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Für Anstand und Gerechtigkeit warb die SPD auf ihren Wahlplakaten. Dazu sagt Klaus Barthel: „Anstand hat man – oder man hat ihn nicht. Etwas derart Abstraktes schreibt man nicht auf ein Wahlplakat.“

Nach der Landtagswahl

Das SPDesaster: Das sagen die Genossen im Landkreis zum Horrorergebnis

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Mit schlappen 9,6 Prozent der Wählerstimmen ist die SPD bei der Landtagswahl in Bayern an einem neuen Tiefpunkt angekommen. Unsere Zeitung holte Reaktionen ein. 

Bad Tölz-Wolfratshausen– In den guten Zeiten der Sozialdemokratie – den 1960er und 70er Jahren – holten die Genossen bei Landtagswahlen in Bayern zwischen 30 und 35 Prozent – und grämten sich dennoch. Weil sie es einfach nicht schafften, zur bis auf 62 Prozent enteilten CSU aufzuschließen. 30 Prozent plus x, davon kann die SPD im Freistaat aktuell nur träumen. Kümmerliche 9,6 Prozent – minus elf gegenüber 2013 – erreichte sie am Sonntag und setzt damit ihren Weg von einer Volkspartei zu den „Sonstigen“ fort. Verstorbene Parteigranden wie Kurt Schumacher und Willy Brandt dürften sich im Grabe umdrehen.

Auch Wolfgang Werner war nach den ersten Hochrechnungen „erschüttert“. Nach einem „intensiven Wahlkampf“ hatte sich der SPD-Kreischef zwar kein Wunder – „wir sind ja Realisten“ –, wenigstens aber ein zweistelliges Ergebnis erhofft. Und dann verpasst der Wähler den Genossen nicht nur eine schallende Ohrfeige, sondern einen kapitalen Tritt in den Allerwertesten. Warum? Werner nennt den „fehlenden Rückenwind aus Berlin“ als eine Ursache. Er räumt jedoch auch ein, „dass wir es als Partei in Bayern nicht geschafft haben, mit landespolitischen Themen wie der Wohnraumnot Wähler zu mobilisieren“.

Wolfgang Werner, Kreisvorsitzender der SPD

Wie’s nun weitergehen soll? „Wir müssen mittelfristig aus der GroKo raus“, fordert der Geretsrieder. Die SPD müsse endlich wieder als eigenständige Partei wahrgenommen werden, nicht als Anhängsel der Regierung von Angela Merkel. Seit Schröders „unseligem Hartz IV“, also seit 15 Jahren, ätzt Werner, „befinden wir uns auf dem absteigenden Ast“. Mit Verweis auf die noch schlechteren 6,2 Prozent im Stimmkreis 111 fügt der Kreisvorsitzende an: „Inzwischen wächst eine Generation heran, die die SPD gerade hier im Oberland nur noch als Loser-Partei kennt.“

Christa Harrer saß für die SPD 20 Jahre im Maximilianeum und hat die guten Zeiten erlebt. Als sie 1978 erstmals in den Landtag gewählt wurde, „haben wir 31,4 Prozent geholt“. Die 78-Jährige Tölzerin kämpfte auch im Stadtrat und im Kreistag „für die heute weiterhin so wichtigen sozialen Themen“. Nun fordert sie den Ausstieg aus der Großen Koalition in Berlin. „Ich war ja anfangs dafür, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Aber jetzt sehe auch ich ein, dass es so nicht mehr weitergeht.“

Reiner Berchtold, Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion, sieht mehrere Gründe für den Sinkflug seiner Partei, der er einst aufgrund ihrer historischen Verdienste wie die Einführung des Frauenwahlrechts sein Herz schenkte. Einer ist die GroKo, die der Waldramer, anders als seine Vorredner, nicht als grundsätzlichen Fehler ansieht. „Nur hätten wir das, was wir in ihr erreicht haben, beispielsweise den Mindestlohn, klar als unseren Verdienst formulieren müssen. Das haben wir versäumt.“ Die Überalterung in den Ortsvereinen macht ihm überdies Sorgen. Es kämen kaum Junge nach, sagt Berchtold, „das kriegen die Grünen besser hin“. Aufgeben ist für keine Option. „Wir müssen arbeiten, dann wird es bei der Kommunalwahl besser aussehen.“

Klaus Barthel. Der Kochler saß bis zur Wahl 2017 für die SPD im Bundestag.

Klaus Barthel kam frisch aus der Parteivorstandssitzung in Berlin, als wir ihn erreichen. Zu deren Resultat respektive Konsequenzen will er sich nicht äußern. Zwei Wochen vor der Wahl in Hessen, sagt der 62-jährige Kochler, „werden wir sicher keinen großen Lärm machen“. Danach müsse vieles auf den Prüfstand, auch der Sinn einer GroKo. Er betont aber, dass man nicht alles auf den Bund schieben könne. Die Bayern-SPD habe ihre Positionen nicht deutlich gemacht. Viele Genossen an den Infoständen hätten sich von der Landes-Spitze „im Nebel stehen gelassen gefühlt, weil sie nicht wussten, welche sozialdemokratischen Themen sie in den Mittelpunkt stellen sollen“. Stattdessen warb die SPD mit Begriffen wie Anstand um Stimmen. Barthel: „Anstand hat man – oder man hat ihn nicht. Etwas derart Abstraktes schreibt man nicht auf ein Wahlplakat.“ Für den Kochler geht es mittlerweile nicht allein ums Überleben der SPD. „Angesichts der Zersplitterung der politischen Landschaft stellt sich mir die Frage, wie es mit unserer Gesellschaft weitergeht.“

peb

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