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Gut besucht war der Vortrag der Kulturhistorikerin Dr. Kaija Voss (re.) über Baudenkmäler im Landkreis. 

Historischer Verein

Die Sorge vor dem Domino-Effekt

Vortrag beim Historischen Verein: Architekturhistorikerin Dr. Kaija Voss stellt weniger bekannte Baudenkmäler im Landkreis vor. 

Wolfratshausen – Ob Barockkirchen, Bauernhäuser, Kalvarienberge, Klosteranlagen oder die Marktstraßen in Wolfratshausen und Bad Tölz: Dass der Landkreis mit sehenswerter Architektur nur so wuchern kann, ist kein Geheimnis. Dass es darüber hinaus auch noch weniger bekannte Bauwerke der klassischen Moderne zu entdecken gibt, verdeutlichte die Geretsrieder Architekturhistorikerin Dr. Kaija Voss in einem vom Historischen Verein veranstalteten Vortrag in der evangelischen Kirche St. Michael.

„Alle Bauten haben einen ganz eigenen Charme, geben Zeugnis von der Geschichte und stellen sich dadurch der beliebigen Investoren-Architektur entgegen“, begründete Voss ihre Auswahl. Ihre bilderreiche Besichtigungstour begann im Südlandkreis in Schlehdorf. Dass Jesus in der dortigen Klosterkirche als „Viernageltypus“ am Kreuz zu sehen ist, gilt als Besonderheit der Romanik. „In der Gotik sind die Beine dagegen übereinandergeschlagen, sodass nur drei Nägel verwendet wurden“, erklärte Voss.

Kirche Mariä Himmelfahrt das älteste bestehende Gebäude

Eindrucksvolle Netz- und Sterngewölbe sind in der Tölzer Kirche Mariä Himmelfahrt zu bewundern. „Das ist das älteste noch bestehende Gebäude im Isarwinkel“, berichtete die Architekturhistorikerin. Etwas mühsamer, aber nicht minder lohnenswert gestaltet sich der Aufstieg zum 1694 fertiggestellten Kalvarienberg in Lenggries. 236 schmale Stufen führen zu den Stationskapellen. Erst 1718 legten die Tölzer ihren Kalvarienberg an. Gut zu erkennen ist er zum Beispiel von der Marktstraße, die 1896 vom Architekten Gabriel von Seidl umgestaltet wurde. „Seine Leistungen werden oft unterschätzt“, bedauerte Voss. Das liege vielleicht auch daran, dass der Gründer des Isartalvereins ein Allrounder war und moderne Bauten ablehnte. Etwas mutiger war Emil Freymuth, nach dessen Entwurf 1929 und 1930 in der Kurstadt eine Trink- und Wandelhalle im Stil der klassischen Moderne errichtet wurde.

Zweckbauten in Wolfratshausen

In Wolfratshausen stieß Voss auf Zweckbauten, wie das in der Biedermeier-Zeit errichtete ehemalige Krankenhaus an der Sauerlacher Straße und die die Häuserzeilen an der Alpen- und Schießstättstraße. „Dort wohnten während des Zweiten Weltkriegs Arbeiter der Geretsrieder Rüstungsbetriebe“, berichtete Voss.

Nach wie vor setzt sich der Historische Verein für den Erhalt der vom Abriss bedrohten Gebäude ein. „Wenn einmal der erste Stein fällt, kommt es zum Domino-Effekt“, fürchtet Vorsitzende Dr. Sybille Krafft. Um das ehemalige Krankenhaus an der Sauerlacher Straße wieder zu nutzen, schlägt sie vor, dort das Heimatmuseum einzurichten. Für die vielen Exponate ist in den Räumlichkeiten am Untermarkt kaum noch Platz.

Um das Geschichtsbewusstsein der Entscheidungsträger zu schärfen, regte Vize-Bürgermeister Fritz Schnaller an, dass Vertreter des Vereins in den Stadtrat kommen und dort Vorträge zu erhaltenswerten Bauten halten. „Das wäre doch was, wenn wir im Jahr 2023 das 200-jährige Bestehen des alten Krankenhauses in einem wiederhergestellten Gebäude angemessen feiern könnten“, blickte der SPD-Stadtrat in die Zukunft. Applaus erhielt er dafür nicht nur von den Mitgliedern des Historischen Vereins, sondern auch von seinen anwesenden Stadtratskollegen Annette Heinloth (Grüne), Roswitha Beyer und Gerlinde Berchtold (beide SPD).


Peter Herrmann

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