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Ein bisschen Kirsche, etwas Eiche: Neben Auge, Mund und Gaumen spielt auch die Nase eine wichtige Rolle bei der Whisky-Probe.

Der erste Schluck schmeckt pfeffrig

Vier Liebhaber treffen sich zum Whisky-Stammtisch

Wolfratshausen – Schnell geht nicht: Vier Liebhaber treffen sich einmal im Monat zum Whisky-Stammtisch in der Biermühle. Wir haben sie besucht.

Simon Fritsch hält das bauchige Glas ins Licht. Neigt es leicht, dreht es ein wenig, betrachtet prüfend die goldbraun leuchtende Farbe des Getränks. Langsam führt er das Glas an seine Nase, atmet konzentriert ein. Dann legt er das Gefäß auf den Tisch, rollt es vorsichtig hin und her. Nach einer Weile nimmt er das Glas wieder hoch und schaut zu, wie die Schlieren an der Glaswand herunterlaufen. Je langsamer sie ziehen, desto komplexer ist das Aroma. Nach dem optischen Genuss führt er das Glas an den Mund. Der erste Schluck schmeckt pfeffrig, dann süß und süffig.

„Ich bin echt sehr angetan“, sagt Fritsch verblüfft. Damit hatte der Geretsrieder Ingenieur (41) nicht gerechnet – bei einem Single Malt Whisky aus dem Harz. Ein Blick in die Runde verrät: Den anderen drei Herrn am Wirtshaustisch geht es genauso. Aber wegen solcher Geschmackserlebnisse und unverhoffter Entdeckungen treffen sie sich seit Frühjahr vorigen Jahres jeden ersten Dienstag im Monat zum Whisky-Stammtisch in der Biermühle am Untermarkt. Jeder Abend steht unter einem anderen Thema, zu dem jeder Teilnehmer ein oder zwei Sorten mitbringt.

Die zehn Flaschen, die an diesem Abend auf dem Tisch stehen, tragen Etiketten aus Liechtenstein, der Schweiz und Deutschland. „Im deutschen Sprachraum gibt es etwa 150 Destillerien, mehr als in Schottland“, erklärt Bernd Schrader. Der 57-jährige Soldat hat den Stammtisch ins Leben gerufen. Schon Mitte der 1990er-Jahre ist er auf den Whisky-Geschmack gekommen. Mittlerweile richte er die Schottland-Urlaube nach der Anzahl der Whisky-Hersteller aus. „Vergangenes Jahr habe ich mit meiner Frau elf Destillerien in sechs Tagen besucht.“ Seine Kenntnisse vermittelt der Wolfrathauser einmal im Jahr bei einem Whisky-Abend an der Volkshochschule. Bei der Gelegenheit wurde auch die Idee zum Stammtisch geboren.

Die vier Herren sind der harte Kern. Allen gemeinsam ist die Liebe zum Whisky. Für Stefan Brösel, 40, ist es „fast eine Lebenseinstellung“ geworden. „Whisky trinken ist ein Ritual. Du brauchst dazu Ruhe, ein Umfeld, in dem es Spaß macht zu trinken“, sagt der Beamte. „Das darf auch zuhause ruhig eine Stunde dauern. Schnell schnell geht beim Whisky nicht.“

Inzwischen haben alle den nächsten Tropfen betrachtet, beschnuppert – und mindesten zehn Sekunden im Mund gewendet, damit die Geschmacksnerven Zeit haben, die feinen Nuancen aufzunehmen. „Im Abgang top, sehr ausgewogen für einen Dreijährigen. Nicht so sprittig wie manch anderer“, urteilt Sebastian Holzer. Der 33-jährige Dreher hat sich erst durch Bernds Tasting mit schottischem Malt angefreundet. Er macht aus seiner Vorliebe für irischen Whisky kein Geheimnis.

Jeder der vier hat sein Lieblingsglas mitgebracht. Klein und bauchig, ähnlich wie Weingläser. „Damit der Whisky sich entfalten kann“, erläutert Bernd Schrader. Viele denken bei Whisky an wuchtige Gläser mit ordentlich Eis drin. „Bei einem Whisky für acht Euro die Flasche kann ich Wasser reintun“, weiß der Fachmann. „Wenn ich 80 Euro ausgebe, will ich Aromen schmecken. Da wäre Wasser ein Sakrileg.“ Sagt’s und bestellt bei ein großes Glas stilles Wasser. „Davon haben wir einen hohen Verbrauch“, erklärt Bernd. „Um keinen schweren Kopf zu kriegen. Bei den Mengen Alkohol, die wir hier verkosten, ist das unerlässlich.“

Neben Auge, Nase und Mund spielt der Gaumen die entscheidende Rolle. „Wenn der Abgang nicht passt, wird’s schwierig“, sagt Sebastian Holzer, während er ein unscheinbares Fläschchen mit angestaubtem, leicht verblasstem Etikett öffnet. „Sieht aus wie Kettenöl“, macht der Spender seinen Kollegen nicht eben den Mund wässrig. „Kirsche und Eiche habe ich“, gibt Stefan Brösel die Eindrücke seiner Nase preis. „Riecht mild, nicht so sprittig“, meint Holzer. Simon Fritschs Blick verrät, dass er gerade die zweite Entdeckung des Abends gemacht hat. „Schmeckt viel besser, als er riecht“, stellt er fest. „Echt überraschend“ – für einen unschätzbar alten Whisky aus dem Steigerwald.

von Rudi Stallein

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