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Die Baubranche boomt. Das soll nach Ansicht von Experten auch 2019 so bleiben.

Ausblick 2019

Die Sorgen und Hoffnungen der Wirtschaftsexperten im Landkreis

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Wir befragten Wirtschaftsexperten im Landkreis, was sie für ihre Branchen im neuen Jahr erwarten.

Bad Tölz-Wolfratshausen – 2018 brummte die deutsche Wirtschaft. Mal wieder. Die Baubranche konnte sich vor Aufträgen nicht retten, die Arbeitlosenquote ist so niedrig wie seit 25 Jahren nicht, und die Löhne der Arbeitnehmer legten zu. Inzwischen mehren sich aber die Stimmen, die vor einer Überhitzung der Märkte warnen. Die Gründe: Vielen Branchen fehlen die Fachkräfte, die deutschen Automobilhersteller verkaufen weniger Fahrzeuge als erhofft. Zudem bremsen Trumps Strafzölle und der anstehende Brexit. Wir wollten von hiesigen Wirtschaftsexperten wissen, mit welchen Erwartungen und Sorgen sie ins neue Jahr gehen.

Reinhold Krämmel

Reinhold Krämmel erreichte unsere Anfrage im richtigen Moment: Er habe gerade die Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) für 2019 bearbeitet, sagt der Vorsitzende des IHK-Forums Oberland. Spezifische Einschätzungen für den Landkreis seien ihm aber „nur sehr bedingt möglich“. Krämmel beschränkt seine Einschätzungen deshalb auf die Metropolregion München und auf sein ureigenes Kerngeschäft, die Bau- und Immobilienbranche.

Die große Herausforderung bleibt für den Unternehmer, das betont er bei jeder Gelegenheit, „der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel quer durch nahezu alle Branchen, der sich im kommenden Jahr weiter verschärfen wird“. Damit die qualifizierten Fachkräfte in der Region bleiben (können), benötige man dringend bezahlbaren Wohnraum.

Ingrid Schnaller

Auch Krämmel sieht Risiken eines konjunkturellen Abschwungs, beispielsweise durch den zunehmenden „Protektionismus weltweit und durch einen ungeregelten Brexit. Dies könnte vor allem die mittelständischen Automotivzulieferer und Anlagenbauer in unserer Region betreffen.“ Weitere Risiken lägen im schleppenden Ausbau der Digital- und Energienetze. Und noch etwas bereitet Krämmel Sorgen: „Massive Wachstumshemmnisse in unserer Region bestehen im Bereich der Mobilität. Straßen- und Schienen-Systeme sind jetzt bereits überlastet.“ Einen zügigen Aus- und Zubau würden die jeweils Betroffenen durch ihre ablehnende Haltung verhindern oder verzögern. Teile der Bevölkerung akzeptierten die bewährten Bauleitplanungsverfahren zur Regelung der bestehenden Interessenskonflikte nicht mehr, sagt der IHK-Funktionär.

Den von Krämmel geforderten Ausbau der Digitalisierung sieht Ingrid Schnaller als Einzelhändlerin naturgemäß mit gemischten Gefühlen. Wie das geänderte Verbraucherverhalten und der demografische Wandel verändern auch die „die digitalen und technologischen Innovationen die Strukturen des Einzelhandels nachhaltig“, sagt die Chefin des Werbekreises Einkaufsstadt Wolfratshausen. „Das wirkt sich auf die stationären und etablierten Geschäftsmodelle aus, sowie auf das Bild unserer Städte und auf die Versorgung im ländlich geprägten Raum.“

Statt aber den Wandel zu ignorieren, wollen die Wolfratshauser Geschäftsleute Teil von ihm werden: „Der Prozess zur Aufwertung unserer Innenstadtbereiche hin zu mehr Aufenthaltsqualität und Einkaufserlebnis für alle Generationen, hat mit 2018 begonnen und wird sich 2019 fortsetzen“, kündigt Schnaller an. Allerdings benötige die digitale Projektaufbereitung für mehr gemeinschaftliche Online-Sichtbarkeit des stationären Einzelhandels „größere Impulse als bisher“.

Auch der ökologische Aspekt rücke in den Vordergrund. Ein „verstärktes Augenmerk auf die Bedeutung des ökologisch nachhaltigen Konsums“ werde im Zuge der Klimaveränderungen unabdingbar sein, „auch für den etablierten Einzelhandel vor Ort“. Dies wünschen auch die Kunden, glaubt die Werbekreis-Chefin. Das Bewusstsein der Menschen ändere sich hin „zu mehr ressourcenschonendem, ökologischem und fairerem Konsum“.

Frederik Holthaus

Frederik Holthaus, Geschäftsführer des Isar-Kaufhauses und Vize des Geretsrieder Einzelhändler-Verbunds ProCit, sagt, seine Kollegen und er profitieren „von der guten Beschäftigungslage in unserem Landkreis“. Stadt und umliegende Gemeinden würden weiterhin durch Zuzug wachsen, „was wiederum mehr Kaufkraft bringt“. Durch die Neueröffnungen großflächiger Fachmärkte und Discounter und die bestehenden Geschäfte hätten die Verbraucher eine große Auswahl und würden von einem „starken Wettbewerb“ profitieren.

Allerdings habe die Konjunktur auch eine andere Seite, die Holthaus weniger gefällt: Der Onlinehandel blüht mit zweistelligen Zuwachsraten und zieht somit Kaufkraft vom stationären Handel ab. „Gerade im Textil- und Möbelhandel wird mit starken Rabatten verkauft, was die Ertragslage aller Textil- und Möbelhändler schwächt.“ Der ProCit-Vize setzt große Hoffnungen in das neue Geretsrieder Zentrum. „Dies stärkt den Standort und die Zentralität der Stadt. Alle freuen sich auf die geplante Fertigstellung und Neueröffnung des Karl-Lederer-Platzes im Herbst 2019.“

Josef Wehbe

Bauingenieur Josef Wehbe, Vorstandsmitglied der Unternehmervereinigung Wolfratshausen, hat naturgemäß viele gute Kontakte in der Baubranche. Die glauben fest daran, „dass das Jahr 2019 wohl so weitergeht, wie es ausklingt. Und zwar mit einer sehr aktiven Tätigkeit aller Gewerke, die die Baubranche betreffen.“ Demzufolge sei das Umfeld dieser Branchen ebenfalls gut gerüstet. Wehbe selbst blickt „positiv in das kommende Jahr für die meisten Branchen. Eine besondere Herausforderung wird jedoch die Suche nach den fehlenden Fachkräften darstellen.“

peb

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