass die S-Bahn gar nicht fährt, wäre Heinz Wensauer am allerliebsten. Seine Meinung äußert der ebenso engagierte wie polarisierende Klima- und Umweltschutzaktivist an diversen politischen Stammtischen immer wieder – und geht damit Kommunalpolitikern, das weiß er selbst, nicht selten auf die Nerven. Wensauer ist „nicht prinzipiell“ gegen die S-Bahn. „Was wir an Bestand haben, ist absolut okay.“ Nur als kleine Verteiler ab den Endbahnhöfen sieht er „neue Verkehrskonzepte klar im Vorteil“. Die Ottobahn hat er sich vor ein paar Wochen „schon einmal angesehen“, ist sogar mitgefahren und hält sie für „eine überzeugende Alternative“ – besser als Busse, obwohl er selbst durchaus gerne mit ihnen fährt. „Aber je länger der Fußweg zu Haltestellen ausfällt, desto geringer ist die Akzeptanz.“

Lesen Sie auch: Geretsried: Rechnet sich die S-Bahn-Verlängerung ?

Ottobahn-Geschäftsführer Marc Schindler in einer Gondel am Firmensitz in München-Obersendling.
Ottobahn-Geschäftsführer Marc Schindler in einer Gondel am Firmensitz in München-Obersendling. © Claus Schunk

S7-Verlängerung nach Geretsried: Umweltschützer kritisiert Flächenfraß - „Landwirtschaft wird wichtiger“

An der geplanten S-Bahn-Trasse stört den 80-Jährigen insbesondere der Flächenfraß. Darüber ließ er mit den Grundeigentümern einen Film („Die Kuckucksbahn“) anfertigen. „Kuckucksbahn“ deshalb, weil Geretsried den Nachbarkommunen „wie ein Kuckuck dieses ungewollte Ei ins Nest legt“. Der Stadt geht es laut Wensauer vor allem darum, rund um die Bahnhöfe Bauland zu schaffen und die urbane Entwicklung voranzutreiben – mit in seinen Augen schlimmen Folgen: „Bodenversiegelung, Verlust von Landwirtschaft, negative Auswirkungen aufs Klima, höhere Mieten, höhere Lebenshaltungskosten durch das Wachstum.“

Immer nur Wachstum, Wachstum – wir können nicht so weitermachen, als ob nichts wäre.

Heinz Wensauer

Die Gondelvariante bringt der Wolfratshauser nun wieder ins Gespräch, weil sie möglicherweise die „nachhaltigere, billigere und leichter zu bauende Alternative“ ist. „Ich wünsche mir einfach, dass man vorausdenkt, auch in der Politik.“ Denn eins ist dem 80-Jährigen angesichts der fortschreitenden Klimaerwärmung klar: „Immer nur Wachstum, Wachstum – wir können nicht so weitermachen, als ob nichts wäre.“

peb

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