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Mit 60 Sachen über den Starnberger See: Speedsurfer Tobias Ullrich.

Süchtig nach Speed

Windsurfer Tobias Ullrich erfindet neuen Wettbewerb

Wolfratshausen - Windsurfer Tobias Ullrich hat aus seiner Leidenschaft für Geschwindigkeit einen Wettbewerb gemacht. Immer mehr machen beim Bayerischen SpeedKini mit. 

Ein Tag Ende Februar. Der kalte Westwind pfeift in Böen bis zu 44 Kilometern in der Stunde – Windstärke 6 – über den Starnberger See. Für Tobias Ullrich absolutes Traumwetter. Nicht viel kann den passionierten Windsurfer jetzt davon abhalten, sein Board aufs Wasser zu legen. Die Bizepssehne seines rechten Armes kann es. Er hat sie sich angerissen beim Surfen am 1. Februar. Ullrich hatte um die 65 Sachen drauf, als ein Materialschaden ihn abrupt stoppte. „Mich hat’s voll zerlegt“, schimpft der 34-Jährige. Tut’s noch weh? Ja, etwas. Was ihn aber bedeutend mehr schmerzt: Er kann nicht raus auf den See, und „das ist wie Folter“.

Bedingungen, wie sie an diesem Tag herrschen, liebt der gebürtige Starnberger, der mittlerweile in Wolfratshausen lebt. Ullrich ist dem Speed verfallen. Das hat sich so ergeben aus den Regatta-Slaloms, die er heute nur noch gelegentlich am Gardasee, einem seiner Lieblingsspots, fährt. „Auch beim Slalom kommt es auf die Geschwindigkeit an. Aber die Regatta-Szene in Süddeutschland ist eigentlich tot.“ Also kreierte Ullrich, in Allmannshausen direkt am Wasser aufgewachsen, 2013 seinen eigenen Wettbewerb: den Bayerischen SpeedKini. Die Regularien sind simpel: Zwischen dem 1. Januar und 30. November stellt sich der Surfer so oft wie er mag aufs Brett, schnallt sich ein GPS-Gerät um den Arm und giert nur noch nach einem: Tempo. Die zwei maßgeblichen Werte – die absolute Maximalgeschwindigkeit und die Höchstgeschwindigkeit über eine Distanz von 500 Metern – schickt er danach mit Angabe des Namens, Tags, Orts und des verwendeten Materials per Online-Formular an www.speedkini.de. Dort werden sie addiert, durch zwei geteilt und veröffentlicht. Fertig. Der halbe Kilometer trennt übrigens die Blender von den Könnern: „60 Stundenkilometer schaffen sicher einige. Aber es ist ein Unterschied, ob es mir nach zwei Sekunden das Segel aus der Hand reißt oder ich das Tempo eine halbe Minute halten kann“, sagt der 34-Jährige.

Bundesweit gibt es etwas ähnliches: den German SpeedKing. Sich diesem Wettbewerb anzugliedern, war für Tobi Ullrich keine Option. Zu unterschiedlich sind die Verhältnisse: In Norddeutschland fahren die Kollegen mitunter auf flachen Sielen. Merkmale: steife Küstenbrise, fast spiegelglatte Oberfläche. „Da kriegst du eine ganz andere Geschwindigkeit auf den Tacho als bei ordentlichem bayerischen Seegang“, sagt der Wolfratshauser. Deshalb sei der SpeedKini beschränkt auf freistaatliche Gewässer.

Was seiner Beliebtheit keinen Abbruch tut: Im ersten Jahr machten 37 Tempojunkies mit, 2014 waren es 48. Dies steigerte sich im vergangenen Jahr auf 73. „Heuer stehen schon 18 in der Liste“, sagt Ullrich und ist sich sicher: „Wir knacken die Hundert.“ Natürlich mischt er selbst an der Spitze mit. Im Premierenjahr gewann er mit 64,47 Kilometern in Stunde, dann wurde er Zweiter und 2015 Dritter. In der noch jungen Saison führt er die Rangliste aktuell an mit 31,161 Knoten, umgerechnet 57,51 km/h. Er weiß aber, dass „mit Andy Laufer und Marco Lang noch zwei schnelle Jungs warten“. Der Herrschinger Laufer und der Österreicher Lang sind (Ex-)Profis, der gelernte Kfz-Mechaniker Ullrich arbeitet dagegen in Vollzeit in einem Inninger Surfshop. Andy und Marco seien weltcup-erfahren, sagt der 34-Jährige, „die haben einfach noch ein paar PS mehr“. Zudem muss Laufer von seiner Haustür nur umfallen, und er ist am See. „Der kann sofort raus, sobald die Bedingungen – Windstärke, Wellengang und der Winkel zur Welle – passen.“

Der SpeedKini lockt nicht nur die Cracks, sondern auch das gemeine Surfervolk an. Neben der normalen Wertung für Männer, Frauen und U 18-Junioren hat Tobi Ullrich nämlich ein Seen-Ranking ins Leben gerufen. Das treibt mittlerweile sonderbare Blüten: Die Sportler suchen sich einen abgelegenen Tümpel, surfen ihn ab und halten dann den jeweiligen Rekord. Oft sind sie die einzigen, die dort jemals ein Brett aufs Wasser gelegt haben. Ullrich findet’s lustig – und gut für seinen Sport. „Das schafft in der Szene eine Gemeinschaft, die wir hier in Bayern lange nicht hatten.“

Ein bisschen verrückt muss man schon sein als Speedsurfer. Wer sonst wirft sich Mitte Januar freiwillig in fünf Grad kaltes Wasser? Und steigt an 80 Tagen und mehr im Jahr aufs Surfbrett, nicht selten schon in aller Herrgottsfrüh? Damit die Familie – seine nicht surfende Frau Steffi und die zwei Kinder, drei Jahre und fünf Monate alt, nicht zu kurz kommen, quält sich Ullrich nicht selten um 4 Uhr morgens aus dem Bett. Denn morgens ist am Kochelsee die Chance auf Föhnwind am besten. Allein ist er dann nicht: „Es ist meistens einer auf dem See mit einem Kästchen am Arm.“ Tobi Ullrich macht sich dann einen Spaß daraus, den Kollegen zu jagen. Stellt sich später beim Fachsimpeln heraus, „dass das ein Netter ist, gebe ich gerne ein paar Tipps“. Denn der SpeedKini kann neue Verrückte immer brauchen.

Peter Borchers

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