+
Mit SommerSound im Trend: Profi-Sängerin Claudia Sommer (re.) lädt zweimal jährlich zu Mitmach-Konzerten und veranstaltet Workshops. Aus einem ist ein neuer Wolfratshauser Frauenchor geworden. 

Beatles-Songs statt Bach-Kantaten

Warum Chöre immer noch im Trend sind

  • schließen

Stimmt schon, die Chöre alten Schlags haben zu kämpfen. Doch die Lust am gemeinsamen Singen ist ungebrochen. Wenn man auf die Bedürfnisse der jungen Generation eingeht. 

Wolfratshausen– Es war ein trauriger Abgesang: In den vergangenen beiden Jahren lösten in kürzeren Abständen die Musikfreunde Isartal, die Wolfratshauser Sängerzunft und die Gartenberger Sänger ihre Chöre auf, weil ihnen der Nachwuchs fehlte. Und das in einem Land, in dem das Sangeswesen einst regelrecht erblühte: Komponisten wie Beethoven, Bach und Händel schufen im 17. und 18. Jahrhundert große Werke für Chöre, Volkslieder waren allerorten beliebt. Singen gehörte sozusagen zum guten Ton.

Rainer Marquart leitete die Gartenberger Sänger. 

Und heute? Ist das gemeinsame Singen in der Krise? „Nein“, widerspricht Claudia Sommer, „ganz viele Menschen machen das immer noch gerne.“ Die WahlMünchnerin, ausgebildet in klassischem, Pop-, Rock- und Jazzgesang, weiß, wovon sie spricht. Sie lädt zu Mitsing-Konzerten ein, gibt regelmäßig Workshops und hat ein Vokalensemble in Wolfratshausen gegründet: den „SommerSound“. Dort frönen aktuell 32 Frauen im Alter zwischen 35 und 60 Jahren ihrem musikalischen Hobby. 

Das Repertoire unterscheidet sich allerdings von dem der Chöre, die zuletzt ausbluteten: Claudia Sommer und ihr Pianist Klaus Reinhardt arrangieren Songs von Grönemeyer, Lindenberg, den Beatles und den Eagles um, „moderne Sachen, die die Leute meiner Generation ansprechen – und die zu ihnen passen“.

Den Weg, den Claudia Sommer beschreitet, hält auch Ilse Noll für den richtigen. Sie war 41 Jahre bei der Wolfratshauser Sängerzunft aktiv, zuletzt sogar deren Vorsitzende. Die Jungen heute hätten andere Vorlieben, sagt die Ickingerin. „Sie orientieren sich mehr an der internationalen Musik, wie man sie im Radio hört.“ Das sei nicht kompatibel mit den Bach-Kantaten und Volksliedern, „mit denen unsere Generation groß geworden ist“. Folglich blieben die Alten in der Sängerzunft unter sich – und dünnten mit der Zeit aus. Das Alter ist für Noll jedoch kein Grund, komplett aufzuhören: Die 76-Jährige hat sich jüngst einem neu entstandenen Seniorenchor in Waldram angeschlossen. „Wir sind 20 Leute, alle in meinem Alter und singen das Liedgut, das uns lieb ist.“ Die Ickingerin ist froh, dass es für sie auf dieses Weise weitergeht. „Denn Singen hält doch auch den Kopf frisch.“

Claudia Sommer beobachtet einen weiteren Trend: „Was heute zählt, ist flexibel zu sein“, sagt die Frau mit der blonden Löwenmähne, für die Singen „mein Leben“ ist. „Viele mögen sich einfach nicht verpflichtend binden, nicht an einen Verein, nicht an einen Chor.“ Hier greifen ihre Workshops, die manchmal nur einen Tag, aber auch drei Monate dauern können. „Oft springt dann der Funke über, und die Leute merken, wie wichtig ihnen das Singen ist.“ Auf diese Weise ist der letztlich SommerSound entstanden.

Lesen Sie auch: Das Debüt von SommerSound

Rainer Marquart ist ein alter Hase im Chorwesen. Er war sowohl Leiter der Gartenberger Sänger als auch der Musikfreunde Isartal, deren Stimmen schließlich nach 35 beziehungsweise 41 Jahren verstummten. Die Gründe sieht er auch im eigenen Versäumnis. „Chöre werden miteinander alt“, sagt der 72-Jährige. „Wenn sie im mittleren Alter nicht damit anfangen, nach Nachwuchs Ausschau zu halten, wird’s schwer.“ Den Musikfreunden gingen am Ende die Männerstimmen aus. Die Gartenberger waren mit einigen ihrer 16 Mitglieder in den 80ern deutlich überaltert. Irgendwann lasse einfach die Aufnahmefähigkeit nach, was die Proben erschwere, sagt Marquart. „Man muss dann auch wissen, wann’s gut ist und zum richtigen Zeitpunkt aufhören. Wir als Musikfreunde wollten abtreten, so lange wir noch als Konzert-Chor galten.“ Eine Krise des Chorwesens sieht auch der 72-Jährige in der Region nicht. Es gebe die Geretsrieder Mixed Voices, deren Schwerpunkt auf Gospel und modernem Jazz liegt. Oder in Wolfratshausen den Isura-Madrigal-Chor, ein stimmgewaltiges Ensemble, das laut Marquart „auf einem sehr hohen Niveau singt und etliche gute Leute hat“. Er selbst hat ebenfalls „noch einige musikalische Eisen im Feuer“. Neben seiner Arbeit als Organist und Kirchenmusiker hat der Geretsrieder „einen Projektchor in Arbeit“. In jedem Abgesang liegt also auch ein Neuanfang.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Albtraum in der Fahrstunde: Frau greift Fahrlehrer plötzlich an - dann fliegen die Fäuste
Diese Fahrstunde wird einem Wolfratshauser noch lange in Erinnerung bleiben. Sein Fahrlehrer bezog Schläge von einer Radlerin. Sie griff völlig unvermittelt an.
Albtraum in der Fahrstunde: Frau greift Fahrlehrer plötzlich an - dann fliegen die Fäuste
„Qualitativ hochwertige Architektur“: Bebauung am Pallaufhof mit Preis ausgezeichnet
Gute Nachrichten aus Münsing: Die Bebauung am Pallaufhof erhält den Bayerischen Wohnungsbaupreis. 
„Qualitativ hochwertige Architektur“: Bebauung am Pallaufhof mit Preis ausgezeichnet
Wolfrathausen: Alte Bekannte (51) schlägt wieder zu
Mit knapp zwei Promille im Blut schlug eine Wolfratshauserin (51)  am Donnerstagabend zu - und das nicht zum ersten Mal. 
Wolfrathausen: Alte Bekannte (51) schlägt wieder zu
ESC: Der sechste Platz ist noch in Sichtweite
Am zweiten Heimspiel-Wochenende in Folge bekommen es die Geretsrieder River Rats am Freitag mit dem Tabellennachbarn TSV Erding zu tun. Der Sieger darf sich noch …
ESC: Der sechste Platz ist noch in Sichtweite

Kommentare