1. Startseite
  2. Lokales
  3. Geretsried-Wolfratshausen
  4. Wolfratshausen

Ukraine-Flüchtlinge Nastiya und Marina: So liefen die ersten Tage in Wolfratshausen

Erstellt:

Von: Dominik Stallein

Kommentare

Marina besucht seit einigen Tagen die Schule, ihre Mutter Nastiya büffelt die neue Sprache am PC.
Zwei, die Deutsch lernen: Marina besucht seit einigen Tagen die Schule, ihre Mutter Nastiya büffelt die neue Sprache am PC. Die zwei Ukrainerinnen leben seit zwei Wochen in Wolfratshausen. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Die Ukraine-Flüchtlinge Nastiya und Tochter Marina sind in Wolfratshausen angekommen. Sie tasten sich langsam vor in eine neue Heimat und eine neue Normalität.

Wolfratshausen – Die Koffer liegen nicht mehr im Wohnzimmer. Die wenigen Kleider sind verstaut. Dafür steht jetzt ein Schulranzen neben dem Esstisch. Marina hat sich für ein farbenfrohes Modell entschieden: Rot und Rosa strahlt ihr Rucksack. Drei Mal hat die Achtjährige ihn schon ausgeführt: Seit Mittwoch besucht das Mädchen aus der Ukraine die Grundschule in Wolfratshausen. Ihre Mutter nutzt diese Zeit, um Deutsch zu lernen. Als zwei der ersten Flüchtlinge aus der Ukraine kamen Marina und ihre Mutter Nastiya in Wolfratshausen an. Nastiyas Eltern, Natasha und Ralf Musto, hatten die beiden an der ukrainischen Grenze gerettet. Langsam verarbeitet die Familie das Erlebte. Der Weg zu so etwas wie Normalität ist noch lang. Wir haben sie besucht.

Ukraine-Flüchtlinge in Wolfratshausen: Nastiya lässt der Krieg in der Heimat nicht los

Das Wohnzimmer des Wolfratshauser Ehepaars hat sich fast genauso schnell verändert wie ihr Alltag: Auf dem ausgeklappten Schlafsofa stapeln sich die Kuscheltiere. Ein paar von Ihnen hat die Familie geschenkt bekommen, manche wurden neu gekauft, und einige wenige haben Nastiya und Marina auf ihrer dramatischen Flucht aus Odessa begleitet. Dem kleinen, sanft grinsenden Teddybären mit dem weißen Schal merkt man die Strapazen nicht an. Bei Nastiya ist das anders. Zwei Wochen nach ihrer Ankunft in Wolfratshausen lassen sie die Erlebnisse und die Situation in ihrer Heimat nicht los.

Marina (8) geht schon in die Schule - Ukraine-Flüchtlinge können sich anmelden

Wenn man sie fragt, ob sie schon Ideen für ihre Zukunft in Deutschland hat, dann sagt sie, dass es zu früh ist für wirkliche Planungen, was ihre Mutter übersetzt. Während sie nachdenkt, werden Nastiyas Augen wässrig. Sie weint aber nicht. Vielleicht will sie das vermeiden, weil ihre Tochter auf ihrem Schoß sitzt, vor der sie die ständige Trauer irgendwie verstecken möchte. Sie versucht es, auch wenn es unmöglich ist. Marina wirkt beim Besuch unserer Zeitung fidel, sie lacht, sie spielt und sie kuschelt mit ihren Großeltern oder ihrer Mutter. „Aber sie merkt , dass es Nastiya nicht gut geht“, sagt Natasha Musto.

Alle weiteren Infos zum Ukraine-Krieg und dessen Auswirkungen in Bayern lesen Sie hier auf unserer Themenseite Ukraine-Flüchtlinge.

Nastiya hält noch Kontakt zu Freunden, die in der Ukraine geblieben sind. „Ich lebe hier im Warmen, mit Strom, Essen und in Sicherheit“, hat sie ihrer Mutter kürzlich gesagt, „und die anderen sitzen in ihren Kellern“. Die Situation zehrt an der jungen Mutter. Sie fühlt sich schuldig, obwohl sie an nichts schuld ist. Nicht an Putins Angriff auf die Ukraine, nicht am Bombenhagel auf ihre Heimat und nicht an dem bescheidenen Wunsch, sich und ihre Tochter in Sicherheit zu bringen..

Aus der Ukraine nach Wolfratshausen: Die Familie versucht, die Bilder auszublenden

Natasha und Ralf Musto versuchen, die junge Mutter abzulenken, ihr Normalität zu schenken. Jeden Tag geht die Familie gemeinsam einkaufen. „Sie soll rauskommen“, sagt Natasha Musto, weg von den schmerzlichen Gedanken an die Ukraine. „Manchmal ist es etwas zwanghaft.“ Dann besorgt man eben ein Shampoo, auch wenn im Schrank noch eins steht. Andere Einkäufe hingegen waren in den vergangenen Tagen bitter nötig. Schuhe zum Beispiel, weil die dicken Stiefel, die vor der winterlichen Kälte in Osteuropa schützten, nicht in das frühlingshafte Wolfratshausen passen.

Natasha erlebte beim Schuh-Kauf eine rührende Szene, wie sie den Mustos in letzter Zeit immer wieder begegnet: „Die Schuhe wurden uns geschenkt, ich durfte gar nicht bezahlen“, erinnert sich Natasha dankbar. Auch für die große Schlafcouch, wo tagsüber die Teddy-Parade und abends Nastiya und Marina liegen, erhielt das Paar ungefragt einen satten Rabatt. „Es gibt eine riesige Solidarität, jeder will irgendwie helfen“, sagt Ralf Musto.

Behörden sind „wahnsinnig hilfsbereit“ bei Ukraine-Flüchtlingen

Auch wenn sie noch keine Pläne geschmiedet hat: Nastiya kann mit ihrer Tochter bis auf Weiteres in Wolfratshausen bleiben. Der rechtliche Grundstein ist gelegt: Bei der Regierung von Oberbayern hat sich Ralf Musto gleich nach der Ankunft von der familiären Rettungsaktion gemeldet. Zusammen mit Nastiya besuchte er das Landratsamt, um alle Formalitäten zu klären. „Die Mitarbeiter waren wahnsinnig hilfsbereit“, erinnert er sich. Zwar war gerade zu Beginn des Ukraine-Kriegs noch vieles unklar im Anmelde-Prozess und die Erfahrung der Mitarbeiter mit kyrillischen Pässen überschaubar, dennoch lief die Anmeldung recht problemlos.

Bank, Registrierung und der Blick nach vorne: Ukraine-Flüchtlinge müssen viele Behördengänge machen

Ein Bankkonto konnte Nastiya eröffnen. Sie macht erste Schritte in die Selbstständigkeit und die Zukunft. Ein paar Termine stehen trotz des Behörden-Marathon noch an, im Wolfratshauser Rathaus zum Beispiel. „In manchen Momenten hätte ich fast eine Sekretärin gebraucht“, sagt Ralf Musto lachend. Das Ehepaar arbeitet sich durch Organisationsaufgaben, an die sie nicht dachten, als sie sich zu zweit ins Auto setzten und die sie einfach angingen, als sie 4000 Kilometer später wieder ausstiegen – zu viert.

Nastiya braucht bei den Terminen eine Begleitung. Meist kommt Ralf Musto mit. Er spricht zwar etwas russisch, aber wie man „Masern-Impfung“ übersetzt, das wusste er nicht. Dieses Wort brauchte er, um Marina für die Schule anzumelden. Die Familie ist dankbar, weil das so einfach lief. „Ich war am Montag da, um zu fragen und am Mittwoch durfte sie kommen“. Nur ein Formular habe er ausfüllen müssen – und die Achtjährige mit Materialien ausstatten, natürlich.

Ukraine-Flüchtlinge kommen langsam in Wolfratshausen an

Marina geht gerne in die Schule. „Das macht Spaß“, sagt sie. Ihre Banknachbarin kann für die Achtjährige dolmetschen. „Sie sagt mir dann die Aufgaben“, lässt Marina ihre Oma übersetzen. Über das Gesicht des Mädchens huscht ein breites Lächeln. Dann umarmt sie wieder ihre Mutter, während Ralf Musto erklärt, dass sie „alles sehr spannend findet“ und nach dem ersten Schulbesuch schwärmte. „Sie war total glücklich.“

Alle Nachrichten aus Wolfratshausen lesen Sie hier.

Dass sie nicht alles versteht, was im Klassenzimmer gesprochen wird, ist nicht schlimm. „Es geht noch nicht um die Inhalte“, hat ihre Lehrerin den Mustos erklärt, „sondern darum, anzukommen“. Das wünschen sich Ralf und Natasha auch für ihre Tochter. Wann sie es schafft, die Bilder aus der Heimat auszublenden, weiß niemand. Immerhin: Sie hat begonnen, Deutsch zu lernen. Mit der Hilfe ihrer Eltern hat sie viele wichtige Grundsteine dafür gelegt, ein neues Leben in Wolfratshausen beginnen zu können. Ihr hilft es auch, dass Marina jetzt in die Schule geht. Die Zeit am Vormittag kann Nastiya fürs Lernen nutzen – oder dafür, ihre Gedanken zu sortieren. Denn der Krieg in ihrer Heimat ist noch immer dauerpräsent.

Unser Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Kommentare