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Wie soll man mit Kriegsflüchtlingen umgehen? Psychologin klärt auf: „keine Berührungen“

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Landeserstaufnahmestelle Ellwangen
Flüchtlinge aus der Ukraine haben häufig ein Trauma von ihren Kriegs-Erfahrungen. Für Menschen, die ihnen helfen wollen, macht das den Umgang schwierig. © Stefan Puchner/dpa/Archivbild

Eine Psychologin erklärt, wie man mit Kriegstraumata umgeht. Die Menschen aus der Ukraine, Syrien oder Afghanistan bräuchten eine besondere Behandlung.

Wolfratshausen – Viele Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, haben ein Kriegstrauma. Wie gehe ich als ehrenamtliche Helferin oder ehrenamtlicher Helfer damit um? Ines Lobenstein vom Asylhelferkreis Wolfratshausen organisierte jüngst einen Vortrag im evangelischen Gemeindehaus.

Wie soll man mit Kriegsflüchtlingen umgehen? Psychologin klärt auf: „keine Berührungen“

Referentin war die Psychologin Polina Hilsenbeck aus Uffing. Sie nannte zunächst die Anzeichen für ein Trauma: Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, Schreckhaftigkeit, Unruhe und Getriebensein, Schlafstörungen und Albträume. Einige Geflüchtete entwickeln Depressionen, die sich in Antriebs- und Appetitlosigkeit äußern, einem versteinerten oder leeren Blick bis hin zum völligen Wegtreten und einer Ohnmacht. Wer sich plötzlich „kampfbereit“ zeigt, könnte ebenfalls Schlimmes durchgemacht haben. „Oft erkennt man ein Trauma auch gar nicht“, gab die Psychologin zu bedenken. Eines aber sei erwiesen: die Unterbringung in Turnhallen, ohne Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten, retraumatisiere.

Polina Hilsenbeck Psychologin aus Uffing
Polina Hilsenbeck Psychologin aus Uffing © Andrea Keiss

Flüchtlinge aus der Ukraine haben Kriegstrauma: Expertin erklärt, wie man damit umgeht

Im Umgang mit den Kriegsflüchtlingen – ob als Helfer in der Wolfratshauser Turnhalle oder als Gastgeber – solle man zwei Dinge besser nicht tun: die Menschen ohne Ankündigung berühren und sie nach der Flucht fragen. Wenn jemand umgekehrt darüber reden wolle oder das Bedürfnis zeige, in den Arm genommen zu werden, müsse man als Helfer abwägen, wie nah man den anderen und dessen Geschichte an sich heranlassen wolle.

Unterstützung für Ukraine-Flüchtlinge - Psychologin rät: Handy weg und ablenken

Unterstützen kann man die betreuten Personen laut Polina Hilsenbeck, indem man sie durch den Alltag in Deutschland begleitet und sie „in der Gegenwart hält“, damit sie nicht ständig auf ihrem Handy Kriegsnachrichten oder anderes verfolgen. Sport, Wandern, Spielen und Singen lenkten ab. Stricken und Häkeln seien sehr gut geeignet, um den „Kopf freizubekommen“, da die Konzentration auf diese Handarbeiten entspannend wirke, sagte die Expertin. Wichtig sei es, den Menschen Gestaltungsmöglichkeiten zu geben und einen Austausch mit anderen Ukrainern und Ukrainerinnen in der Gegend zu organisieren. Auch Kindern, die mit im Haushalt der Gastgeber lebten, täten Aufgaben gut. Ein Jugendlicher, der beispielsweise den Hund der Familie liebe, solle mit ihm spazieren gehen dürfen, wenn das problemlos machbar sei.

Freiwillige Asylhelfer stehen unter großem Druck

Immer wieder kommt es vor, dass die Freiwilligen durch ihre Arbeit selbst stark belastet sind. Sie haben Schuldgefühle den eigenen Kindern oder Freunden gegenüber, weil sich alles nur noch um die Geflüchteten dreht. Sie grübeln stundenlang über scheinbar unlösbare Probleme und können kaum noch abschalten. Die Bilder vom Krieg verfolgen sie. Manche entwickeln sogar einen Widerwillen den Betreuten oder Mitbewohnern gegenüber. „Bemerken Sie solche Alarmzeichen, sollten sie sich vorübergehend zurückziehen“, riet Hilsenbeck. Funktioniere das Zusammenleben unter einem Dach gar nicht mehr, müsse eine Unterbringung der Gäste bei anderen Helfern organisiert werden. Ines Lobenstein betonte, dass sich die Ehrenamtlichen in solchen Fällen jederzeit an sie wenden könnten.  tal

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