Claudia Lichtenbergs Schatzkammer: Pokale, Trophäen, Trikots und individualisierte Laufräder - Zeugnisse einer Bilderbuchkarriere. 

Porträt der Woche

Viele Siege und zwei schwere Stürze

Mit einem Rennen in Asien hat Radsportlerin Claudia Lichtenberg ihre Profikarriere beendet. Wir blicken zurück auf eine tolle Laufbahn in der Weltspitze.

Wolfratshausen–  Noch sind die Spuren einer langen Karriere überall sichtbar. Hinter der Garage steht ein Fahrradkarton, im Treppenhaus liegt ein Satz Laufräder und im Wohnzimmer eine kleine Sammlung wichtiger Pokale. Ein paar Wochen sind nun vergangen, seit Claudia Lichtenberg dort ihr letztes Radrennen als Profi bestritten hat.Ein letztes Mal hat sich die 32-Jährige in Asien mit den Weltbesten gemessen – und mit Platz vier noch einmal bewiesen, dass sie nach 13 Profijahren noch immer zur Spitze des internationalen Radsports zählt. „Auch wenn ich nicht ganz in Topform abgetreten bin“, lacht die Wolf-ratshauserin, die in ihrer Abschiedssaison unter anderem Neunte beim Giro d’Italia geworden ist.

Das Rennradfahren gehört von frühester Kindheit an zu Häuslers Leidenschaft – den Namen Lichtenberg trägt Claudia seit der Heirat 2014 mit Christian Lichtenberg. Bereits ihre Mutter Gabi war eine erfolgreiche Radsportlerin, die sich im Laufe ihrer Karriere auch bei Deutschen Meisterschaften gut platzieren konnte. Nach anfänglichen Erfolgen in der Jugend und bei den Juniorinnen – 2001 und 2002 wird sie als Fahrerin des RSC Isartal Wolfratshausen Bayerische Straßenmeisterin – gibt sie 2005 bei der österreichischen Elk-Haus-Mannschaft ihren Einstand im Profilager. Beim Giro del Trentino gewinnt sie in ihrem Debütjahr genauso das Trikot der besten Nachwuchsfahrerin wie auf der Toskana-Rundfahrt.

Mit 21 JahrenDeutsche Meisterin

Erfolge wie diese sind es, die die Verantwortlichen der Equipe Nürnberger, damals eines der weltweit besten Frauenprofiteams, auf die Wolfratshauserin aufmerksam machen. Von Beginn an rechtfertigt sie ihre Verpflichtung mit guten Ergebnissen: 2006 wird sie Deutsche Straßenmeisterin, 2007 gewinnt sie den Titel am Berg. Auch international entwickelt sich die junge Athletin zu einer konstanten Leistungsträgerin. Gute Platzierungen bei zahlreichen Rundfahrten zeigen: In der jungen Bayerin mit dem sympathischen Lächeln steckt eine Siegerin.

Sie selbst sehnt sich nach „mehr Verantwortung“. Der Anruf von Thomas Campana, damals Teamchef des Cervélo-Rennstall, kommt deshalb gerade recht. Der Schweizer Manager bietet ihr 2009 die neue Herausforderung, die sie sucht: Zusammen mit der US-amerikanischen Olympia-Siegerin Kristin Armstrong, Silbermedaillen-Gewinnerin Emma Pooley aus Großbritannien und Vize-Weltmeisterin Christiane Söder (Österreich) soll die damals 23-Jährige die Speerspitze im Team bilden. Sie rechtfertigt die Verpflichtung mit der besten Saison ihrer Karriere: Im Mai gewinnt sie die Tour de l’Aude (das Pendant zur Tour de France bei den Männern), im Juli holt sie auch das Rosa Trikot beim Giro d’Italia – ein äußert seltenes Double, das nur den weltbesten Profiradsportlern vergönnt ist.

Mit 24 ist die Wolfratshauserin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. 2010 wird sie erneut Dritte beim Giro, doch der Podiumsplatz in jenem Jahr ist auch der Beginn einer Abwärtsspirale: Verletzungen, ein zeitintensives Maschinenbau-Studium an der TU München und zahlreiche Teamwechsel fordern ihren Tribut. Ab 2011 wechselt sie jährlich die Mannschaft. „Es waren in jenen Momenten jeweils die richtigen Entscheidungen, die sich im Nachhinein aber oft als schwierig erwiesen haben“, gibt sie zu. Der größte Rückschlag jener Zeit: Ihr Sturz Ende 2010 bei der Toskana-Rundfahrt, bei dem sie sich schwer am Kopf verletzt. Mit den Folgen hatte sie zwei Jahre zu kämpfen. Lichtenberg bleibt zwar eine der besten Fahrerinnen Deutschlands – absolute Topergebnisse bleiben allerdings aus.

Die Berge sind Claudia Lichtenbergs Passion – auch ohne Rennrad.

Ein sportlicher Abstecher in die USA 2013 bringt den Erfolg zurück. In Nordamerika sammelt Lichtenberg Siege am Fließband, zurück in Europa wird sie Dritte beim Giro, im Herbst gewinnt sie die Toskana-Rundfahrt. Leistungen, die sie in den folgenden Jahren bestätigt: 2014 gewinnt sie die Frankreichrundfahrt, 2015 wird sie nach einem erneut schweren Sturz im Frühjahr Deutsche Vizemeisterin und 2016 noch einmal Vierte beim Giro d’Italia. Ein weiterer Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere: Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro geht sie als Kapitän des deutschen Teams an den Start. „Leider hat an jenem Tag gesundheitlich gar nichts gepasst. Schade, das ist vielleicht das Einzige, was ich im Nachhinein anders machen würde“, blickt sie zurück.

Stilles Karriereendebeim Wiggle-High 5

Die Stürze, die Krankheit in Rio und das verhältnismäßig geringe Gehalt einer Profiradsportlerin – die meisten Fahrerinnen sind auf Förderung angewiesen – lassen in ihr in jener Zeit Rücktrittsgedanken reifen. 2017 unterschreibt sie trotzdem noch einmal einen Vertrag beim britischen Team Wiggle-High 5. Beim Giro d’Italia verhilft sie ihrer Teamkollegin Elisa Longo Borghini zu Platz zwei – auf eigene Rechnung fährt sie aber nur noch selten. „Die Hierarchie im Team war klar gesteckt, und ich bin niemand, der sich in den Vordergrund stellen will“, sagt sie und fügt mit einem Lächeln an: „Mir ist es beim Radfahren nie um Bekanntheit gegangen, sondern immer um den Spaß.“

Genau jener Spaß soll künftig im Vordergrund stehen. Zusammen mit Ehemann Christian – ein auf bayerischer Ebene erfolgreicher Radsportler – plant Claudia für die kommenden Jahre die eine oder andere große Reise. „Am liebsten mit dem Rad.“ Ganz oben auf der Reiseliste steht Südamerika. „Ich habe durch meine Sportkarriere viel von der Welt gesehen. Von Südamerika aber kaum etwas.“ Auch in der Jugendarbeit im Radsportnachwuchs will sie sich engagieren – etwa beim nahen RSV Irschenberg, bei dem sie bereits jetzt ehrenamtlich dabei ist. Egal, was die Zukunft bringt – das Rennrad wird aus dem Leben von Wolfratshausens erfolgreichster Sportlerin nicht verschwinden – und genauso wenig werden es die Kartons mit Fahrradteilen, Laufräder und Pokale.

Werner Müller Schell

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