Weihnachtslied feiert Jubiläum

„Stille Nacht, heilige Nacht“ wird 200: Was Experten übers berühmte Lied sagen

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„Stille Nacht, heilige Nacht“, wohl eines der bekanntesten Weihnachtslieder, feiert 200-jähriges Jubiläum. Was denken Musiker und Dekane über die besinnlichen Strophen? Unsere Zeitung hat nachgefragt.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Normalerweise werden von dem weltberühmten Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ nur drei Strophen gesungen. Auf der Alm beim Oberhauser in Egling ertönten kürzlich ausnahmsweise alle acht. Der VdK-Ortsverband nahm das 200-jährige Jubiläum der Entstehung zum Anlass, den 70 Gästen auch die anderen, ebenso schönen Strophen zu präsentieren. „Es ist ein zauberhaftes Friedenslied“, erklärte Ortsvorsitzender Maximilian Hartl und erzählte die Geschichte von dem Komponisten Franz Xaver Gruber und dem Dichter Joseph Mohr, die 1818 auf die Schnelle in Oberndorf bei Salzburg ein Lied improvisieren mussten, weil die Orgel ausgefallen war. Das auf einer Gitarre vorgetragene Ergebnis der Koproduktion wurde derart erfolgreich, wie es an diesem Abend kein Zuhörer für möglich gehalten hätte. Cornelia Hartl sang, Katharina Bernlochner spielte die Zither. Und ganz von selbst stelle sich Weihachtsstimmung ein.

Bei Musikerin Sissy Mayrhofer wird „Stille Nacht, heilige Nacht“ unmittelbar vor der Bescherung gesungen.

Franz und Sissy Mayrhofer haben über Jahrzehnte hinweg mit vielen Laien aus der Region im Prinzregententheater das Münchner Adventsingen gestaltet. Auf die Idee, dabei die berühmte „Stille-Nacht“-Melodie zu variieren, ist Franz Mayrhofer nie gekommen. „Es gehört für mich in den familiären Rahmen“, sagt er. Tatsächlich spielt es für die Walramer eine wichtige Rolle, wenn die (Musiker)familie zusammenkommt. „Das Lied wird unmittelbar vor der Bescherung gespielt und gesungen“, erzählt Sissy. Improvisiert wird dabei mit Rücksicht auf die Schlichtheit des Liedes möglichst wenig – und das heißt etwas speziell bei den Mayrhofer-Brüdern Gregor und Raphael, die bekanntlich das Duo mit dem programmatischen Namen „Imbrothersation“ bilden. Den aktuellen Hype um die einfache Oberndorfer Weise, die in allen Variationen aus sämtlichen Lautsprechern dringt, sieht Franz Mayrhofer kritisch. „Das arme Lied“, sagt er kurz und bündig.

Zu einem sparsamen Umgang mit „Stille Nacht“ rät auch Mark Ehlert, Kirchenmusiker in St. Andreas in Wolfratshausen. Es gibt für ihn nur einen richtigen Platz für den Weihnachtsklassiker, nämlich in der besungenen stillen Nacht vom 24. auf den 25. Dezember. Das kann zu Beginn der Christmette sein, wie in seiner westfälischen Heimat, oder auch am Ausgang, wie dies am 24. abends in St. Andreas der Fall ist. „Den inflationiären Gebrauch finde ich nicht richtig“, sagt Ehlert. Diesen Standpunkt hat er auch schon gegenüber Eltern vertreten, die das Lied in der Kinderchristmette am Nachmittag vermisst haben.

Dekan Martin Steinbach findet an dem Weihnachtslied vieles bemerkenswert.

Diskussionen um die Auswahl der Lieder führt auch Dekan Martin Steinbach immer wieder. Etwa, als er in seiner Eigenschaft als evangelischer Pfarrer verfügte, einen Gottesdienst nicht mit „Oh Du Fröhliche“ zu beenden. „Das ist mir zu süßlich für die Weihnachtsbotschaft, das ist mir zu viel Zuckerguss“, erklärt er. Völlig vorbehaltlos ist auch seine Liebe zu „Stille Nacht“ nicht. „Eigentlich entspricht dieser Schmachtfetzen nicht meiner persönlichen Spiritualität“, sagt er. „Zu weit klaffen für mich die harte Realität dieser Geburts-Nacht in Bethlehem und der Schmalz des Liedes in Text und Melodie auseinander.“

Dennoch findet der Dekan, der sich anlässlich des runden Geburtstags mit dem Lied näher beschäftigt und eine Andacht darüber gehalten hat, vieles bemerkenswert. Etwa die Verbreitung aus Österreich in alle Welt. „Was heute per Internet kein Problem ist, war damals schon eine Sensation.“ Oder dass genau zu diesem Lied im Ersten Weltkrieg sich deutsche und englische Soldaten in den Schützengräben verbrüderten, bis die Generäle sie zwangen, wieder aufeinander zu schießen.

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Nicht zuletzt benennt für Steinbach das Lied „zwei grundlegende menschliche Sehnsüchte, die uns heute weitgehend abgehen: Stille und Heiligkeit.“ Vielleicht ist es ja das, was dem Lied zu seiner Berühmtheit verholfen hat. Und nicht so sehr der „holde Knabe im lockigen Haar“, dem Textdichter Joseph Mohr einen himmlisch ruhigen Schlaf wünscht.

vu

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