Ein trautes Gespann: Mario Dieringer und sein Hund „Tyrion“ laufen seit Dienstag wieder durch Deutschland, um auf die Themen Depression und Suizid aufmerksam zu machen. Eine Station ist Wolfratshausen.
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Ein trautes Gespann: Mario Dieringer und sein Hund „Tyrion“ laufen seit Dienstag wieder durch Deutschland, um auf die Themen Depression und Suizid aufmerksam zu machen. Eine Station ist Wolfratshausen.

Alle vier Minuten nimmt sich ein Deutscher das Leben

„Trees of Memory“: Wie Mario Dieringer auf das Thema Suizid aufmerksam macht

  • Sabine Hermsdorf-Hiss
    VonSabine Hermsdorf-Hiss
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Mario Dieringer hat selbst traurige Erfahrungen mit den Themen Depression und Suizid gemacht. Deswegen will er darauf aufmerksam machen. Sein Ansatz ist ungewöhnlich.

Wolfratshausen – Depression und Suizid sind nach wie vor Tabuthemen. Mario Dieringer, gebürtiger Wolfratshauser und inzwischen Wahl-Berliner, möchte mit seinem Verein „Trees of Memory“ auf diese Problematik aufmerksam machen, indem er um die Welt läuft und Bäume für Suizidopfer pflanzt. Sein Weg führt auch durch die Loisachstadt.

Dieringer – Journalist, Dozent und Autor – hat 2014 selbst versucht, sich das Leben zu nehmen, wurde aber reanimiert. „Der Tod ist wie ein Puppenspieler“, sagt er zurückblickend. „Es ist kein selbstbestimmtes Sterben. Es ist die Krankheit, die diese Entscheidung getroffen hat.“ Zwei Jahre später, 2016, beging sein Partner Selbstmord. Dieringer hatte damals erste Anzeichen bei ihm bemerkt und ihn gebeten, sich Hilfe zu holen. „Ich habe regelrecht um Hilfe geschrien, aber keiner hat das ernst genommen“, erinnert er sich. „Das ist nur eine Phase“, wurde ihm gesagt, oder: „Das wird schon wieder.“

Statt sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, werde es verdrängt. Kommt es dann zum Äußersten, werde nicht selten dem engsten Umfeld die Schuld gegeben. „Mit dem Suizid hat man Lebenslänglich bekommen“, sagt Dieringer. Noch ein halbes Jahr nach dem Selbstmord seines Lebensgefährten sei er als „Mörder“ beschimpft worden. Doch woher kommen diese Schuldzuweisungen?

Laut Statistik nimmt sich in Deutschland alle vier Minuten ein Mensch das Leben, weltweit alle 40 Sekunden. „Und seit der Pandemie sind diese Zahlen nochmals gestiegen“, so Dieringer. Einen Grund für die Stigmatisierung vermutet Dieringer in der Vergangenheit. „Suizid wurde in der Kirche als größte Sünde angesehen, die Toten durften ja nicht einmal in geweihter Erde bestattet werden. Das hat sich in den Köpfen gehalten.“

Den Tod seines Freundes nahm Dieringer zum Anlass, 2017 den Verein „Trees of Memory“ zu gründen. Dieser hat sich zum Ziel gesetzt, Anlaufstelle für Hinterbliebene zu sein. In bundesweit elf Regionen wird kostenloser Beistand angeboten, um von Suizid Betroffenen eine erste Hilfestellung zu geben. Das reicht von „Paten“, die dem Trauernden zur Seite stehen, bis hin zu individuellen Maßnahmen. Zudem versucht der Verein, durch Vorträge, beispielsweise an Schulen, für das Thema zu sensibilisieren. Was sind psychische Erkrankungen, wie entsteht Suizidalität und welche Hilfen gibt es? Das sind einige der Schwerpunkte. Workshops für Polizisten, Rettungskräfte und Journalisten sind ein weiteres Standbein.

Und natürlich: „Mario läuft“. Gestartet ist der 54-Jährige im März 2018. „Ich habe meine Wohnung aufgelöst und los ging es.“ Seitdem hat er in Deutschland eine Strecke von 5000 Kilometern zurückgelegt und 30 Bäume gepflanzt, die an Menschen erinnern sollen, die Opfer der heimtückischen Krankheit geworden sind. „Wer das für einen durch Suizid Verstorbenen auch möchte, kann sich jederzeit bei uns melden“, erklärt Dieringer Und: „Nicht ich gehe auf die Suche. Die Angehörigen finden mich, nicht umgekehrt.“

Mit Ausbruch der Corona-Pandemie musste Dieringer aussetzen. Neustart war am Dienstag in Rosenheim, ein Orte auf der Strecke ist Wolfratshausen. Übernachtet wird meist im Zelt oder in der Hängematte in der Natur. „Manchmal werde ich auch eingeladen“ sagt Dieringer, „und wenn ich zu streng rieche, geht’s auf den Campingplatz“, ergänzt er und lacht. Er hofft, mit seinem Lauf Betroffene und deren Angehörige zu vereinen und auf die Themen Depression und Suizid aufmerksam zu machen. „Ich sehe mich als Botschafter des Lebens.“

sh

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