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Surfwellen-Traum geplatzt: So kam es zum Wolfratshauser „Nein“

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Von: Peter Borchers, Carl-Christian Eick

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Marcus und Steffi Kastner
Surfer aus Leidenschaft: Marcus und Steffi Kastner aus Waldram trieben die Surfwelle in Wolfratshausen voran. © Sabine Hermsdorf

Die Surfwelle wird nicht kommen. Zwei Bürger stießen das Projekt 2013 an – gut acht Jahre später zieht der Rat die Reißleine. Wir zeichnen das Auf und Ab nach.

Wolfratshausen – Die im Stadtteil Weidach geplante Surfwelle war ein Projekt, das die Wolfratshauser polarisierte. Die einen waren verzückt, die anderen entrüstet. Die Befürworter wiesen auf die Image-Aufwertung für die Flößerstadt hin, die Gegner geißelten das Vorhaben als Millionengrab. Gut acht Jahre machte die Welle Schlagzeilen, mal war das Aus so gut wie beschlossen, vor wenigen Wochen nannte Stadtmanager Dr. Stefan Werner einen Eröffnungstermin: im Sommer dieses Jahres. Doch seit Dienstag steht fest: Eine Surfwelle wird’s in der Loisachstadt nicht geben. Eine Chronologie.

Surfwelle Wolfratshausen: Traum geplatzt - So kam es zum „Nein“ des Stadtrats 

Mai 2013: Mit einer stehenden Welle in der Loisach – analog der Eisbach-Welle im Englischen Garten in München – will Gisela Gleißl Flusssurfer und Besucher nach Wolfratshausen locken. Die Tourismusmanagerin der Stadt hat diese Idee von zwei passionierten Surfern aus Waldram aufgeschnappt: Stefanie Kastner und ihr Mann Marcus.

November 2013: Gleißl stellt die Idee nach Rücksprache mit dem damaligen Bürgermeister Helmut Forster im Kulturausschuss vor – und stößt auf große Begeisterung. Die Kosten für das Projekt sollen bei rund 100 000 Euro liegen.

Ein Seitenarm der Loisach in Wolfratshausen
Surfer auf der Loisach? Hier sollte das Realität werden: Auf einem Seitenarm der Loisach © Sabine Hermsdorf-Hiss

Dezember 2013: Kann eine künstliche Surfwelle als Touristenattraktion in der Flößerstadt gebaut werden? Dieser Frage gehen die Wasserbau-Experten Dr. Roland Hoeppfner aus Wolfratshausen und Prof. Markus Aufleger aus Penzberg im Auftrag der Stadt im Rahmen einer Machbarkeitsstufe nach. Der mögliche Standort unterhalb der Weidach-Mühle erscheint den Experten als geeignet.

Mai 2014: Die Kastners gründen die Facebook-Fanpage „Surfing Wolfratshausen“. Innerhalb kürzester Zeit erhält sie über 700 Likes.

Mai 2015: Die Website www.surfing-wolfratshausen.de geht online.

Surfwelle in Wolfratshausen: Mehrheit der Menschen wollte die Welle 2015

Juni bis September 2015: Die Stadt startet eine Umfrage. 2580 Personen beteiligen sich. Tenor: Die Mehrheit will die Welle.

Juli 2016: Eine Lösung mit dem Kraftwerksbetreiber ist in Sicht. Beim Bürgerfest in der Innenstadt inklusive Sandstrand stellen die Initiatoren das Projekt erstmals ausführlich der Öffentlichkeit vor – und ernten große Zustimmung.

15. November 2016: Mit 22:2 Stimmen stimmt der Stadtrat dafür, sich mit 100 000 Euro am Bau der Surfwelle zu beteiligen. Voraussetzung ist, dass die Initiatoren eine Förderung aus dem Leader-Programm der Europäischen Union (EU) erhalten. Frontfrau Steffi Kastner und ihre Mitstreiter müssen nun die restlichen 60 000 auftreiben.

6. Mai 2017: Die Initiatoren der Welle laden zu einer Infoveranstaltung am potenziellen Surfspot in Weidach ein. Viele Bürger – teils für, teils gegen das Projekt – nehmen das Angebot an.

„Surfing Wolfratshausen“ sammelte mehrfach Spenden für die Flusswelle - immer mit Erfolg

29. Mai 2017: Elf Surffans gründen den Verein „Surfing Wolfratshausen“. Er soll sich zunächst in erster Linie darum kümmern, Spenden zu sammeln und die Voraussetzungen für den Leader-Förderantrag zu erfüllen.

24. Juni 2017: Bei der ersten „Surf’s-up-Party“ im D’Amato Schützenhaus – prominentester Gast ist Rathauschef Klaus Heilinglechner – sammelt der Verein erstes Geld. Weitere Spenden trudeln ein – darunter 5000 Euro vom Wolfratshauser Familienunternehmen Brumaba, das das Projekt von Beginn an unterstützt.

5. Dezember 2017: Der Verein startet ein sogenanntes Crowdfunding, das weiteres Geld von Unterstützern bringen soll. Am Ende steht die Summe von 20 906 Euro.

März 2018: Nächster Meilenstein: Der Antrag für die EU-Fördergelder ist durch. Das Projekt in Wolfratshausen bekommt von der Jury Bestnoten. Mit der Zusage aus dem Leader-Programm kann „Surfing Wolfratshausen“ mit bis zu 172 000 Euro Förderung für die Finanzierung der Baukosten rechnen.

18. Dezember 2018: Erster Dämpfer: Der Bau der Welle wird deutlich teurer als angenommen. Die Hiobsbotschaft platzt ausgerechnet in die Weihnachtssitzung des Stadtrates. Statt der zuletzt genannten Summe von 410 000 Euro rechnet man nun mit knapp 674 000 Euro. Denn: Für das Vorhaben gibt’s keine Lösungen von der Stange, die „Stahlwasserbaukonstruktion“ muss exakt auf den Standort in Weidach zugeschnitten werden, erklärt Dr. Roland Hoepffner, Leiter Wasserbau beim Münchner Büro Fichtner, Water, Transportation.

Die gute Nachricht: Laut Tourismusmanagerin Gleißl konnten weitere rund 100 000 Euro aus dem Leader-Programm in die Loisachstadt fließen. Insgesamt also gut 270 000 Euro. Der Stadtrat will im Februar entscheiden, ob und wie es weitergeht.

30. Januar 2019: Nach großen Diskussionen über die deutlich erhöhten Kosten machen Steffi Kastner und ihre Mitstreiter in einer weiteren Info-Veranstaltung die Welle für die Welle. Fast 100 Bürger, Surfer, Stadträte und Politiker kommen in die Flößerei.

9. Februar 2019: Mit einem Flashmob werben rund 70 Bürger in der Altstadt für den Bau der Welle.

Surfwellen-Kosten explodierten immer wieder: Wolfratshauser Stadtrat stimmte trotzdem zu

12. Februar 2019: Die Planer rechnen inzwischen mit knapp 800 000 Euro für das Projekt. Unter den Augen vieler Fans der Surfwelle beschließt der Stadtrat nach teilweise emotionaler Diskussion, den Zuschuss der Stadt zu den Baukosten auf maximal 400 000 Euro zu deckeln. Zudem muss der Surferverein zahlreiche Auflagen erfüllen. Bedingungen des Gremiums sind beispielsweise die Aufstockung der EU-Fördergelder, einige Änderungen im Vertrag mit dem Kraftwerksbetreiber und Angebote für die Bauleistungen mit Preisbindung. Steffi Kastner und Co. sind geschockt, wollen aber nicht aufgeben.

18. März 2019: Erste Bedingung erfüllt: Die Leader-Aktionsgruppe erhöht den Zuschuss von 172 000 auf 335 000 Euro. Der Verein wertet das als „tolles Signal“ für die Kommunalpolitiker in Wolfratshausen.

18. Juni 2019: Der Stadtrat stimmt mit 20:3 Stimmen den drei entscheidenden Verträgen mit dem Kraftwerksbetreiber, dem Freistaat Bayern und „Surfing Wolfratshausen“ als Betreiber der Welle zu. Euphorisch bedankt sich der Verein bei seinen Unterstützern und verkündet: „Schon bald werden wir Euch um Unterstützung bitten, um den Betrieb der Welle finanziell und organisatorisch optimal aufstellen zu können.“

Weihnachtswunder 2019: Surfwellen-Projekt stand schon einmal vor dem Aus

Dezember 2019: Kommando zurück: Das Projekt kommt erneut auf die Agenda der Stadträte, weil die Förderung aus dem Leader-Programm gekürzt wurde. Nun soll die Kommune 64 000 Euro mehr zahlen als beschlossen.

10. Dezember 2019: Die Stadtväter lehnen die Übernahme besagter 64 000 Euro ab. Die Welle steht unmittelbar vor dem Aus. Der Verein reagiert auf diese Hiobsbotschaft mit dem Start einer weiteren Crowdfunding-Aktion. Es geschieht ein „Weihnachtswunder“: Innerhalb von zehn Tagen kommt der fehlende Betrag zusammen.

Januar 2020: Gegen den Bau der Surfwelle formiert sich Widerstand: Einige Weidacher Bürger haben ein Aktionsbündnis gegründet. Außerdem werden Unterschriften gesammelt. Das Bündnis fordert Bürgermeister und Stadtrat auf, die Unterstützung für das Projekt „unverzüglich“ einzustellen.

14. Januar 2020: Nach dem großen Spendenerfolg zieht der Stadtrat nach. Mit 19:5 Stimmen stimmt das Gremium der Beschlussänderung zu, dass es beim genehmigten Zuschuss der Stadt in Höhe von 400 000 Euro bleibt – ungeachtet der von 334 000 auf 271 000 Euro reduzierten Leader-Förderung. Es ist eine Anerkennung der vorliegenden Spendensumme von 64 000 Euro.

Surfwelle Wolfratshausen: Wie geht es weiter? Steffi Kastner „muss das erstmal sacken lassen“

6. Mai 2021: Das Landratsamt erteilt die wasserrechtliche Genehmigung für die geplante Surfwelle. Bürgermeister Heilinglechner berichtet von intensiven Verhandlungen mit allen Beteiligten wie den Behörden aus Naturschutz und Fischerei.

2. Juni 2021: Der Bezirksfischereiverein Wolfratshausen – bislang skeptisch – gibt seine ablehnende Haltung auf. „Wir wollen den Weg frei machen für eine verantwortungsvolle Umsetzung des Projekts“, sagt Helmuth Holzheu, BVW-Stadtrat und Vorstand der Fischer.

13. Dezember 2021: Erneute Preissteigerung, erneute Kehrtwende im Stadtrat: Das Gremium stimmt mit nun nur noch 15:10 Stimmen dafür, den bisherigen Kostendeckel von 400 000 Euro aufzuheben und weitere 172 000 Euro für die Welle zur Verfügung zustellen. Mittlerweile soll das Projekt rund eine Million Euro kosten. Kommentar von Rathauschef Heilinglechner nach der Abstimmung: „Und nun ziehen wir das Projekt durch.“ Grünen-Fraktionssprecher Peter Lobenstein räumt ein, dass er die Baukostensteigerung erwartet habe. Wenngleich „ein gewisses Risiko“ nicht auszuschließen sei, vertritt er den Standpunkt: „Wir müssen doch auch mal ein Projekt umsetzen, das die Bürger wollen, und nicht nur Bedenken vortragen.“ Der Surferverein will sich für die Refinanzierung der erhöhten Baukosten einsetzen und damit seinen Beitrag für die Realisierung leisten. Noch in der Sitzung kommt es zum Paukenschlag: Weil sie mutmaßlich mit dem Beschluss nicht einverstanden sind, bitten die CSU-Räte Peter Plößl und Alfred Fraas um Entlassung aus ihren Ämtern.

15. Februar 2022: Einstimmig begräbt der Stadtrat das Projekt nach acht Jahren Planung. Der Grund: Die Investitionssumme hat sich erneut erhöht auf nun knapp 1,4 Millionen Euro. Abzüglich der 580 000 Euro, die „Surfing Wolfratshausen“ inklusive der Spenden stemmen wollte, und der 271 000 Euro aus der Leader-Förderung hätte die Kommune 543 000 Euro in die Welle stecken müssen. Das ist den Stadträten eindeutig zu viel. 200 000 Euro für Planung, Gutachten und Rechtsberatung sind für die Katz’. „Laufende Aufträge noch nicht abgerechnet“, so Bürgermeister Heilinglechner. Ihm tue das Aus „in der Seele weh“, es sei „ein bitterer Schlag für den Verein“.

In einer ersten Reaktion zeigt sich Steffi Kastner, Motor des Surfervereins, tief enttäuscht. Näher äußern möchte sie sich nicht zur Entscheidung der Stadträte. „Ich muss das erst einmal sacken lassen und mich mit meinen Vorstandskollegen besprechen, wie es nun weitergeht.“

17. Februar 2022: Kommt jetzt doch alles auf einmal ganz anders? Nach dem Aus des Projekts im Stadtrat meldet sich die Firma „Dreamwave“ zu Wort. Sie verspricht: Die Welle kann gebaut werden - und das ganz ohne Mehrkosten.

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