Auf dem Vormarsch: Waschbären, einst aus Nordamerika eingewandert, breiten sich im Freistaat von Norden nach Süden aus. Auch im Landkreis häufen sich Sichtungen.
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Auf dem Vormarsch: Waschbären, einst aus Nordamerika eingewandert, breiten sich im Freistaat von Norden nach Süden aus. Auch im Landkreis häufen sich Sichtungen.

Drolliger Problembär

Studie zeigt: Waschbären breiten sich im Landkreis aus

  • vonPeter Borchers
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Aus Nordamerika ausgewandert hat sich der Waschbär auch an unseren Breiten Gefallen gefunden. Manchmal sorgt das für Probleme.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Drollig sieht er aus. Mit seinen Knopfaugen, der schwarzen Panzerknacker-Maske im grau-weißen Gesicht, den frech nach oben gereckten Ohren und der spitzen Schnauze bedient der Waschbär perfekt das Kindchenschema. „Oh, ist der süß!“, möchte man rufen, begegnet einem einer dieser Allesfresser – und das kommt gar nicht mehr so selten vor. Die ursprünglich in Nordamerika beheimateten Raubtiere breiten sich als sogenannter Neozoon, als eine zugewanderte Art, vom Nordwesten des Freistaats nach Süden aus. Auch den Landkreis haben sie erobert.

Mit dem heimischen Raubwild buhlen die Kleinbären um Nahrung. Auf ihrem Speiseplan steht allerhand – leider auch gefährdetes – Kleingetier wie Amphibien, Vögel und Reptilien. „Wenn man einen Waschbären sieht, sollte man ihn also schon erlegen“, sagt Josef Heßlinger, Sprecher des Kreisjagdverbands (KJV) und selbst Jäger. „Er passt nicht in unsere Fauna, weil mit ihm die Predatoren (Anm. d. Red. von lateinisch praedator: Räuber) zu viel werden.“ Waschbären sind Nahrungskonkurrenten von Füchsen, Iltissen, Dachsen und Mardern. Letztere sowie Raben als Nestplünderer würden den heimischen Vögeln genug zusetzen, sagt Heßlinger. Natürliche Feinde habe der Waschbär hier praktisch keine, „es sei denn, ein größerer Nachtgreifvogel wie ein Uhu schnappt sich mal ein Jungtier“.

Doch nicht nur in den Wäldern können Waschbären Schäden anrichten. Wegen ihrer Vorliebe für den Inhalt von Mülltonnen rücken die nachtaktiven Tiere den Menschen in ihren Siedlungen auf die Pelle. Während ihrer aufdringlichen Nahrungssuche hinterlassen sie nicht selten Dreck und Verwüstung – und in ihrem Kot die Larven des Waschbär-Spulwurms. „Der kann den Menschen krank machen“, sagt Regina Gerecht. Sie ist Fachreferentin für Wildtiermonitoring und Niederwild im Bayerischen Jagdverband (BJV) und hat für die invasiven Bären ein Sondermonitoring erstellt.

Die Daten dieser Studie, an der sich 392 bayerische Jäger per Fragebogen beteiligten, zeigen: Der Waschbär kommt (noch) vor allem im Nordwesten des Freistaats vor, dort wird er deshalb am intensivsten bejagt. Er bahnt sich aber seinen Weg nach Süden. Karten zeigen die Zahl der Abschüsse – in der Fachsprache Waschbär-Strecken genannt – nach Landkreisen auf. Und siehe da: Die topaktuelle Karte für Bad Tölz-Wolfratshausen zeigt im Jagdjahr 2018/19 fünf Abschüsse. Im Vergleich zu den im selben Zeitraum erlegten 633 Waschbären im Kreis Bad Kissingen mag das Makulatur sein. Regina Gerecht würde „trotzdem sagen, dass der Waschbär in Bad Tölz-Wolfratshausen angekommen ist“ – zumal er sich ab einer gewissen Zahl rasant vermehre. Die umliegenden Kreise (bis auf einen in München-Land) verzeichneten 2018/19 übrigens keine Abschüsse. Gerecht geht „allerdings davon aus, dass es Waschbären auch dort gibt, sie wurden nur noch nicht erlegt“.

In Bayern unterliegt der Kleinbär wie in den meisten Bundesländern dem Jagdrecht. Er darf also ohne Einschränkung erlegt werden – wobei säugende Muttertiere aus ethischen Gründen verschont werden sollten, sagt Gerecht. „Es will ja niemand, dass die kleinen Babys elendig verhungern.“ Da Waschbären überwiegend nachts unterwegs sind, greift die Mehrheit der Jäger zur Fallenjagd. Die Studie hat ebenfalls ergeben, dass 94 Prozent der Befragten prinzipiell dazu bereit sind, „den Waschbären als invasive, gebietsfremde Art (noch intensiver) zu bejagen“.

Lebende Exemplare hat Josef Heßlinger im Landkreis persönlich noch nicht gesehen, nur Spuren in seinem Revier sowie überfahrene Tiere, „und das meist an größeren Verkehrsverbindungen bei größeren Gewässern, also Isar- und Loisachnähe, Kirch- und Kochelsee. Das sind die Hotspots.“ Der Tölzer bestätigt, dass die possierlichen Viecher im Landkreis „zwar noch kein Problem, aber auf dem Vormarsch“ sind – und ganz schön penetrant werden können: Zwischen Lenggries und Jachenau in der Nähe des Flusses Jachen habe ein Waschbär einen für den Winter sehr gut verbarrikadierten Bienenstand geknackt, erzählt Heßlinger. Und zwar so „brachial, dass man zunächst an ein größeres Raubtier gedacht hat“. Erst Spuren im Schnee nach erneuten Einbruchsversuchen hätten später gezeigt, dass es sich beim Täter um einen Waschbär und nicht um einen Braunbär gehandelt hatte.

Der auf den ersten Blick ein wenig plump wirkende Eindringling aus Übersee ist ungeheuer geschickt. Heßlinger weiß vom Fall eines Kollegen, der eine Lebendfalle aufgestellt hatte. Weil der Köder daraus immer wieder verschwand, der Käfig aber offen war, platzierte der Jäger in der Umgebung eine Wildkamera. Die lieferte sensationelle Bilder: Ein Waschbär machte sich über die angebotenen Leckerbissen her, legte sich anschließend auf den Bauch und öffnete von innen die zugeschnappte Tür. „Wenn man das Video nicht gesehen hat“, sagt der 56-Jährige fast bewundernd, „würde man es nicht glauben.“

Auf einem Anwesen nahe dem Sachsenkamer Kirchsee, erzählt der KJV-Sprecher weiter, seien immer wieder Mülltonnen umgestoßen und ausgeräubert worden. Hier, das ergab die Auswertung einer Wildkamera, war ein Waschbärenpärchen am Werk. „So putzig diese Tiere auch aussehen“, unterschätzen dürfe man sie nicht, warnt Heßlinger. „Die wissen, wo sie Nahrung finden und verlieren mit der Zeit völlig die Scheu. Und eins sage ich Ihnen: Der Biss eines Waschbärs tut höllisch weh.“ Weil er alles fresse, bestehe zudem die Gefahr von üblen Infektionen. Sein dringender Rat: „Niemals sollte man sich einem Waschbär nähern und schon gar nicht versuchen, ihn zu streicheln.“

peb

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