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Durch die Medien erreichen Vermisstenfälle mittlerweile immer schneller eine breite Öffentlichkeit. Wie geht die Polizei damit um?

Welchen Einfluss hat Facebook?

So funktioniert die Vermisstensuche der Polizei

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In der Region wird immer wieder nach Vermissten gesucht. Wie die Polizei in solchen Situationen vorgeht und wie Internetforen wie Facebook die Suche beeinflussen, erklärt Polizeisprecher Stefan Sonntag im Interview.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Immer wieder wird in der Region nach vermissten Personen gesucht. Durch die Medien – insbesondere auch soziale Netzwerke – erreichen solche Fälle schnell eine breite Öffentlichkeit. Erst kürzlich sorgte eine vermisste 15-Jährige aus Geretsried für Wirbel auf Facebook (wir berichteten). Wie die Polizei in solchen Situationen vorgeht und wie Internetforen die Vermisstensuche beeinflussen, darüber sprach unsere Volontärin Magdalena Höcherl mit Stefan Sonntag, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd.

Herr Sonntag, haben Sie Zahlen darüber, wie viele Vermisstenmeldungen es im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gibt?

Natürlich gibt es eine Statistik. Allerdings ist es schwer, konkrete Zahlen zu nennen. Die Masse der Fälle, in denen Personen als vermisst gemeldet werden, sind nämlich keine Vermissungen im polizeilichen Sinn. Zum Beispiel, wenn das Kind nicht heimkommt, weil es nach der Schule zu einem Freund gegangen ist, der Mutter aber nicht Bescheid gesagt hat.

Wann gilt jemand im polizeilichen Sinn als vermisst?

Von einem solchen Fall sprechen wir, wenn jemand aus dem üblichen Lebensbereich über einen gewissen Zeitraum vermisst ist und eine Gefahr besteht. Aus unserer Statistik lassen sich diese Vermisstenmeldungen jedoch nicht herausfiltern.

Haben die Vermisstenmeldungen im Laufe der Jahre zugenommen?

Vorsichtig eingeschätzt sind diese Meldungen in den vergangenen vier, fünf Jahren relativ konstant geblieben. Eine enorme Steigerung war nicht zu verzeichnen. Generell beschäftigt sich die Polizei ständig mit vermissten Personen. Mit einer Reihe davon gehen wir auch an die Öffentlichkeit, mit anderen nicht.

Warum nicht?

Stefan Sonntag ist Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd

In manchen Fällen wissen wir, dass sich die gesuchte Person nicht in einer Notlage, sondern in Sicherheit befindet. Außerdem kann es sein, dass eine öffentliche Suchaktion unsere Ermittlungen sogar behindern könnte. Abgesehen davon gibt es genügend Fälle, in denen sich erwachsene, mündige Menschen lediglich eine „Auszeit“ nehmen wollen. Wer älter als 18 Jahre ist, kann das natürlich auch tun. Wird jemand dann fälschlicherweise öffentlich als vermisst gesucht, kann das eine Beschwerde des Gesuchten nach sich ziehen.

Wann sollte man die Behörden einschalten?

Werden Kinder oder Jugendliche vermisst, sollte die Polizei sobald wie möglich informiert werden. Wer unter 18 Jahre alt ist, gilt als besonders schutzbedürftig. Die Suchmaßnahmen laufen sofort an. Die Kriminalpolizei wird schnell eingebunden.

Und wenn die vermisste Person volljährig ist?

Dann liegt es im Ermessen der Suchenden. Sobald sie sich Sorgen um das leibliche und seelische Wohl des Vermissten machen, ist ein Anruf bei uns sinnvoll. Generell gilt es, sich zeitig zu melden.

Wie gehen Sie dann vor?

Das ist von Fall zu Fall verschieden und basiert auf Erfahrungswerten. Wenn man davon ausgehen kann, dass etwas passiert ist – beispielsweise wenn jemand nicht wie vereinbart von einer Bergtour zurückkehrt – informieren wir Kräfte wie Bergwacht, Suchhundestaffeln, Feuerwehr oder Rettungsdienst und starten die Suche. Entscheiden wir uns für eine Öffentlichkeitsfahndung, geschieht das immer in Absprache mit den Angehörigen.

Bei Facebook starten Angehörige eine Suche oft selbst. Was halten Sie davon?

Dafür habe ich absolutes Verständnis. Die Familie hat das Recht darauf, und es steht uns nicht zu, das einem Nutzer zu verbieten. Trotzdem könnten wir ohne solche Nachrichten oftmals effizienter ermitteln. Daher ist es ratsam, im Vorfeld mit der Polizei zu sprechen. Das weitere Vorgehen stimmen wir zusammen ab.

Kann das Netzwerk auch nützlich sein?

Die Präsenz auf Facebook und Twitter gehört mittlerweile zur Standardarbeit der bayerischen Polizei. Dort haben wir eine viel größere Reichweite als über die herkömmlichen Polizeiberichte. Außerdem sind auf diesem Weg enorm viele, meist junge Menschen erreichbar. Deshalb nutzen wir das Portal in dringenden Fällen, um Vermisste wiederzufinden, indem wir die Meldung posten und die User animieren, den Beitrag weiter zu verbreiten.

Hat das Internet die Bevölkerung panischer gemacht?

Nein, das denke ich nicht. Medien wie Facebook lassen schnell viele Menschen miteinander kommunizieren. Insofern sehe ich dieses Netzwerk zuerst einmal als Hilfsmittel.

Wann wird es problematisch?

Wenn Falschmeldungen, Stichwort „Fake News“, unabsichtlich oder sogar absichtlich verbreitet werden. Soweit diese Unwahrheiten unsere Arbeit betreffen, schreiten wir möglichst schnell und konsequent ein. Das geht so weit, dass wir regelmäßig Strafanzeige gegen die Verfasser einleiten.

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