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Auch in die Bergwelt der Pyrenänen, der neuen Heimat von Anne Fuchs, drang das Coronavirus. 

Andere Länder waren weit schlimmer betroffen

So erlebten Landkreisbürger die Corona-Krise im Ausland

  • Volker Ufertinger
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Anne Fuchs ist im vergangenen Jahr in die Pyrenäen gezogen. Sie und andere Landkreisbürger haben uns erzählt, wie sie die Corona-Krise im Ausland erlebt haben. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Anne Fuchs (39) liebt die Berge, daran lassen die vielen Fotos auf ihrem Instagram-Profil keinen Zweifel. Einige Jahre lebte die Fremdsprachenkorrespondentin in Bad Tölz. Unter anderem beteiligte sie sich an der Suchaktion für den Kanadier Jeff Freiheit, mit der Gruppe ist sie heute noch in Kontakt. 2019 zog sie in die Pyrenäen, genauer ins Vall d’Aran an der Grenze zu Frankreich. „Ich kenne die Kultur wirklich 1:1 und lebe zu 100 Prozent darin“, erzählt sie. „Es ist für mich das perfekte Plätzchen.“ Und so bekam sie hautnah mit, wie das Virus Spanien in den Ausnahmezustand versetzte.

Skitouristen aus Madrid brachten das Virus in die Berge

Anne Fuchs lebte viele Jahre in Bad Tölz. Man kennt sie von der Vermisstensuche nach Jeff Freiheit oder vom Spanisch-Stammtisch von Monika Röhl. 

Wer denkt, dass ein Virus in der Einsamkeit eines katalanischen Tals keine Chance zur Verbreitung hat, der täuscht sich. „Wir hatten zu Beginn relativ viele Fälle, da wir Skireiseziel Nummer eins von Madrilenen und Basken sind“, erzählt sie. In Spanien sei der Ernst der Lage relativ spät erkannt worden, daher wurden auch das Skigebiet sowie die Unterkünfte relativ spät geschlossen.

Als die schockierenden Bilder aus Norditalien im Fernsehen kamen, wiegten sich viele Spanier noch in der trügerischen Hoffnung, dass das Ganze „so rein gar nichts mit uns zu tun hat“. Doch es kam anders: Das Virus war längst da und verbreitete sich rasend schnell. Am 14. März wurde eine Vollausgangssperre verhängt. Vergeblich versuchte Anne Fuchs ihren Freunden in Deutschland zu erklären, wie es sich anfühlt, „komplett, bis auf den allernötigsten Supermarkteinkauf, auf die eigenen vier Wände reduziert zu leben.“ In diesen Tagen hoffte sie inständig, dass auch in ihrem Heimatland endlich Maßnahmen ergriffen werden. Das war der Fall, einige Wochen später – und längst nicht so drastisch wie in Spanien.

Nach Wahrnehmung von Anne Fuchs teilte sich am Tag der Vollausgangssperre die Welt in zwei Gruppen. Nämlich „zwischen denen, die realitätsnah die Herausforderung annehmen und Projekte anstoßen und solchen, die sich schockgelähmt erst einmal an die ganze Umstellung herantasten müssen oder den Lockdown gar als Urlaub empfinden.“ Anne Fuchs gehört zur ersten Gruppe: Sie telefonierte viel mit Behörden, suchte Plattformen für Gleichgesinnte ein und nahm an unzähligen Videokonferenzen teil. So empfand die Wahl-Spanierin die Zeit der Ausgangssperre sogar als besonders produktiv. „Es war faszinierend zu sehen, wie viele, lange Zeit liegen gebliebene Projekte in drei Tagen plötzlich auf die Beine gestellt werden.“ Geht doch, dachte sie sich. „Spanien ist in diesem Sinne sehr pragmatisch und hält sehr fest zusammen.“

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Die Regierung hat nach Einschätzung von Fuchs zu spät reagiert. „Spanien ist ein von ständigen Wahlen gebeuteltes Land, mit einer sehr jungen Regierung der Sozialisten“, erzählt sie. Die ersten Reaktionen der Politik fielen recht „unorganisiert“ aus. Auch die Schwächen des Gesundheitswesens wurden offenbar. „Empörung macht sich landesweit vor allem über unzureichende Tests und Versorgung breit.“ In der Krise schaute man, wie seit Urzeiten, zu Deutschland auf. „Die Deutschen machen es besser, heißt in Spanien immer.“ Lobende Worte findet sie hingegen für die örtliche Regierung, den Conselh de Aran. „Wir hatten hier den Vorteil, dass wir mit dieser kleinen eigenen Regierung sehr agil und proaktiv Kampagnen umsetzen konnten.“

Inzwischen hat sich Spanien ein wenig erholt. Es befindet sich seit dem 4. Mai in einer Phase der stufenweisen Lockerung. Auch im Tal normalisiert sich manches. So wird ab dem 1. Juli die Grenze zu Frankreich geöffnet, das nur wenige Minuten entfernt liegt und für den Tourismus extrem wichtig ist. Jetzt gilt es, die richtigen Konsequenzen, zu ziehen, über die schon lange vor dem Virus diskutiert wurde.

Für Anne Fuchs sind sie klar: „Das Tal muss absolut von der Saisonlastigkeit weg und den Sommer mehr nutzen.“ Stichwort Mountainbike, Freeride, Rafting, Motorradtourismus. „Dazu unterstützt sie schon jetzt entsprechende Kampagnen. Wenn es so kommt, haben die vergangenen Monate und die gemeinsamen Bemühungen ihren Sinn gehabt.

Giles Thomas bangte um seine Tochter in England

Seit Sommer vergangenen Jahres wohnt der britische Unternehmer Giles Thomas (55) in Bichl. In den vergangenen Monaten, während der Corona-Krise, war er froh, seinen Wohnsitz in Deutschland zu haben. „Hier war das Krisenmanagement viel besser als in Großbritannien“, sagt er. „Die Politik hat klar kommuniziert, was zu tun ist“, meint er. Das sei in seinem Heimatland leider nicht der Fall gewesen. Giles stammt ursprünglich aus Wimbledon in der Nähe von London, jedes Jahr Austragungsort des wohl berühmtesten Tennisturniers. Im Zusammenhang mit seiner Arbeit hielt er sich immer wieder mal für längere Zeit in Deutschland auf.

Giles Thomas, unterwegs mit Hund Berti und Dolmetscherin Monika Röhl. 

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Sorgen machte ihm in den vergangenen Monaten seine Tochter, die in Reading nahe London studiert, auch das eine Großstadt. „In dieser Zeit ist sie in den Norden von England gezogen, zu den Eltern ihres Freundes, 350 Kilometer von Reading und London entfernt“, erzählt er. Dort gibt es viel weniger Menschen, die Ansteckungsgefahr war ungleich geringer. „Merkwürdig“ fand Thomas, dass man die Gefahr anfangs nicht richtig ernst genommen hat. Als die Infektionsraten explodierten, habe die Politik plötzlich einen sehr rigiden Kurs gefahren. „Alles war strenger als in Deutschland, die Rationierung der Lebensmittel, die Kontrollen durch die Polizei.“ Zur Verwirrung habe beigetragen, dass die Maßnahmen in England, Schottland, Nordirland und Wales verschieden waren. „Da wäre eine einzige Regelung sicher besser gewesen.“ Giles Thomas will die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Stellt man den Antrag während der Übergangsfrist bis zum Brexit, kann man beide Staatsangehörigkeiten behalten.

Maurizio Faganello lobt seine Landsleute für die Disziplin

Maurizio Fagenellos Eltern leben in Italien, genauer in Venetien. Er ist froh, dass sie gesund geblieben sind. 

Überfüllte Krankenhäuser, Ärzte am Ende ihrer Kräfte, Leichenwagen: Als Maurizio Fagenello, Chef des Wolfratshauser Eiscafés Cristallo, im Februar und März die Bilder aus der Lombardei gesehen hat, war er geschockt. „Da wurde mir klar: Es wird ganz, ganz schwer für unser Land“, sagt er. Von ungefähr kam das alles seiner Meinung nach nicht. „Im Gegensatz zu anderen Ländern hat Italien das Gesundheitssystem in den 1980er-Jahren kaputt gespart.“ Auf so etwas wie das Coronavirus konnte das Land nicht angemessen reagieren. „Ich hoffe, dass daraus Lehren gezogen werden.“ Es gebe viele Dinge, die auf den Prüfstand gehören – etwa auch eine aufgeblähte Bürokratie.

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Faganello selbst hat Verwandtschaft im Norden Italiens – allerdings nicht in der Lombardei, sondern im nicht ganz so stark betroffenen Venetien. „Meine Eltern sind vor vier Jahren in den Ruhestand gegangen“, erzählt er. Oft habe er mit ihnen telefoniert und sich nach ihnen erkundigt. Seine Schwester, die nur 15 Kilometer entfernt lebt, durfte sie nicht besuchen. „Alle sind Gott sei Dank gesund geblieben.“ Die strenge Ausgangssperre der italienischen Regierung hält Faganello für absolut richtig. „Das war gut so“, sagt er. Überrascht war er von seinen Landsleuten, wie diszipliniert sie sich an die Vorgaben gehalten haben. „Eigentlich ist das nicht typisch italienisch“, erklärt er mit einem Lächeln. Aber in diesem Fall hat es funktioniert. Die wirtschaftlichen Folgen werden lange zu spüren sein, fürchtet Faganello. „Fällt Italien, fällt Europa“, sagt er. Insofern hofft er auf Solidarität der anderen Nationen.

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