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Gute Nacht: Vielen Kindern fehlt ein Rückzugsort, an dem sie sich frei entwickeln können, weil sie und ihre Familie aus finanziellen Gründen in einer nicht angemessenen Wohnung leben müssen.

Armut im Landkreis

Wenn das Geld zum Kindsein fehlt

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Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt über mindestens fünf Jahre dauerhaft oder wiederkehrend in Armut. Es kann nicht aufwachsen wie Gleichaltrige. Das ist auch im Landkreis ein Problem – vor allem aufgrund der angespannten Wohnsituation.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Clara (2) tritt auf ihr Lauflernauto. Es macht piepsende Musik. Der zehn Monate alte Paul schreit dazu im Chor. Trubel gibt es bei Familien immer. Bei den Gutherrs (Name geändert) in Geretsried spielt er sich auf engstem Raum ab. Sie leben zu fünft in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. 54 Quadratmeter.

Familie Gutherr, das sind neben Clara und Paul der älteste Bruder Julian (6), Mama Karin (37) und Papa Luca (47). Luca zog erst alleine in die Wohnung ein, seine Freundin folgte. Für das Pärchen lebte es sich gut in den zwei Zimmern. Dann kam Julian. Er hat das Down-Syndrom. Karin suchte nach einer größeren Wohnung – fand keine, und irgendwie konnte sich die Familie schon arrangieren.

Sich arrangieren. Das ist der Leitsatz der Familie. Wenn Papa Luca nach der Nachtschicht im Ehebett – es steht im Wohn- und Esszimmer – schläft, frühstückt Mama Karin mit den drei Kindern im Kinderzimmer auf dem Boden. Wenn einer von ihnen krank ist, setzt sich die 37-Jährige nachts mit dem weinenden Kind ins Bad. Und wenn sie einfach mal ihre Ruhe braucht, stellt sie sich in die Küche. „Das ist keine Wohnsituation“, sagt Karin Gutherr.

Fünfköpfige Familie lebt auf nur 54 Quadratmetern - kein Einzelfall im Landkreis

Die Familie aus Geretsried ist kein Einzelfall im Landkreis. Laut der Bertelsmann- Stiftung leben 21 Prozent der Kinder in Deutschland über mindestens fünf Jahre dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage. Die Grundversorgung ist demnach meist gesichert, oftmals sind sie aber durch die knappe finanzielle Lage der Eltern aber vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt (siehe unten).

Armin Ebersberger, Sozialplaner der Stadt Bad Tölz, sagt, wenn es um Kinderarmut gehe, sei im Landkreis weniger entscheidend, ob ein Kind einen internetfähigen Computer hat oder regelmäßig ins Kino gehen kann. „Hinsichtlich des Konsumverhaltens ahmen Heranwachsende eher ihre Eltern nach.“ Was schwerer wiege, seien die Lebensumstände.

Kinder brauchen einen Rückzugsort

Ebersberger geht davon aus, dass viele Mädchen und Buben, die den Tölzer Jugendtreff besuchen, in einer zu kleinen Wohnung oder in nicht geeigneten Wohnverhältnissen aufwachsen. „Wenn Kinder mit ihren Eltern in einem Zimmer schlafen müssen, muss ihre Entwicklung hinten anstehen“, erklärt der Experte. Je älter Kinder werden, desto größer werde das Bedürfnis nach einem Rückzugsort. Einem Ort, an dem sie „einfach Jugendliche sein können“.

Bei den Gutherrs ist bis zur Pubertät noch etwas Zeit. Das Familienleben leide aber unter den beengten Verhältnissen, sagt Karin Gutherr. „Ich denke nicht, dass wir noch fünf Jahre so leben können.“ Leid tue es ihr vor allem, wenn sie durch das alles so gereizt ist, dass sie Julian schimpft, weil er zu laut ist. „Aber er kann sich durch das Down-Syndrom eben nicht anders äußern“, erklärt die Geretsriederin. „Wenn wir in einer größeren Wohnung wären, wäre es nicht so.“

Wohnungen sind rar

Die Geretsriederin hat schon unzählige Bewerbungen für Wohnungen geschrieben und X-mal bei der Baugenossenschaft angerufen. Geförderte Wohnungen sind rar. Aber frei finanzierte eben auch. Dabei würde die Familie auch das stemmen wollen – mit einem Gehalt und Arbeitslosengeld würde das schon gehen, sagt die 37-Jährige. Zwei Jahre sucht sie wieder aktiv. „Manchmal hab’ ich den Eindruck, Vermieter warten einfach lieber auf jemanden, der mehr verdient und weniger Kinder hat.“

Sonja Frank, Familienreferentin des Geretsrieder Stadtrats, will den Gutherrs bei der Wohnungssuche helfen – bevor das intakte Familiengefüge auch noch zerbricht. Für Karin Gutherr wird es immer schwieriger, Freundinnen nach Hause einzuladen oder mit allen drei Kindern gleichzeitig rauszugehen. „Es gibt viele Familien, die Unterstützung brauchen, aber wir haben auch ein gutes Netz in Geretsried“, sagt Frank. Warum es in diesem Fall bisher nicht gegriffen hat, macht sie ratlos.

Die Stadt Geretsried versucht, Kindern an vielen verschiedenen Stellen unter die Arme zu greifen, wenn das Geld in ihren Familien knapp ist. Etwa mit dem Familienpass, mit dem zum Beispiel kostenlos Bücher und Spiele in der Bücherei ausgeliehen werden können. „So können Kinder mitreden und sind nicht ausgeschlossen“, erklärt Sonja Frank. Auch die Vereine, Kirchen und Verbände seien sehr offen. Irgendwie werde immer Geld „hergezaubert“.

Kinderarmut ist in Zahlen schwer zu fassen

Entscheidend dafür sei aber, dass die Eltern um Hilfe bitten, sagt Gerlinde Berchtold, Familienreferentin der Stadt Wolfratshausen. Das falle vielen Familien nicht leicht. „Sie schämen sich teilweise, dass sie zum Amt gehen müssen und jedes Jahr die Hosen runterlassen müssen“, vermutet Berchtold. Aus diesem Grund geht auch Armin Ebersberger von einer hohen Dunkelziffer aus. „Wir kennen sicher nur die Spitze des Eisbergs. Es ist schwer greifbar, wie viel Wasser darunter ist“, sagt er.

Wie vielen Kindern es im Landkreis tatsächlich an genug Privatsphäre daheim oder gesellschaftlicher Teilhabe fehlt, ist schwer zu fassen. Anhaltspunkte liefert das Landratsamt: Im Landkreis gibt es 1155 Sozialwohnungen. 205 Wohngeldempfänger gab es im Oktober im Landkreis, und 89 Personen in 80 Haushalten erhalten Hilfe zum Lebensunterhalt, darunter sind zwölf Kinder im Alter von bis zu 14 Jahre. Danach können sie Arbeitslosengeld beim Jobcenter beantragen. 2031 Erwerbsfähige erhalten Hartz IV. 842 beziehen Leistungen, ohne erwerbsfähig zu sein.

Nachmittagsbetreuung und Jugendhilfe unerlässlich

Weitere Stellschrauben, an denen Kommunen drehen können, sind laut Ebersberger, zusätzlichen sozialen Wohnraum zu schaffen und das Ganztagsangebot beziehungsweise die Nachmittagsbetreuung an Schulen auszubauen. Auch eine gute Jugendhilfe sei unerlässlich. „Kinder müssen einen Ort haben, wo sie hingehen können, ohne der eigenen Familie zur Last zu fallen.“ Letztlich könne man Familienarmut nur in den Griff bekommen, wenn das Einkommen steigt.

Karin Gutherr sucht weiter nach einem passenden Platz für ihre Familie. Vor Kurzem hat sie wieder eine Absage bekommen. Eine Drei-Zimmer-Wohnung sei schließlich zu klein für Fünf.

Armut – was ist das eigentlich ?

Ab wann ein Kind als arm gilt, ist eine Frage der Definition. Wenn es auf der Straße lebt? Wenn es nicht genug zu essen hat? Oder wenn es „nur“ weniger hat als andere Gleichaltrige? Die Bertelsmann-Stiftung sieht Kinder in einer Armutslage, die in Familien leben, die mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen – im Jahr 2013 waren dies laut der Bundeszentrale für politische Bildung 3132 Euro netto im Monat pro Haushalt – oder staatliche Grundsicherung beziehen. Besonders von Armut bedroht sind Kinder alleinerziehender Eltern, Kinder mit mindestens zwei Geschwistern und Kinder mit geringqualifizierten Eltern. „Armut bedeutet hierzulande für Kinder meist nicht, kein Dach über dem Kopf oder kein Essen zu haben – die existenzielle Grundversorgung ist in der Regel gewährleistet“, heißt es. Dennoch müssen Kinder, die in Armut leben – laut Studie rund 21 Prozent in Deutschland –, im Vergleich zu Gleichaltrigen auf vieles verzichten. Sie sind aus vielen sozialen und kulturellen Aktivitäten ausgeschlossen. Ihnen fehlt eine ausreichend große Wohnung, ein internetfähiger Computer oder das Geld für gesundes Essen. Kinobesuche oder Freunde nach Hause einladen, ist oft nicht drin. Aus dieser Situation kommen wenig Kinder heraus. „Wer schon als Kind arm ist und nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, hat auch in der Schule nachweisbar schlechtere Chancen. Das verringert die Möglichkeit, später ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Armut zu führen“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Wohnung gesucht

Wer eine Wohnung für eine Familie mit drei Kindern zu vermieten hat, kann sich gerne bei Familienreferentin Sonja Frank melden, Telefon 0 81 71/8 09 30 (bitte gegebenenfalls auf den Anrufbeantworter sprechen).

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