Kreisklinik Wolfratshausen.
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Die Belegschaft der Kreisklinik in Wolfratshauser stemmt sich gegen die nach ihrer Einschätzung drohende Privatisierung des Krankenhauses.

Mitarbeiter zur Stimmung hinter den Kulissen

Ungewisse Zukunft der Kreisklinik: Das sind die Ängste der Belegschaft

  • Carl-Christian Eick
    VonCarl-Christian Eick
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Die Zukunft der Kreisklinik Wolfratshausen steht in den Sternen. Jetzt berichtet unserer Zeitung ein langjähriger Klinik-Mitarbeiter über die Stimmung hinter den Kulissen.

Wolfratshausen – Die Kreisklinik macht seit Wochen Schlagzeilen. Aus dem Innenleben der Einrichtung am Moosbauerweg dringt allerdings kaum etwas nach außen – sieht man von juristisch ausgefeilten Stellungnahmen des Betriebsratschefs und an die Presse lancierte interne E-Mails der Geschäftsführung ab. Unsere Zeitung hat jetzt mit einem langjährigen Mitarbeiter der Kreisklinik gesprochen. Da er anonym bleiben will, nennen wir ihn an dieser Stelle Herrn Müller und schätzen ihn auf 45 Lebensjahre. Was er sagt, ist weder objektiv, noch entspricht es der Meinung aller rund 400 Klinik-Mitarbeiter. Doch eines darf man Herrn Müller getrost glauben: „Ganz egal, was da gerade im Hintergrund für ein Mist abläuft, jeder von uns hier drin macht seinen Job mit Liebe, mit Begeisterung. Wir wollen Tag für Tag Menschen helfen, das ist unsere Aufgabe.“

Dass die Kreisklinik in ihrer bestehenden Form laut der Berliner Unternehmensberatung Vicondo keine Zukunft hat und Landrat Josef Niedermaier einen strategischen Partner für das Krankenhaus suchen will, „haben wir aus der Zeitung erfahren“, berichtet Müller. „Natürlich waren wir erstmal alle geschockt.“ Anders als bei der Unternehmensberatung Oberender und Partner aus Bayreuth, die das Haus 2017 durchleuchtete, „haben wir von Vicondo hier keinen gesehen; dass da ein Gutachten gemacht wird, wussten wir Mitarbeiter nicht“.

Bei unserer täglichen Arbeit spielen die derzeitigen Nebengeräusche sowieso keine Rolle, die muss man einfach ausblenden und sich auf das konzentrieren, das man tut.“ 

Ein Mitarbeiter der Kreisklinik, der anonym bleiben möchte

Erst nach den Zeitungsberichten, die Ende April erschienen, sei die Belegschaft vom Betriebsrat in groben Zügen über den Stand der Dinge informiert worden. In der Folge auch in einer ausführlichen internen E-Mail („das waren ausgedruckt fünf Seiten“) von Klinik-Geschäftsführer Ingo Kühn sowie zeitgleich Anfang Mai durch ein Rundschreiben von Landrat Niedermaier, in Personalunion Vorsitzender des Aufsichtsrats der Kreisklinik Wolfratshausen gGmbH.

„Geheimniskrämerei“ führt zu „großer Verunsicherung“

Nein, die Stimmung im Haus sei nicht schlecht, beteuert der 45-Jährige. „Bei unserer täglichen Arbeit spielen die derzeitigen Nebengeräusche sowieso keine Rolle, die muss man einfach ausblenden und sich auf das konzentrieren, das man tut.“ Aber natürlich sei die kontroverse Debatte über die Zukunft der Klinik immer wieder ein Thema bei privaten Gesprächen zwischen den Beschäftigten. „Am schlimmsten für uns ist die Geheimniskrämerei, die führt bei uns zu großer Verunsicherung.“ Nicht wenige Mitarbeiter würden durchaus um ihren Arbeitsplatz bangen. Nicht zu vergessen: „Es gibt ja Kolleginnen, die im sogenannten Schwesternheim wohnen, das zur Kreisklinik gehört. Die würden im schlimmsten Fall nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Bleibe verlieren.“

Spekulationen schießen ins Kraut

Die Ungewissheit („man erfährt ja kaum etwas Offizielles“) lasse die Spekulationen ins Kraut schießen. In deren Mittelpunkt: Landrat und Aufsichtsratschef Niedermaier: „Dem wird schon seit Jahren nachgesagt, dass er die Kreisklinik in der bestehenden Form nicht will.“ Warum sollte Niedermaier, der gebetsmühlenartig betont, dass er das Krankenhaus in Wolfratshausen „robust und sturmfest“ machen will, gegen die Einrichtung opponieren? „Er bringt seit Jahren immer wieder Asklepios ins Spiel. Viele von uns hier glauben, dass der Landrat von dem Konzern unter Druck gesetzt wird“, antwortet Müller. Seine These, die er nicht belegen kann: „Asklepios will die Filet-Stücke der Kreisklinik. Kriegen sie die nicht, ziehen sie sich aus Tölz zurück und Niedermaier hätte ein Problem.“ Ungefilterter Flurfunk, alles nur Gerüchteküche. „Mag sein“, räumt Klinik-Mitarbeiter Müller ein, „aber das legt das Grundproblem, die schlechte interne Kommunikation, offen.“

Viele Beschäftigte würden sich ihren eigenen Reim auf das Geschehen machen. Ein Beispiel: Während der Corona-Pandemie seien in einigen Abteilungen sehr viele Überstunden angehäuft worden. Nun laute plötzlich die Anweisung: „Die Überstunden müssen schnellstmöglich auf null heruntergefahren werden.“ Das sei angesichts der angespannten Personaldecke schon per se kaum möglich, auf der anderen Seite interpretiert Müller die Direktive so: „Mit so vielen Überstunden kommt die Übernahme einen privaten Investor zu teuer. Also runter damit.“

Aktionsgruppe „Schluss mit Kliniksterben“ engagiert sich

Wenden wir uns Tatsachen zu: „Der Zuspruch, den wir von Stadt- und Gemeinderäten bekommen, tut uns richtig gut“, verrät der 45-Jährige. Wie berichtet haben unter anderem die Mandatsträger aus Wolfratshausen und Geretsried, Icking, Egling, Schäftlarn und Baierbrunn Resolutionen verabschiedet. In denen fordern sie unisono den Erhalt der Kreisklinik in kommunaler Trägerschaft. „Echt klasse“ findet Müller die Initiative der Aktionsgruppe „Schluss mit Kliniksterben in Bayern“ im oberfränkischen Himmelskron. Die setzt sich mit einer Online-Petition für den Bestand des Wolfratshauser Krankenhauses ein. Bis jetzt finden sich auf der Petitionsplattform bereits mehr als 2700 digitale Unterschriften.

„Keiner weiß, was wird“, sinniert Müller. „Man fühlt sich einfach hilflos.“ Dass die Kreisklinik seit Jahren rote Zahlen schreibt, ist allgemein bekannt. „Aber die Geschäftsführung und wir Mitarbeiter machen unsere Hausaufgaben“, beteuert Müller. „Man muss uns doch ein bisschen Zeit geben.“ Den Kopf in den Sand stecken werde die Belegschaft auf keinen Fall. Müller weist auf die Mahnwachen vor dem Haupteingang hin. „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, zitiert er den Dramatiker Berchtold Brecht. Nein, „verzweifelt bin ich nicht“, so der 45-Jährige. „Aber diese Hängepartie, diese Ungewissheit geht nicht spurlos an mir vorbei.“ (cce)

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