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Der Wald, eine eigene Welt: Förster Robert Nörr (Mitte) und Hans Killer von der Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen (rechts neben ihm) brachte einer Gruppe von Waldbesitzerinnen bei einem etwa zweistündigen Spaziergang die wichtigsten Daten und Fakten näher.

Waldbegang bei Deining mit Förster Robert Nörr

Der Wald wird weiblicher

Bad Tölz-Wolfratshausen – Inzwischen ist der Waldbesitz keine reine Männerdomäne mehr. Das freut Förster Robert Nörr. Ein lehrreicher Spaziergang mit sechzehn Frauen.

Das schaut gar nicht gut aus. Mitten im Wald tut sich eine große Lücke auf. Gefällte Bäume liegen herum, Äste türmen sich zu hohen Haufen. „Was ist hier passiert?“, fragt Robert Nörr in die Runde. „Windbruch oder Käfer“ lautet die postwendende, fachmännische Analyse. Ober besser: fachfrauliche. Denn der Förster ist heute ausschließlich von Damen umgeben.

Sechzehn Frauen haben sich vom anhaltenden Nieselregen nicht abhalten lassen und trotzen tapfer der Kälte, die bei jedem Stopp von unten durch die Schuhsohlen die Beine hinauf wandert. Im Wald nordwestlich von Deining wollen sie mehr erfahren über sinnvolle Waldpflege und Walderneuerung, über den Umgang mit Borkenkäfern und Sturmschäden. Eingeladen zu diesem Waldbegang für Waldbesitzerinnen´ haben das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und die Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen (WBV).

„Der Wald wird weiblicher“, sagt Förster Robert Nörr. Es gebe immer mehr Frauen, die Wald besitzen. Doch die Arbeit im und die Auseinandersetzung mit dem Wald sei noch weitgehend eine Domäne der Männer. „Bei unseren Fortbildungen sind auch immer einige Damen dabei, aber die sagen und fragen meist nicht viel. Womöglich aus Zurückhaltung den redenden Männern gegenüber, oder weil sie sich in deren Gegenwart nicht trauen“, vermutet Nörr. Deshalb bietet er seit kurzem spezielle Fortbildungen nur für Frauen an.

„Es gibt keine dummen Fragen“, ermuntert der Experte die interessierte Runde zum Mitmachen. Nur drei Damen sind vorbelastet und waren schon bei einem Begang dabei. „Es gibt im Wald kein richtig oder falsch“, fährt Nörr fort. Die Frage sei lediglich immer: Was ist das Ziel? Sie wolle Stabilität bekommen, sagt die eine. „Ich will was verdienen damit“, erklärt eine andere Teilnehmerin.

Natürlich kann man sich auf Brennholz beschränken und den Wald ansonsten sich selbst überlassen. Welche Folgen das hat, wird gleich bei der ersten Station ersichtlich. „Hier gehört dringend was gemacht“, sagt Nörr und weist gen Himmel. Die Blicke der Frauen folgen seinem ausgestreckten Arm. „Die Bäume haben kleine Kronen, die werden jeden Tag instabiler“, sagt der Fachmann.

WBV-Chef Johann Killer verrät, woran frau erkennen kann, dass es mit der Stabilität der Bäume hapert. „Wenn nach einem Sturm viele Äste und abgerissene Nadelbüschel am Boden liegen, ist das ein Zeichen dafür, dass es die Bäume ziemlich umeinander geschlagen hat. Dann sind sie nicht stabil.“

Es gebe nur zwei Fehler, die man im Wald machen kann, fügt Nörr hinzu: „Gar nichts machen, oder alles weg hauen.“ In diesem Fall würde es Sinn machen, gezielt auszuholzen, damit nachwachsende Bäume mehr Licht bekommen. Denn das ist die wichtigste Regel für das Wachstum des Waldes: „Wer kein Licht hat, stirbt.“

Im weiteren Verlauf des zweistündigen Spaziergangs erfahren die Waldbesitzerinnen unter anderem, wie man Rotfäule feststellen kann, woran man Buchdrucker und Kupferstecher unterscheiden kann und welche kulinarischen Vorlieben die Tiere des Waldes haben. „Die Tanne ist die Praline, der Ahorn die Schokolade, Buche und Fichte das Brot“, sagt Nörr, als die Gruppe den unterschiedlichen Verbiss an jungen Trieben untersucht.

Und dann ist da noch das Problem mit der Brombeere, das viele Frauen beschäftigt. Das Wichtigste sei, zu verhindern, dass sie überhaupt kommt, sagt Killer. Ein gutes Gegenmittel ist Schatten, und den bieten Tanne, Fichte und Ahorn. Wenn sich die Brombeere erst mal richtig auf dem Waldboden ausgebreitet habe, gebe es meist nur ein wirksames Mittel, weiß Robert Nörr: „Händisch rausreißen.“

Und was ist mit der kahlen Schneise mitten im Wald von der anfangs die Rede war? „Das war mal ein schöner alter Baumbestand“, verrät der Förster. „Dann ist man ziemlich scharf reingegangen, weil man lange nichts gemacht hat.“ Zur Freude von Orkan Niklas, der hier gut einem Jahr tabula rasa gemacht hat. „Der Wind ist von der Isar aufgestiegen, hat einen Wirbel gebildet und hier ordentlich ausgeholzt.“ Die Damen wissen nun, wie man den Schaden hätte eindämmen können. Nämlich: „Beim Ausholzen ein paar alte Bäume stehen lassen.“ Echte Fachfrauen eben.

von Rudi Stallein

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