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Bürger haben sich des Badehauses angenommen. Und zwar in jeder Hinsicht, etwa beim regelmäßigen Ramadama

Eine neue Gedenkstätte entsteht

Ein Badehaus gegen das Vergessen

Wolfratshausen - In Waldram entsteht ein Erinnerungsort, wie es ihn in Bayern noch nicht gibt. Dort soll das Schicksal tausender Juden nachgezeichnet werden, die die Gräueltaten der Nazis überlebt haben und auf ihre Ausreise warteten. Im Zentrum: ein kleines, jüdisches Badehaus.

Waldram mit seinen gut 4000 Einwohnern ist kein Ort, dem man seine Geschichte ansieht. Eine bürgerliche Wohngegend, nicht mehr, nicht weniger. Und auch das baufällige Haus, das mitten in dem Wolfratshauser Stadtteil steht, verrät auf den ersten Blick nicht, was es damit auf sich hat. Dabei ist es in der Region wohl einmalig. Aber wie es so ist mit Geschichte und Geschichten: Es braucht immer erst jemanden, der sie erzählt. Hier, an diesem Ort, in diesem Haus, verdichtet sich die deutsche Geschichte wie sonst nirgendwo in Bayern. Nazis, Juden, Todesmarsch, Rettung – und Vertreibung aus der Heimat.

In Waldram verdichtet sich Geschichte wie kaum an einem anderen Ort

Dr. Sybille Krafft ist das Zugpferd des Vereins "Bürger fürs Badehaus". 

Seit einigen Jahren gibt es einen Verein, der die Vergangenheit von Waldram bekannt machen will, im Landkreis, in Bayern, ja in ganz Deutschland. Sybille Krafft, Historikerin und Dokumentarfilmerin, ist das Zugpferd, die Vorsitzende der „Bürger fürs Badehaus“. Das Badehaus – das ist das Gebäude, um das es symbolisch geht. „Wir sind, glaube ich, ein Musterbeispiel für bürgerschaftliches Engagement“, sagt Sybille Krafft. Doch von Anfang an.

Der Anfang: Eine NS-Arbeitersiedlung

Waldram hieß früher einmal Föhrenwald, es war eine nationalsozialistische Mustersiedlung, die 1939 und 1940 entstand. In den Häusern mit den spitzen Giebeln, die heute noch das Ortsbild prägen, wohnen dienstverpflichtete deutsche Arbeitskräfte. Später kommen Zwangsarbeiter hinzu, sie werden in Baracken zusammengepfercht. 5000 Menschen, aus mehr als 16 Ländern. Sie sollen in Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst – dort, wo heute Geretsried liegt – Waffen für den Kriegszug der Nazis produzieren. Der Wald bietet Tarnung für das Sprengstoffwerk Dynamit AG und den Munitionshersteller Deutsche Sprengchemie. Das Badehaus dient den Zwangsarbeitern als Gemeinschaftshaus mit Sanitäranlage. Die Adresse: „Danziger Freiheit“.

Der Todesmarsch führt an Föhrenwald direkt vorbei

Dann der Todesmarsch. In den letzten Kriegstagen 1945 treiben die Nazi-Schergen jüdische Häftlinge aus dem Konzentrationslager in Dachau auch an Föhrenwald vorbei. Die Menschen im Oberland sind entsetzt vom Anblick der ausgemergelten Gestalten, die mit letzter Kraft in Richtung Süden wanken. Überlebende werden nach ihrer Befreiung in Föhrenwald versorgt. Hier atmen sie erstmals wieder die Luft der Freiheit. Einer von ihnen: der berühmte Jazzmusiker Coco Schumann, der mit Flecktyphus nach Wolfratshausen kommt. Am Krankenbett reicht man ihm eine Gitarre, er fängt an zu spielen – der Beginn seiner Genesung und einer großen Karriere.

Später: Eine neue Heimat für die Entwurzelten

Max Mannheimer kümmerte sich um schwerst traumatisierte KZ-Überlebende.

Auch Föhrenwald steht für einen Neuanfang. Aus den Arbeiterheimen wird ein Zufluchtsort für Verfolgte, ein sogenanntes jüdisches DP-Camp. DP steht für „Displaced Persons“ – ein englisches Wort für all die Heimatlosen und Entwurzelten, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. 60 solcher Camps gibt es damals in Bayern, Zehntausende warten dort zwischen 1945 und 1957 auf ihre Ausreise, vor allem nach Israel, wo sie ein neues, besseres Leben beginnen wollen. In Föhrenwald stranden erst Heimatvertriebene aus dem Osten, ab Oktober 1945 nur noch Juden.

Hilfe für die schwerst traumatisierten KZ-Häftlinge

Max Mannheimer, 95, einer der bekanntesten noch lebenden Zeitzeugen, kümmert sich damals in Föhrenwald im Auftrag der Amerikaner um die sogenannten Hardcore-Cases, um schwerst-traumatisierte Juden (siehe Interview). Die Insassen bezeichnen sich selbst „Sche’erit Haplejta“, „Rest der Geretteten“, ein Bibelzitat. Ein Zufluchtsort ist das Badehaus. Darin gibt es eine Mikwe, ein Ritualbad – für gläubige Juden ein spiritueller Ort zur Reinigung vor großen Festtagen oder vor der Hochzeit. Die Adresse lautet in jener Zeit: „Independece Place“. Platz der Unabhängigkeit.

1957 siedelt die Kirche Heimatvertriebene an

Neue Heimat: Eine typische Szene aus dem alten Föhrenwald

Das nächste Kapitel in Föhrenwald: die Ansiedlung von Heimatvertriebenen. 1957 kauft das Siedlungs- und Wohnungsbauwerk der Erzdiözese München und Freising das ganze Areal, um dort heimatvertriebene, meist kinderreiche katholische Familien ansässig zu machen. Die Juden verlassen ihre Zwischenstation, die meisten mit dem festen Vorsatz, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Föhrenwald wird in Waldram umbenannt, nach dem ersten Abt des Klosters Benediktbeuern. Ein Zeichen, dass die Kirche wieder erstarkt. Im Badehaus wohnen jetzt Seminaristen und Lehrer von Gymnasium und Kolleg St. Matthias – drumherum entsteht das neue Waldram. Die Mikwe, das Ritualbad, verschwindet unter Beton, weil im Keller eine Heizung installiert wird. Aus dem „Independence Place“ wird der „Kolpingplatz“, nach dem Gründer des katholischen Sozialverbands. Langsam, ganz langsam pendelt sich so etwas wie Alltag ein. Die Erinnerung an den Schrecken der 1940er- und 50er-Jahre – sie verblasst. Danziger Freiheit, Independence Place, Kolpingplatz. Das ist die Kurzfassung der Geschichte von Föhrenwald-Waldram. Um ein Haar wäre ein wichtiges Kapitel der Vergangenheit in Vergessenheit geraten.

Die Kirche überlässt dem Verein das Badehaus - unter einer Bedingung

Das Badehaus, das symbolische Zentrum, gehört immer noch der Kirche – 2012 soll es dem Erdboden gleichgemacht werden, moderne Wohnhäuser sind geplant. Doch das schreckt viele historisch interessierte Bürger auf, man schließt sich zusammen, gründet jenen Verein, dem Historikerin Sybille Krafft vorsteht und der inzwischen 300 Mitglieder hat. Vereinsmitglied Nummer eins: Max Mannheimer, der Mann, der die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Dachau überlebt hat.

Doch die Verhandlungen mit der Kirche sind zäh. Erst 2015 gelingt der Durchbruch: Der Verein überzeugt die Kirche, das Badehaus nicht dem Erdboden gleichzumachen – sondern dem Erinnern eine Chance zu geben. Im Mai überlässt die Erzdiözese dem Verein die Immobilie mit der Auflage, dort eine Dokumentations- und Begegnungsstätte zu schaffen. Genau das steht jetzt bevor. „Wir wollen mit der Sanierung so bald wie möglich anfangen“, sagt Sybille Krafft. „Vielleicht schon Anfang 2016.“ Von den nötigen 1,6 Millionen Euro hat der Verein einen Großteil zusammen. Es fehlen noch 86 000 Euro. „Wir hoffen sehr, auch dieses Geld noch irgendwie aufzutreiben“, sagt Sybille Krafft. „Schulden wollen wir jedenfalls nicht machen.“ Die Arbeit machen Ehrenamtliche, Festangestellte wie etwa in der KZ-Gedenkstätte Dachau gibt in Waldram nicht.

Ein Tag der Erinnerung und der Versöhnung

Im Oktober fand in Waldram ein „Tag der Erinnerung“ statt. Denn: Zum 70. Mal jährte sich der Befehl von Dwight D. Eisenhower, Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone und später amerikanischer Präsident, aus Föhrenwald ein rein jüdisches Lager zu machen. Die Waldramer erinnerten auf ihre Weise daran. Sie öffneten ihre Häuser und empfingen rund 40 jüdische Gäste aus München, aus Frankfurt, aus der ganzen Welt. Sie alle waren als Kinder im Lager Föhrenwald, jetzt kehrten sie zurück, um zu reden, zu essen, Kochrezepte auszutauschen. Der ganze Nachmittag ein einziges großes Versöhnungswerk.

Auch die große Politik ist inzwischen aufmerksam geworden

Inzwischen hat der Verein auch Unterstützung in der Politik. Bei einem Festakt zitierte Landtagspräsidentin Barbara Stamm Max Mannheimer, der selbst Gast war, und sagte: „Nur wer Erinnerung hat, hat auch Zukunft und Hoffnung.“ Und dann lenkte die CSU-Politikerin den Blick auf etwas Historisches, das im Moment passiert: „Die große Zahl an Flüchtlingen, die uns in den letzten Wochen und Monaten erreicht hat, führt uns die Auswirkungen des Kriegs in ihrer ganzen Tragik vor Augen.“

Neue Flüchtlinge werden kommen

In Waldram werden demnächst 32 junge Asylbewerber unterkommen, im leerstehenden Altbau des Seminars St. Matthias. Die Geschichte von Waldram, sie geht weiter. Volker Ufertinger

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