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In München gehörte Gewalt zum Alltag, ein Menschenleben war nicht viel wert. Das war in Wolfratshausen anders. 

100 Jahre Freistaat

Warum es in Wolfratshausen friedlich geblieben ist

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Der Historische Verein hat am Mittwoch an die Bayerische Revolution vor genau 100 Jahren erinnert. In München ging es dramatisch zu, in Wolfratshausen weit weniger.

Michael E. Holzmann hielt einen Vortrag über die Revolution und ihre Auswirkungen vor Ort. 

Wolfratshausen - Das nennt man wohl eine Punktlandung: Auf den Tag genau 100 Jahre, nachdem der Freistaat proklamiert worden war, erinnerte der Historische Verein am Mittwoch im großen Saal des Pfarrheims St. Andreas an die Revolution. Es waren dramatische Tage und Wochen im November 1918 – allerdings in Wolfratshausen weit weniger als in München. „Hier zog man die Köpfe ein und wartete ab, bis der Spuk vorbei war“, erklärte Historiker und Vereinsmitglied Michael E. Holzmann in seinem Vortrag. „Und damit behielt man ja auch recht.“ An der Loisach floss kein Blut.

Freilich blieb die Münchner Revolution nicht ohne Folgen für das Umland. Schon bald, am 10. November, wurde im Haderbräu ein Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat gebildet. Allerdings besetzte man das revolutionäre Gremium nach und nach mit den alten Honoratioren, dem Bürgermeister, dem Pfarrer. „Damit wurden die Ideale der Revolution ad absurdum geführt“, so Holzmann.

Die Bürger standen der neuen Zeit ohnehin reserviert gegenüber. So bildeten sich an vielen Orten Einwohnerwehren. „Man war konservativ und auf den Schutz des Eigentums bedacht“, erklärte Holzmann. Das wiederum gefiel dem zentralen Arbeiter- und Bauernrat in München ganz und gar nicht. Es gab böse Briefe, doch es änderte sich nicht viel.

Dass die revolutionäre USPD von Kurt Eisner keinen Rückhalt in Wolfratshausen besaß, zeigte sich auch bei den Landtagswahlen im Januar 1919. Obwohl es Arbeiter gab – etwa in der Glasfabrik –, erhielt die USPD keine einzige Stimme. Das war repräsentativ für ganz Bayern, die Partei der Aufrührer kam nicht einmal auf drei Prozent der Stimmen.

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Nach dem gewaltsamen Tod Eisners am 21. Februar wurde die Revolution immer radikaler, und offenbar war man in München nicht bereit, das laxe Treiben in Wolfratshausen zu dulden. Mitte April rückten 14 Rätesoldaten im Rathaus ein, um nach dem Rechten zu schauen, darunter der persönliche Assistent von Eugen Lewiné, einem führenden Kommunisten. „Die Wolfratshauser reagierten geschickt“, erzählte Holzmann. Man lud die Revolutionäre nämlich zum Essen ein, die Rechnung lag bei 46 Mark und 30 Pfennigen. Danach reisten die gefürchteten Rotgardisten zufrieden ab.

Eine kuriose Geschichte gab Holzmann aus Sauerlach zum Besten, das damals noch zum Kreis Wolfrathausen gehörte. Dort beschlagnahmten Mitte April 1919 ausgehungerte Revolutionäre von den Landwirten hunderte von Eiern. „Die Bauern ließen sich das schriftlich bestätigen und wollten ihre Unkosten, sobald sich die Lage wieder normalisiert hatte, zurückerstatten lassen“, erzählt Holzmann zum Vergnügen des Publikums. „Doch daraus wurde nichts.“

Nicht nur aus solchen Erzählungen wurde die Stimmung der Zeit gut spürbar. Der Münchner Quergesang sang „Revolutionslieder“, aus denen teils überschwängliche Hoffnung auf eine neue, bessere Zeit sprach. Claus Steigenberger las aus den Werken von Oskar Maria Graf, Erich Mühsam, Ernst Toller und Viktor Klemperer, die das hochdramatische Zeitgeschehen wortgewaltig vergegenwärtigten.

Dr. Sybille Krafft, Vorsitzende des Historischen Vereins, sprach von den Frauen, die mit Vehemenz dafür kämpften, endlich gleichberechtigt zu werden – was längst nicht in dem Maße gelang, wie ursprünglich erhofft. So mussten sich die Feministinnen Anita Augspurg und Gustava Heymann vor Verfolgung in Icking verstecken. „Die Frauen“, sagte sie, „waren bei der Revolution mittendrin.“

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