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Nachhilfe: Putzfrau Rosa Bunker (Monika Schwenger) erklärt Stadtrat Alfred Fraas (Franz Foitzik, li.) und Bürgermeister Klaus Heilinglechner (Andreas Wastian), wie die Kommunalpolitik in Geretsried funktioniert.

„Mei so ein furchtbarer Traum. Ein Albtraum.“

Starkbierfest: Ein Albtraum für den Bürgermeister

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Welcher Stadtrat wird beim Politikerderbleckn durch den Kakao gezogen und welcher – für den Betroffenen viel schlimmer – gar nicht erwähnt? Die Antworten lieferte die Loisachtaler Bauernbühne am Freitagabend in der ausverkauften Loisachhalle.

Wolfratshausen– Das Starkbierfest ist ein Ritual, der Ablauf ist seit der Erfindung der fünften Jahreszeit in Stein gemeißelt: Die Freunde des süffigen Gerstensafts pilgern geschlossen in die Loisachhalle, der jeweils amtierende Bürgermeister treibt mit möglichst wenigen Schlägen den Zapfhahn ins dekorative Holzfass und die Stadtkapelle spielt dazu die passenden Weisen. Allein die Schauspieler der Loisachtaler Bauernbühne (LBB) müssen sich jedes Jahr aufs Neue etwas einfallen lassen. Jedes Politikerderbleckn ist ein Unikat – das sich heuer das Prädikat „besonders wertvoll“ verdiente.

Rathauschef Klaus Heilinglechner (Andreas Wastian) hat in seinem Amtszimmer der Schlaf übermannt. Er träumt sich in den Bürgermeister-Himmel – es wird ein Albtraum für ihn werden. Nein, die Zwischenbilanz des Heiligen Portners (Ludwig Gollwitzer) fällt wenig rosig aus: „Fettnapf, Dein Name ist Klaus“ – und überhaupt habe der Rathauschef nur die Ideen anderer kopiert.

„Das ist alles nur geklaut“

Das unterstreicht Sängerin Eveline Hörschelmann mit dem Song der Prinzen: „Das ist alles nur geklaut.“ Das Orakel (Christine Dillinger) malt auch die Zukunft des Bürgermeisters zwei Jahre vor der nächsten Wahl in düsteren Farben. Ihre „Wahrheits-Weißwürscht“ sagen Unheil voraus: CSU-Fraktionsboss Günther Eibl (Tom Janoschi) und Werbekreischefin Ingrid Schnaller (Christine Brauner) werden paktieren, um die Wiederwahl von „Heili“ zu verhindern. Ein diabolischer Stratege und eine Dame mit dem Drang zu Höherem: Die Werbekreisvorsitzende („und Ehefrau des immerhin Zweiten Bürgermeisters von Wolfratshausen“) ziert sich nur kurz, bevor sie das unmoralische Angebot des Christsozialen mit dem knallroten Oberhemd annimmt. „Sei nicht töricht, Schnallerin. So eine Wahl kann man nicht dem Zufall überlassen. Bevor etwas schief geht, schließen wir einen Pakt. Die SPD koaliert mit meiner CSU – und da Heili und seine Bürgervereinigung sind draußen! Du wirst Zweite Bürgermeisterin!“ Und wer wird Erster Bürgermeister? Eibl fragt rein rethorisch: „Wer hat in dieser Stadt den höchsten Intellekt „Die Ulli Krischke“, flötet das Orakel zu seinem Leidwesen. Wem gehört der beste Elektroladen („Elektro Friedl“), und wer hat die schönsten Trachtlerwaden („der Fischer-Pflügl“). Sei’s drum, die Schnallerin schlägt schließlich ein. Vize-Bürgermeisterin mit Hilfe der CSU: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

„Bürgermoasta, Du muaßt a Zeichen setzen“, lautet der Appell des Orakels. Nur muss er dies besser machen als in der Vergangenheit. Das Weidacher Ortsschild stellte Heili dummerweise in Nantwein auf. Gefundenes Fressen für Stadtrat Alfred Fraas (Franz Foitzik). Der unterbricht seinen Tunnelbau, um im Bürgermeister-Himmel mit Nachdruck darauf hinzuweisen: „Ich kenne mich in allem aus: Kunst, Kultur, Murenabgänge, Feuerwerke, S-Bahn-Boykott, Parkhäuser, et cetera, et cetera.“ Warum als nächstes nicht der Bürgermeisterjob für ihn, das Super-Super-Talent?

Ein Packerl Bio-Speck gibt’s obendrauf

In seiner Not umgarnt Heili seinen ärgsten Widersacher im Stadtrat. Um die Macht nicht zu verlieren, macht er vor dem Grünen-Rat Dr. Hans Schmidt (Michael Hanak) einen Kniefall: „Wollen Sie mein Zweiter Bürgermeister werden?“ Schmidt stellt knallharte Forderungen: Nie wieder sinnlose Gutachten wie das „Integrale Konzept zum kommunalen Sturzflut-Risikomanagement.“ Absolut richtig, souffliert Fraas, „bis da was entschieden ist, hat uns schon die nächste Mure erwischt und den ganzen Untermarkt verschüttet“. Statt das Geld bündelweise für Gutachter rauszuschmeißen, will Schmidt ein „in sich geschlossenes Radweg- plus Über-/Unterführungsnetz mit intelligentem Ampelsystem“. Heili sagt ja – und legt noch eine Baumschutzverordnung sowie ein Packerl Bio-Speck obendrauf, das ihm ein Markthändler gratis in die Hand gedrückt hat.

„Eine Straß’, die Deinen Namen trägt“

Dem Bürgermeister wird klar: Nur ein ganz großer Wurf garantiert ihm die Wiederwahl. „Eine Straß’, die Deinen Namen trägt“, bestätigt Sängerin Hörschelmann frei nach DJ Ötzis Schlagerhit. „Seit Kurzem träum’ ich das Ding, vom schönen Heilinglechner-Ring.“ Doch für Heili bleibt’s ein schlechter Traum. Denn Geretsrieds Bürgermeister Michael Müller (Christian Foitzik) und sein Stadtrats-Adlatus Gerhard Meinl (Florian Roth) stehen schon bereit, um sich Wolfratshausen einzuverleiben. Müller, dem die Lokalpresse nie ein Haar krümmt, hat den großen Vorteil, sein eigener Meinungsbilder zu sein. „Wos dem Trump sein Twitter, is dem Müller sein Facebook“, stellt Putzfrau Rosa Bunker (Monika Schwenger) fest. Auf diesem Weg wird die Welt von Müllers Motto erfahren: „Verdichten, verdichten, verdichten.“ Zugegeben: „Bei uns in Krämmelsried gab’s Proteste, als der Karl-Lederer-Platz umgebaut wurde“, räumt der Rathauschef ein. Doch das probate Mittel gegen Bürgerbegehren sei eine gehörige Portion Ignoranz. „Do muaß ma einfach Fakten schaffen“, erklärt Stadtrat Hans Hopfner (Max Prestel). Meinl belehrt den bekanntermaßen an einer Lateinschwäche leidenden Wolfratshauser Bürgermeister: „Duo cum faciunt idem, non est idem“, wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. In der Flößerstadt löst ein einziger gefällter Baum einen Sturm der Entrüstung aus – nach einem gerodeten Wald, der in Geretsried einem Hallenbad weichen musste, kräht kein Hahn.

Stoiber regiert „Krämmelshausen“

Verdichtet, so der Plan der Geretsrieder, wird zeitnah auch die Nachbarstadt: Aus Wolfratshausen „wird ein Platz aus Stahl und Beton“, ein riesengroßer Parkplatz namens „Krämmelshausen“. Im siebenstöckigen Verwaltungsgebäude auf dem Karl-Lederer-Platz thront im Jahr 2025 Edmund Stoiber (Hermann Paetzmann): „So wie einst Bayern unter meiner starken Hand erblühte, so wird auch Krämmelshausen verblühen, äh, erblühen. Parkplätze, wohin das Auge sticht, äh, fällt.“ Und auf den Zufahrtsschildern ist zu lesen: „Heilinglecher P 1, Heilinglechner P 2...“

Das Telefonklingeln reißt den Rathausschef aus dem Schlaf. „Mei so ein furchtbarer Traum. Ein Albtraum.“ Heili packt Jacke und Aktenordner: „Liaba in die nächste Stadtratssitzung, ois wia no amoi in so an Bürgermoasta-Himmi kommen.“

Nach dem Singspiel belohnt das Publikum die Akteure der LBB mit dem Brot des Künstlers: Applaus, Applaus, Applaus! Nur bei der Leiterin der Bauernbühne, Melanie Tobian, kann sich am Freitagabend niemand persönlich bedanken: Tobian ist bei der Iberl Bühne, dem bayerisches Wirtshaustheater in München, selbst als Schauspielerin gefordert.

cce

Singspiel in der Loisachhalle: Die schönsten Szenen

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