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Warum in Schäftlarn noch das Olympische Feuer der Münchner Spiele brennt

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Von: Sabine Hermsdorf-Hiss

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Der Hüter des Lichts: Am 25. August 1972 stibitzte der mittlerweile verstorbene Franz Samuel das Olympische Feuer. Auch mehr als ein Jahr nach Samuels Tod brennt es noch in dessen Haus.
Der Hüter des Lichts: Am 25. August 1972 stibitzte der mittlerweile verstorbene Franz Samuel das Olympische Feuer. Auch mehr als ein Jahr nach Samuels Tod brennt es noch in dessen Haus. © Sabine Hermsdorf

Franz Samuel stibitzte einst das Olympische Feuer von Fackelläufer Günter Zahn. Es brennt noch heute in seinem Haus - auch rund ein Jahr nach Samuels Tod.

Wolfratshausen/Schäftlarn – Was haben ein Küchensieb, eine Kristallvase und jede Menge Öl gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten eine ganze Menge. Denn gemeinsam halten die drei Utensilien das Olympische Feuer von 1972 in einem gemütlichen Häuschen in Hohenschäftlarn am Brennen. Die Flamme hatte der mittlerweile verstorbene Franz Samuel vor 50 Jahren, genauer gesagt, am 25. August 1972 stibitzt. Es war der Tag, an dem die Fackelläufer auf dem Weg nach München durch Ebenhausen-Schäftlarn kamen. Seitdem hütete Samuel das Licht wie seinen Augapfel.

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Als der Gesangsverein ein Lied vortrug und somit alle Augen auf die Sänger gerichtet waren, schlug Samuel zu. Er hielt einen Holzspan in das Feuer und zündete damit eine mitgebrachte Wehrmachtslampe an. „Und schon hatte ich es“, erinnerte er sich vor ein paar Jahren mit verschmitztem Lächeln und Schalk in den Augen im Gespräch mit unserer Zeitung. Streng genommen brannte das Olympische Feuer also bereits im Hause der Familie, ehe es der Mittelstreckenläufer Günter Zahn im Münchner Olympiastadion ganz offiziell vor 85 000 Zuschauern entzündete.

Olympisches Feuer: Seit 1972 brennt die Flamme im Hause Samuel.
Olympisches Feuer: Seit 1972 brennt die Flamme im Hause Samuel. © Sabine Hermsdorf

Das Licht am Leben zu erhalten, war aber eine ganz andere Sache. Samuel kam hier seine Erfahrung als Mesner zu Gute. Er füllte eine Vase mit „Ewiglichtöl“ und steckte den Docht hinein. „Die Mitarbeiter des Münchner Kerzengeschäfts haben schon immer gelacht, wenn ich den nächsten Fünf-Liter-Kanister mit Öl geholt habe.“ Dafür, dass auch nicht die kleinste Mücke oder der winzigste Falter in die Flamme fliegen und ihr vielleicht den Garaus machen konnte, sorgte ein Küchensieb als Abdeckung.

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Die Geschichte vom ewig brennenden Olympischen Feuer zog immer größere Kreise – und erreichte auch Dr. Hans-Wolfgang Tyczka, in dessen Geretsrieder Firma die Fackeltypen, von der der Schäftlarner sich das Feuer geholt hatte, entwickelt worden waren. Der Unternehmer ließ es sich nicht nehmen, auch einmal bei Familie Samuel vorzusprechen. Mit im Gepäck hatte Tyczka er eine dieser besagten Handfackeln, die dann noch einmal mit dem originalen Olympischen Feuer von 1972 zum Brennen gebracht wurde.

Kompliziert wurde es nur, wenn die Familie mal länger verreisen wollte, beispielsweise zur Hochzeit des Sohnes 1988 im australischen Melbourne. Mitnehmen konnten sie es ja nicht. Also begann der Schäftlarner zu tüfteln – und fand tatsächlich eine Lösung. Er verknüpfte mehrere Dochte miteinander, die das Licht dann jeweils weitergaben. Der Plan ging auf: Als Samuel nach drei Wochen Abwesenheit die Haustür aufschloss und um die Ecke blickte, brannte das Olympische Feuer immer noch.

Samuels Witwe Inge hütet das Feuer

Dass es so lange am Leben erhalten wird, war eigentlich nicht geplant. Aber irgendwie griff Samuel dann doch immer wieder zwei- bis dreimal im Monat zum Ölkanister und füllte die Vase auf. Noch jetzt, etwas mehr als ein Jahr nach Samuels Tod, brennt das Licht in der Ecke des Hausflurs. Witwe Inge Samuel klingt fast entsetzt, als unsere Zeitung nachfragt. „Na freilich“, kommt umgehend die Antwort. „Das ist doch Ehrensache.“

sh

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