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Zeitzeuge zu Gast: 2011 berichtet Coco Schumann im Pfarrheim St. Josef der Arbeiter aus seinem bewegten Leben. 

Erinnerungen des verstorbenen Jazz-Gitarristen

Wie Coco Schumann in Wolfratshausen befreit wurde

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
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Wolfratshausen - Lange hat der große Musiker Coco Schumann über das geschwiegen, was ihm in den Konzentrationslagern passiert ist. Deswegen erfuhr man auch erst spät, dass er in Wolfratshausen befreit wurde. In seiner Autobiografie „Der Ghettoswinger“ berichtet er davon.  

Wolfratshausen – Deutschland trauert um Jazzgitarrist Heinz Jakob „Coco“ Schumann (93). Den Mann, der in den Konzentrationslagern, in denen er inhaftiert war, auf seiner Gitarre zur Aufheiterung des Wachpersonals Musik machte. Der um sein Leben spielte. Coco Schumann war der „Ghetto-Swinger“ – so auch der Titel seiner bewegenden Autobiographie.

Dort erinnert er sich auch an seine Befreiung in Wolfratshausen im Mai 1945. Wenige Tage zuvor hatte sich der Todesmarsch vom KZ Kaufering aus in Richtung Süden in Bewegung gesetzt. Mitten in der Elends-Kolonne: Coco Schumann, der wie alle anderen in einem Tal bei Innsbruck erschossen werden sollte. „Wir erlebten alles in einer Art Trance oder Apathie. Wohl weiß ich, dass ich das Ortsschild Pasing sah, dass Passantinnen auf den Straßen weinten, als wir vorbeizogen und uns Wasser geben wollten.“

Am Abend des 30. April traf der Zug in Wolfratshausen ein, die ausgemergelten Häftlinge übernachteten in verlassenen Fremdarbeiterbaracken. Am nächsten Morgen stellten sie fest, dass die Bewacher zum großen Teil getürmt waren. „Nur zwei SS-Männer hatten sich entschlossen, uns nicht allein zu lassen. Sie hatten sich absurderweise vorgenommen, ihre Haut dadurch zu retten, dass sie uns lebend den Amerikanern übergaben. Nur mit Mühe verständigen wir uns untereinander, sie nicht aufzuknüpfen.“

Ein amerikanischer Geistlicher umarmt ihn

Kurz danach rannten die Häftlinge dem nächsten Panzer entgegen, in der Meinung, es seien Amerikaner. Tatsächlich handelte es sich um einen abziehenden SS-Panzer. „Sie hätten uns zum Abschied sicher zusammengeschossen, wenn wir uns nicht rechtzeitig auf den Boden geworfen und versteckt hätten.“ Am nächsten Morgen ging man klüger vor: Beim Geräusch nahender Panzer schickte man jemanden vor. Er meldete lakonisch: „Stern dran – Amerikaner!“ Aus einem zweiten Panzer, der sich näherte, stieg ein amerikanischer Pfarrer und brach beim Anblick der Häftlinge in Tränen aus. „Dann sprach er einen leisen Segen für uns. Ein evangelischer Geistlicher segnete uns Juden – eine ergreifende Szene.“

Gepflegt wurde Schumann im Lazarett Föhrenwald. Weil er in Kaufering an Typhus erkrankt war, litt er an hohem Fieber. In seinem Wahn sah er schon seine Eltern auf einer sonnenüberfluteten Wiese, die ihm zuriefen „Heinz, Heinz, Heinz!“ Als er die Augen öffnete, blickte er in die Augen einer ungarischen Krankenschwester und hörte sie sagen: „Jetzt hat er es geschafft.“ Coco Schumann hatte den Krieg überlebt - und den Typhus auch.

Wesentlich zu seiner Genesung trug eine Gitarre bei, die ein Mithäftling irgendwo im „gespenstisch leeren“ Wolfratshausen entdeckt hatten. „Sie half mir, das Gleichgewicht wiederzufinden.“ Anfang Juli 1945 ging es Coco Schumann besser. Er kehrte dem Ort seiner Befreiung den Rücken – in Richtung Berlin, seine geliebte Heimat.

In Waldram erzählte Schumann aus seinem bewegten Leben

Später kam Coco Schumann immer wieder nach Oberbayern: In Bad Kohlgrub machte er regelmäßig Urlaub. Hier besuchte ihn Dr. Sybille Krafft, Vorsitzende des Historischen Vereins, und lud ihn zu einem Vortrag in Wolfratshausen ein. Im Juli 2011 erzählte er im Pfarrheim St. Josef der Arbeiter von seinem bewegenden und bewegten Leben. Unter anderem erinnerte er an das Lied La Paloma, das er in Auschwitz immer spielen musste, wenn Juden an ihm vorbei in die Gaskammern geführt wurden. „Ich war so hilflos, aber das Lied konnte nichts für die Schandtaten“, erzählte er damals. Sybille Krafft, die Schumann auch für das Fernsehen interviewt hat, erinnert sich an ihn als einen „sehr entspannten Menschen, einen echten Künstler“. 

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