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Den Saal der Mehrzweckhalle in Farchet darf Sinan Karaman nicht für ein türkisches Kinderfest mieten. 

Stadt untersagt Nutzung der Farcheter Mehrzweckhalle

Türkisches Kinderfest wird zum Politikum

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Sinan Karaman wollte für ein Kinderfest die Mehrzweckhalle in Farchet mieten. Die Stadt Wolfratshausen bewertet die Feier als politische Veranstaltung und sagt Nein.

Wolfratshausen– Als ehemaliger Fußball-Trainer des BCF Wolfratshausen und der Fußball-Freunde Geretsried hat er gelernt, auch mal zu verlieren. Aber die Niederlage, die Sinan Karaman nun abseits des grünen Rasens einstecken musste, schmerzt den 1974 in Wolfratshausen geborenen Türken mit (inzwischen ausschließlich) deutschem Pass ganz besonders.

Der Vater zweier Töchter hatte für ein Kinderfest den Saal der Mehrzweckhalle in Farchet mieten wollen. Die Stadt als Eigentümerin sagte Nein. Sie bewertet das für den 23. April geplante Event als politische Veranstaltung. „Und die erlauben wir grundsätzlich nicht in stadteigenen Räumlichkeiten“, erklärt Bürgermeister Klaus Heilinglechner .

Karaman: „Mit Politik habe ich nichts am Hut“

„Mit Politik habe ich nichts am Hut“, versichert hingegen der Antragsteller. „Ich wollte lediglich rund 40 Kindern und ihren Familien zeigen, dass sie einfach tanzen und Spaß haben können – ohne politischen Hintergrund“, sagt Karaman. Er argwöhnt, dass der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan an der Absage nicht ganz unschuldig ist: „Wegen dem reagiert ja jeder im Moment ein bisschen komisch.“

Sinan Karaman wollte den Wunsch seiner Töchter erfüllen. 

Tatsächlich wird der 23. April in der Türkei seit 1921 als offizieller „Feiertag der Nationalen Souveränität und des Kindes“ begangen – als Erinnerung an die erste große Zusammenkunft des türkischen Parlaments unter dem Vorsitz des Staatsgründers Atatürk. Seit den 1980er- Jahren wird der Tag auch von Türken in anderen Ländern gefeiert.

„Tag der Kinder“ soll Beitrag zur Integration leisten

Karamans Töchter, die regelmäßig bei den Kindertreffen der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Geretsried „die türkische Kultur lernen, aber genauso Völkerball und Blinde Kuh spielen“, so der Papa, hatten den Wunsch geäußert, so ein Fest auch mal zu feiern. Also schaltete sich ihr Vater ein. „Ich kenne die Halle gut aus meiner Zeit beim BCF und habe da schon viele private Feste gefeiert. Für das Kinderfest ist der Saal ideal“, begründet der Ex-Trainer seine Wahl. Die Räumlichkeiten der Moschee in Geretsried reichten für eine Fest dieser Größenordnung nicht aus.

Rund 1000 Euro habe man bereits in T-Shirts, Medaillen, Kostüme und anderes investiert. Die Kinder probten seit Wochen Tänze und Lieder ein. Seine elfjährige Tochter Melina will die Nationalhymne vortragen, mit der sie bei einem bayernweiten Wettbewerb kürzlich den ersten Platz ersungen hat. „Für mich hat hier in Deutschland nur der ,Tag für Kinder‘ Bedeutung“, beteuert Karaman, der die Feier auch als „einen Beitrag zur Integration der Türken in Deutschland“ sieht.

Bürgermeister Heilinglechner: Man möge bitte die Situation der Stadt berücksichtigen

„Ich kann die Enttäuschung verstehen“, sagt Bürgermeister Heilinglechner. Aber man möge bitte auch die Situation der Stadt berücksichtigen. „Für mich ist das eine politische Veranstaltung. Und dafür wurde bisher keine der städtischen Immobilien zur Verfügung gestellt. Weder CSU, SPD, Grüne noch die Bürgervereinigung konnten in einem rein städtischen Raum bisher eine Veranstaltung abhalten“, teilt der Rathauschef dem Antragsteller Karaman schriftlich mit. Dies sei auch wichtig, um eine Position für Anfragen von AfD, NPD sowie sonstigen rechts- oder linksgerichteten Gruppierungen zu haben, betont Heilinglechner.

Die Suche nach einem Saal geht weiter

„Ich kann’s nachvollziehen, weil ich in Deutschland aufgewachsen bin. Aber ganz verstehen kann ich es nicht“, sagt Karaman. Er ärgert sich offen, dass er womöglich die falsche Taktik gewählt hat. „Hätte ich gelogen und gesagt, ich feiere den Geburtstag meiner Tochter oder eine türkische Verlobung, hätten die Feierlichkeiten niemanden interessiert.“ Die Suche nach einem passenden Saal für die Kinderfeier gehe jedenfalls weiter. Karaman: „Um das Fest einfach aufzugeben, dafür haben die Kinder und einige Eltern zuviel investiert.“

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