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Das Foto zeigt ein leer stehendes Geschäft an der Egerlandstraße in Geretsried.

Vortrag in der Flößerei

So wollen Wolfratshausen und Geretsried die Innenstädte stärken

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Wie werden Innenstädte wieder attraktiver? Das war die entscheidende Frage bei einem Info-Abend in der Stadt Wolfratshausen.

Wolfratshausen – In Zeiten von Amazon und etlichen Verkaufsplattformen im Internet macht sich seit Jahren ein Problem breit: Ladensterben und Leerstand in zahlreichen Innenstädten in ganz Deutschland. „Der stationäre Handel wird nicht sterben“, sagt hingegen Svenja Brüxkes vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH).

Auf Einladung des Werbekreises Einkaufstadt Wolfratshausen, des Vereins Lebendige Altstadt Wolfrathausen (LAW) und der Stadt stellte die Junior-Projektmanagerin die Ergebnisse der Studie „Vitale Innenstädte 2016“ am Mittwochabend in der Flößerstadt vor. Zahlreiche Ladeninhaber und Interessierte, unter ihnen Geretsrieds Bürgermeister Michael Müller und Fritz Schnaller, Vize-Rathauschef in der Loisachstadt, kamen ins Wirtshaus Flößerei, um Antworten auf die Frage „Wie werden Innenstädte wieder attraktiver?“ zu finden.

Das Internet verändert das Kaufverhalten

Svenja Brüxkesstellt die Studienergebnisse vor

Junior-Projektmanagerin Brüxkes ging zunächst auf die Entwicklung des Handels ein. Das Internet als Konkurrent zum Einzelhandel existiere definitiv, bestätigte sie: „Die Zahl an selektiven Online-Shoppern wächst zunehmend.“ Das heißt, dass insbesondere Elektronik und Mode verstärkt im Internet gekauft werden; Lebensmitteln und Drogerieartikel dagegen (noch) beim Nahversorger.

Weil zunehmend mehr im Internet gekauft werde, verändere sich auch das stationäre Konsumverhalten. Der online-affine Käufer sei schneller, informierter und mobiler geworden. Diese Aspekte müsse der Einzelhandel berücksichtigen. Gerade in puncto Service könnten die Geschäftsleute vor Ort punkten – „denn das Digitale lächelt nicht“. Außerdem sei der Erlebnischarakter wichtig, um Besucher zum Kaufen zu animieren.

Diese Erkenntnisse sind die Grundlage der Studie, die das IFH 2016 durchgeführt hat. Rund 60 000 Innenstadtbesucher wurden in 121 Städten gleichzeitig befragt. Für Städte der Wolfratshauser Größenordnung – bis 25 000 Einwohner – ergab sich aus den Bewertungen der Schulnotenschnitt von 2,8 (Schnitt insgesamt: 2,7).

Der Durchschnittsbesucher einer solchen Kommune ist weiblich, 48 Jahre alt und wohnt am Ort. Sie erledigt ihre Einkäufe einmal pro Woche mit dem Auto. Lebensmittel und Drogeriewaren kauft sie in ihrer Heimatstadt, Elektronik und Kleidung nicht. Genauer: Gut 60 Prozent der Befragten wohnen im Ort und betreten beim Einkaufen einen bis fünf Läden. Etwa 56 Prozent sind mit dem Auto unterwegs, der öffentliche Nahverkehr spielt für sie eine untergeordnete Rolle. Parkplätze seien daher extrem wichtig. „Wichtig ist in erster Linie, dass es Parkplätze gibt – nicht wo“, betonte Brüxkes.

Um die Ergebnisse zu veranschaulichen, stellte die Junior-Projektmanagerin Thesen auf, die dabei helfen sollen, Innenstädte attraktiver zu gestalten (siehe unten). Für Stadt und Handeltreibende ergeben sich so jeweils drei grundlegende Bereiche, in denen sie ansetzen können. Das wichtigste Kriterium sei „Ambiente und Flair zu schaffen“. Neben kostenfreiem WLAN – das es in Wolfratshausen und Geretsried bereits gibt – sei es der „Charme“, mit der eine Stadt punkten könne. Dazu gehöre die Instandhaltung historischer Gebäude durch die Eigentümer. Den Kaufleuten riet die Expertin, Kaufanreize zu bieten und das Einkaufen durch einen persönlichen Service als „Erlebnis“ zu inszenieren. Außerdem sollten sie durch digitale Angebote Mehrwert schaffen. Zum Einstieg empfahl Brüxkes das Portal „Google my business“, mit dem sich jeder Ladenbesitzer im Netz präsentieren könne. Weil viele Anwesende Fragen zu konkreten Verbesserungsvorschlägen für Wolfratshausen hatten, merkte Werbekreis-Chefin Ingrid Schnaller an, dass sich die Stadt an der nächsten Studie des IFH beteiligen könne. So könnte man eine detaillierte Auswertung für die Loisachstadt bekommen.

Wie können Innenstädte attraktiv werden? Referentin Svenja Brüxkes stellte Geschäftsinhabern und Interessierten im Wolfratshauser Wirtshaus Flößerei die Ergebnisse der Studie zum Thema vitale Innenstädte vor. 

Alle müssen an einem Strang ziehen

Brüxkes bestätigte am Mittwoch, was die Werbekreis-Vorsitzende und Ernst Gröbmair, Beiratsvorsitzender des Vereins Lebendige Altstadt, schon lange betonen: Hauseigentümer, Einzelhändler und die Kommune müssen an einem Strang ziehen. Obwohl bereits vieles auf den Weg gebracht worden sei, „ist noch viel Potenzial da“, bilanzierte Gröbmair. „Viele Wolfratshauser warten auf Veränderungen, aber alle müssen mithelfen“, appellierte Ingrid Schnaller an die rund 80 Zuhörer. Die Ergebnisse der Handelsforschungsstudie sollen nach ihren Worten einen Gesamtüberblick geben, welche Möglichkeiten die Loisachstadt in Zukunft noch ausschöpfen kann. Beispiel Flair: Der historisch gewachsene Stadtkern zwischen Bergwald und Loisach ist für die Werbekreis-Vorsitzende ein wichtiger Ansatzpunkt.

Wie viele Geschäfte stehen in Wolfratshausen und Geretsried leer ?

Wer abends durch den Unter- und Obermarkt in Wolfratshausen bummelt, dem fällt die Farbe Grün ins Auge. Die Schaufenster der leeren Geschäfte, die von Immobilienmakler Ernst Gröbmair vermittelt werden, sind in dieser Farbe beleuchtet. „Es stehen zwölf Läden im Bereich der Altstadt leer“, sagt der Wolfratshauser auf Nachfrage unserer Zeitung. Dazu zählt Gröbmair, Beiratsvorsitzender des Vereins Lebendige Altstadt Wolfratshausen, neben Ober- und Untermarkt auch die Bahnhofsstraße. „Damit haben wir permanent zu tun“, berichtet er. Festzustellen sei, „dass es nicht weniger leere Geschäfte werden“. Zwar würden immer wieder neue Unternehmer in die Ladenlokale ziehen, „genau so viele hören aber auch wieder auf“, bilanziert Gröbmair. Kurzum: Der Leerstand bleibt unterm Strich gleich. In Geretsried ist die Situation etwas besser. Sechs leer stehende Ladenflächen zählt der Makler derzeit. Grundsätzlich ließen sich die zwei Kommunen nur schwer vergleichen. Geretsried habe den wesentlichen Vorteil, „dass vor fast allen Geschäften Parkplätze zur Verfügung stehen“, sagt Gröbmair. Die Stellflächen im Wolfratshauser Markt seien rar gesät. Aber: „In Wolfratshausen gibt es historische Fassaden und viele Traditionsgeschäfte, die ein ganz besonderes Flair haben.“ Das, so Gröbmair, sei in Geretsried weniger der Fall.

Thesenpapier

Fünf Thesen resultieren aus der Studie „Vitale Innenstädte“ des Instituts für Handelsforschung in Köln. Junior-Projektmanagerin Svenja Brüxkes stellte sie vor: 

  • These 1: Passanten nehmen die Verödung der Innenstadt nicht bewusst wahr. 
  • These 2: Innenstädte punkten mit Ambiente und Flair. 
  • These 3: Gebäude und Plätze prägen den Charakter einer Stadt. 
  • These 4: Der Wettbewerb zwischen Standorten entscheidet. 
  • These 5: Digitaler Service verhilft zu mehr Frequenz

mh/dst

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