Ein Umfrageergebnis
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Eine Watschn: Die deutliche Mehrheit der Umfrageteilnehmer geht mit den politischen Entscheidungsträgern in Wolfratshausen hart ins Gericht.

Fremdimage-Analyse: Ergebnisse liegen vor

So denken die Nachbarstädte über Wolfratshausen

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Die Stadt wollte wissen, wie Bewohner aus Nachbarkommunen über Wolfratshausen denken. Das Ergebnis hält das Rathaus unter Verschluss - unserer Redaktion liegt das Umfrageergebnis aber vor. Es ist ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis.

Wolfratshausen – Im Juni 2019 machte sich Stadtmanager Dr. Stefan Werner auf den Weg. Sein Ziel und das seiner Mitstreiter ist eine Dachmarke für Wolfratshausen. Zu dem komplexen Prozess, der teils öffentlich, teils nicht öffentlich läuft, gehört eine sogenannte Fremdimage-Analyse. Das heißt: Wie sehen Nicht-Wolfratshauser die Flößerstadt? Das Ergebnis der im Herbst 2020 durchgeführten Befragung wird wie berichtet im Rathaus unter Verschluss gehalten, es liegt unserer Zeitung aber vor.

Das Papier birgt reichlich Diskussionsstoff.

„Der Status quo ist nicht das, was wir uns wünschen“: Mehr wollte Bürgermeister Klaus Heilinglechner Anfang dieses Jahres in einem Interview mit unserer Zeitung zur Fremdimage-Analyse nicht preisgeben. Dass der Rathauschef mit dem Umfrageergebnis hadert, überrascht nicht. Nur ein Beispiel: Auf die Frage „Ist Wolfratshausen eine Stadt mit Flair?“ geben 212 Nicht-Wolfratshauser eine Antwort. Das Gros (69) sagt „trifft nicht zu“, weitere 36 antworten „trifft überhaupt nicht zu.“ Nur fünf Personen erklären „trifft voll zu“, 30 kommen zu dem Schluss: Wolfratshausen, eine Stadt mit Flair? – „das trifft zu“.

Zur Methodik der sogenannten Delphi-Befragung muss man wissen: Die Fremdimage-Analyse erhebt nicht den Anspruch der Objektivität. Sie spiegelt individuelle Eindrücke und Erfahrungen der Teilnehmer wider. Per Zufallsstichprobe wählte ein Dienstleister 1200 Haushalte aus Icking, Egling, Geretsried, Bad Tölz und Starnberg aus dem Telefonbuch aus. Die Antworten konnten analog oder digital erfolgen, die Rücklaufquote betrug etwa 18 Prozent. Das sind umgerechnet gut 210 Teilnehmer. 93 von ihnen sind 65 Jahre und älter, 94 Antwortgeber sind zwischen 45 und 65 Jahren alt. Neun Teilnehmer sind 18 bis 30 Jahre alt, Unter-18-Jährige beteiligten sich nicht an der Delphi-Befragung.

Befragte kennen die Stadt - und werden sie wieder besuchen

Fast die Hälfte der Teilnehmer (90) hat einen Hochschulabschluss (Bachelor, Master, Diplom, Promotion), 28 einen Mittelschulabschluss, 3 noch keinen Bildungsabschluss. „Die überwiegende Zahl der Befragten war bereits mehrfach in Wolfratshausen und dürfte die Stadt aus eigenen Erfahrungen gut kennen“, stellen Stadtmanager Werner und Prof. Dr. Joachim Vossen vom Institut für Stadt- und Regionalmanagement (isr), das den Dachmarken-Prozess mitbetreut, in der Legende zur Analyse fest. Die beiden mutmaßen, dass „der überwiegende Teil der Befragten auch in Zukunft die Stadt häufiger besuchen wird“.

Die Altstadt hält der Großteil für attraktiv

Das mag mit daran liegen, dass Wolfratshausen nach Ansicht der Mehrheit über eine „attraktive historische Altstadt“ verfügt. 70 von 212 Antwortgebern sehen das jedoch anders, 16 von diesen 70 stellen fest, dass die Aussage „überhaupt nicht zutrifft“. Das Stadtbild der Loisachstadt bekommt 11 Mal die Note sehr gut, 47 Mal die Note gut, 62 Frauen und Männer urteilen mit befriedigend. Ein Dutzend fällt das Urteil „schlecht“, 35 Mal gibt’s fürs Erscheinungsbild die Bewertung mangelhaft.

Mit Makeln behaftet: Das Wolfratshauser Stadtbild lässt in den Augen vieler Teilnehmer der Fremdimage-Analyse zu wünschen übrig.

Gefragt wurden die Ickinger, Eglinger, Geretsrieder, Tölzer und Starnberger auch, ob Wolfratshausen ein moderner Industriestandort ist. „Teils/teils“ heißt die Antwort in 73 Fällen, 3 Befragte sagen ohne Wenn und Aber „Ja“. 67 Mal lautet die Antwort „trifft eher nicht zu“.

Attraktive Einkaufsstadt? Nur 16 Teilnehmer sehen das so

Eine attraktive Einkaufsstadt scheint Wolfratshausen aktuell in den Augen vieler Nachbarn nicht zu sein: 62 Mal lautet die subjektive Einschätzung „trifft überhaupt nicht zu“, 64 Mal heißt es „trifft eher nicht zu“. Nur 16 Teilnehmer sind der Meinung „trifft zu“. 58 entscheiden sich für die diplomatische Antwort „teils/teils“.

Luft nach oben: Als dynamischer Wirtschaftsstandort kann Wolfratshausen nach Meinung vieler Befragter derzeit nur bedingt punkten.

Gros der Befragten sagt: Wolfratshausen ist provinziell und engstirnig

Einen Nackenschlag gibt’s von den Nachbarn bei der (vorgegebenen) provokanten Aussage: „Wolfratshausen ist eine provinzielle, engstirnige Stadt.“ Das „trifft voll zu“, sagen 29 Befragte, 56 meinen „trifft zu“ und weitere 54 antworten „teils/teils“. 29 widersprechen der These („trifft eher nicht zu“), 9 betonen, dass Wolfratshausen alles andere als provinziell und engstirnig sei. 16 Frauen und Männer erklären „weiß nicht“, 19 weitere äußern sich zu der Frage gar nicht.

Ähnliche Frage, ähnliche Antworten: Ist Wolfratshausen eine weltoffene Stadt? Dreimal lautet die Antwort „trifft voll zu“, 24 Mal „trifft zu“. 68 Mal dagegen heißt es „trifft eher nicht zu“, 31 Mal sogar „trifft überhaupt nicht zu“. Auf insgesamt 59 zurückgeschickten Antwortbögen ist zu lesen: Wolfratshausen weltoffen? – „teils/teils“.

Das Freizeitangebot wird mittelmäßig bewertet - die Gastronomie etwas besser

Unterm Strich nur durchschnittlich wird das Freizeitangebot in der Kommune beurteilt. 7 Mal gibt’s sehr gut, 45 Mal gut, 60 Mal befriedigend und 45 Mal ausreichend. Nur 18 Befragte halten das Freizeitangebot für mangelhaft, fünf für ungenügend.

Ein beliebter Anlaufpunkt für Besucher ist der Märchenwald in Farchet. Der hat sich für die neue Saison gerüstet.

Gebeten wurden die Ickinger, Eglinger, Geretsrieder, Tölzer und Starnberger zudem, etwas zur Gastronomie in der Loisachstadt sagen. Die subjektive Bewertung: 7 Mal sehr gut, 45 Mal gut, 60 Mal befriedigend. 45 Antwortgeber halten das gastronomische Angebot für ausreichend, 18 für mangelhaft, 5 für schlecht.

Bürgermeister rechnete bereits damit: Befragte kritisieren Stagnation

Eine Watschn, mit der Bürgermeister Heilinglechner nach eigenen Worten gerechnet hatte, verpassen die Nachbarn den politischen Entscheidungsträgern: „Ist Wolfratshausen eine stagnierende, behäbige Stadt?“ Mehr als die Hälfte der Antworten lautet „trifft voll zu“ beziehungsweise „trifft zu“. 43 Befragte meinen „teils/teils“, nur 25 Mal heißt es „trifft eher nicht zu“ beziehungsweise „trifft überhaupt nicht zu“.

Lesen Sie auch: Auch die Stadt Geretsried macht sich Gedanken um eine Marke. Das verrät Bürgermeister Michael Müller im Interview

Ein ähnlich negatives Ergebnis fördert die Frage „Ist Wolfratshausen eine zukunftsorientierte, fortschrittliche Stadt?“ zu Tage. 88 von 212 Antworten lauten „trifft eher nicht zu“, weitere 47 Befragte urteilen „trifft überhaupt nicht zu“. Nur einer der Umfrageteilnehmer stellt fest: zukunftsorientiert und weltoffen? – „trifft voll zu“.

Jung und aktiv? Das sehen die wenigsten so

Als „junge, aktive Stadt“ kann Wolfratshausen bei der nicht repräsentativen Erhebung ebenfalls nicht punkten. Rund die Hälfte der Befragten sehen das nicht so („trifft eher nicht zu“), weitere 52 Antworten lauten: „trifft überhaupt nicht zu“. Nur ein Befragter hält die Flößerstadt ohne Einschränkung für jung und aktiv („trifft voll zu“), 9 meinen „trifft zu“, weitere 35 entscheiden sich für die Antwort „teils/teils“.

Ausbaufähig: Die Befragten aus Icking, Egling, Geretsried, Bad Tölz und Starnberg bescheinigen der Flößerstadt einen nur mittelprächtigen Freizeitwert.

128 Umfrageteilnehmer kommen zu dem Ergebnis, sich nicht vorstellen zu können, in Wolfratshausen zu wohnen. 29 Nicht-Wolfratshauser haben dazu keine Meinung, 55 können sich ein Leben in der Loisachstadt vorstellen. Ob sie Freunden Wolfratshausen für einen Städtetrip empfehlen würden? Ja, sagen 39 Umfrageteilnehmer, 147 sagen Nein, 26 Mal gibt’s keine Antwort auf diese Frage.

Der Stadtmanager schweigt zum Umfrage-Ergebnis

Stadtmanager Werner will sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zur Fremdimage-Analyse äußern. Die Befragung der Nicht-Wolfratshauser sei nur ein kleiner Stein im großen Mosaik, so Werner.

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