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Geburtsort 30er-Zone: Anette Kreitmeier (li.) mit Baby Carina und Hebamme Helga Sauerbrey-Bock auf der Straße vor der Wolfratshauser Kreisklinik. 

Geburt im Schein der Straßenlaterne

Sie hatte es einfach zu eilig: Carina kam in 30er-Zone zur Welt

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Die hochschwangere Anette Kreitmeier aus Dietramszell schafft es nicht mehr in den Kreißsaal. Also bringt sie Tochter Carina Felicitas in der 30er-Zone vor der Kreisklinik auf die Welt. 

Dietramszell/Wolfratshausen – Helga Sauberbrey-Bock ist seit 40 Jahren Hebamme. „Aber eine Straßengeburt habe ich noch nicht erlebt“, sagt die 60-jährige Schäftlarnerin. Als die kleine Carina Felicitas Kreitmeier zur Welt kam, erlebte also auch die erfahrene Hebamme eine Premiere. Was an Carinas Start ins Leben zusätzlich kurios ist: Der Mutter fehlten eigentlich nur noch wenige Meter bis in den Kreißsaal.

Dass sich Zeitpunkt und Umstände einer Geburt nicht genau voraussagen lassen, das war der Dietramszellerin Anette Kreitmeier schon vorher klar. „Seit wann halten sich Babys an Berechnungen?“, sagt die 37-Jährige mit einem Augenzwinkern. Als am Abend vor dem berechneten Geburtstermin die Wehen einsetzen, ist sie aber noch guter Dinge, dass alles in geregelten Bahnen ablaufen wird. „Ich dachte, ich weiß, was auf mich zukommt.“ Doch das wird sich als Irrtum herausstellen.

Denn in der Nacht werden die Abstände zwischen den Wehen immer kürzer, und das schneller als gedacht. Anettes Ehemann Thomas Kreitmair weckt seine Mutter – sie wohnt im gleichen Haus – und bittet sie, auf die beiden älteren Kinder, Emilia (3) und Sebastian (1), aufzupassen. Sekunden später geht es los in Richtung Kreisklinik. Die Wehen werden stärker und stärker. Der 36-jährige Heizungsbauer gibt Gas. Das benachbarte Linden fliegt förmlich vorbei, ebenso Thanning und Egling. „Normalerweise fährt man von Dietramszell bis Wolfratshausen etwa 20 Minuten“, sagt Anette Kreitmeier. „Wir haben gefühlt die Hälfte gebraucht.“

Endlich ist die Kreisklinik erreicht. Thomas Kreitmair lenkt den Wagen direkt auf den Parkplatz vor dem Eingang. Das Ehepaar beeilt sich mit dem Aussteigen. Doch noch während der Heizungsbauer die Tasche seiner Frau aus dem Kofferraum holt, springt die Fruchtblase. „Das Köpfchen war schon zu spüren“, berichtet Anette Kreitmair. Die werdende Mutter sinkt auf die kalte Straße. Draußen ist es eisig, um die null Grad. „Aber die Kälte habe ich in dem Augenblick gar nicht gespürt. Mein erster Gedanke war eher: ,Toll, wenigstens ist hier eine 30er-Zone. Da rasen sie hoffentlich nicht‘.“ Der Hochschwangeren fehlt die Kraft, irgendwie auf den Bürgersteig zu gelangen. Thomas Kreitmair schreit um Hilfe. Keiner hört ihn. Der Dietramszeller hat keine Wahl: Er muss seine Frau liegen lassen, rennt zum Empfang der Klinik, trommelt mit den Händen gegen die Glaswand, um den Pförtner zu alarmieren.

„Sie in den Kreißsaal zu bringen – dazu war definitiv keine Zeit mehr“

Hebamme Helga Sauerbrey-Bock hat zu diesem Zeitpunkt in ihrer Schicht schon zwei Geburten begleitet. Gerade bereitet sie ein Bett für die nächste, bereits angekündigte Geburt vor. „Plötzlich rief die Nachtschwester, ich soll sofort mitkommen“, berichtet sie. Zusammen mit einer weiteren Schwester aus der Ambulanz rennen die Frauen ins Freie, die Stufen hinunter, bis zur Straße. „Viel gesehen habe ich erst einmal nicht“, sagt die Hebamme. „Nur dass hier auf der Straße eine Frau lag und schrie. Sie in den Kreißsaal zu bringen – dazu war definitiv keine Zeit mehr.“

Nun heißt es improvisieren: Sauerbrey-Bock schickt eine der Schwestern los, um Handtücher und eine sterile Schere zum Abnabeln zu holen. Doch Klein-Carina will nicht warten: „Innerhalb von zwei Minuten kam das Baby zur Welt. Im Schein der Straßenlaterne und einer Handy-Taschenlampe.“ Die Hebamme wickelt das Mädchen fest in die Jacke des Vaters. „Da fing die Kleine auch schon kräftig an zu schreien.“ Mutter und Kind sind wohlauf, werden umgehend in der Klinik weiterversorgt.

Ein paar Wochen später sind Anette Kreitmair und Helga Sauerbrey-Bock am Geburtsort der kleinen Carina verabredet – also auf dem Moosbauerweg. „Hebamme, Ärzte und Schwestern – alle waren fantastisch“, resümiert die Dietramszellerin. „Sie haben mich immer wieder getröstet und mir Mut zugesprochen. Trotz der Umstände war es eine absolut supertolle Betreuung, für die man sich nur aufs Herzlichste bedanken kann.“ Die Hebamme wird diesen ungewöhnlichen Einsatz ebenfalls nicht so schnell vergessen. „Man handelt einfach automatisch“, sagt sie, „ohne groß nachzudenken.“

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