Waldram, historisches Foto
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Schauplatz des Romans: Im Lager Föhrenwald, dem heutigen Waldram, spielt Monica Hesses „Sie mussten nach links gehen“. Die Übersetzung ist vor wenigen Tagen erschienen.

Es geht um die dramatische Suche nach dem Bruder

Ein neues Jugendbuch beschwört das Lagerleben von Föhrenwald

  • Volker Ufertinger
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Der neue Roman der amerikanischen Bestseller-Autorin Monica Hesse spielt im Lager Föhrenwald. Das englische Original hat es längst in die Bestsellerlisten geschafft.

  • Das heutige Waldram war früher ein Lager für Juden, die den Krieg überlebt hatten
  • Das Lager Föhrenwald existierte zwölf Jahre lang
  • Jetzt ist Föhrwald erstmals Thema eines Romans geworden

Wolfratshausen – Kürzlich wurde im Badehaus der Festakt „75 Jahre DP Lager Föhrenwald“ begangen. Wenige Tage zuvor, am 12. Oktober, war die deutsche Übersetzung eines Romans für Heranwachsende erschienen, der zum großen Teil in Föhrenwald spielt und der das Leben der „Displaced Persons“ thematisiert. Autorin ist die amerikanische Journalistin Monica Hesse. Der Titel des fast 450 Seiten umfassenden Buchs: „Sie mussten nach links gehen“ („They went left“). Der Erfolg des englischen Originals ist beachtlich: Direkt nach Erscheinen gelangte es auf die Bestsellerliste der New York Times.

Der Titel spielt auf Auschwitz an. Dort verliert die Romanheldin, Zofia Lederman, große Teile ihrer Familie. Ihr widerfährt, was ungeheuerlich klingt und doch wirklich passiert ist: Die Nazis schickten Juden, die sie für Zwangsarbeit brauchen konnten, nach rechts, darunter Zofia und ihren Bruder Abek. Alle anderen schickten sie nach links, darunter die Eltern, die Großmutter, die Tante. Sie werden umgebracht, vergast mit Zyklon B.

Was ich sehe, sind Felder. Flache, braune Felder.

Zofia Ledermann, Romanheldin, beim ersten Anblick von Föhrenwald

Zofia überlebt den Holocaust im Konzentrationslager Groß Gosen und kennt nur ein Ziel: Sie will ihren Bruder wiederfinden, den sie aus den Augen verloren hat. Schwer traumatisiert von der Gewalt, die sie erlitten hat und deren Zeugin sie geworden ist, macht sie sich auf den Weg von ihrer polnischen Heimatstadt Sosnowiec nach Föhrenwald. Der Name fällt zum ersten Mal auf Seite 73. Ein russischer Kommandant gibt dem Mädchen den Hinweis, dass ihr Bruder dort vielleicht gelandet sein könnte – wenn er denn noch lebt.

Der Badehausverein wusste nichts vom Romanprojekt

Auf Seite 100 kommt Zofia im heutigen Waldram an. Der Name Lager hatte bei ihr Assoziationen an ein KZ geweckt, doch das Gegenteil ist der Fall. „Was ich sehe, sind Felder, flache braune Felder. Dutzende Männer und Frauen in Arbeitskleidung beackern die Erde. Ein paar hundert Meter weiter hinten sehe ich die Giebeldächer einer Ortschaft.“ Ihre auf deutsch formulierte Frage versteht zunächst niemand, hier wird polnisch, ungarisch, slowenisch und niederländisch gesprochen. Das dürfte authentisch sein, in Föhrenwald kamen Juden aus aller Herren Länder zusammen.

Monica Hesse, Journalistin und Buchautorin. Sie hat den Roman ihrem eigenen, jüngeren Bruder gewidmet.

An der Isar lernt Zofia viele kennen Leidensgenossen kennen – und deren teils tragischen Schicksale. Etwa Miriam, die verzweifelt nach ihrer Zwillingsschwester fahndet: Sie mussten gemeinsam Menschenversuche über sich ergehen lassen. Außerdem freundet sie sich mit Breine an, die beschlossen hat, ein glücklicher Mensch zu werden und zu heiraten. Sie alle gehen freundlich und fürsorglich miteinander um, fast, als wollten sie die Menschlichkeit neu lernen.

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Doch nicht jeder vermag einen Schlussstrich zu ziehen. So wird im Buch der Suizid einer Frau namens Bissel beschrieben, die das KZ Ravensbrück überlebt hat und immer erzählt, wie sehr sie sich auf das Wiedersehen mit ihrer Tochter freut. „Eines Morgens setzte sie sich auf die Fensterbank, lachte die ganze Zeit und stürzte sich plötzlich hinaus. Wir hörten die Schreie der Passanten, als ihr Körper auf dem Gehsteig aufschlug.“ Ein realistisches Detail, Selbstmorde kamen in Föhrenwald regelmäßig vor.

Und dann wäre da noch der schweigsame Josef, in den sich Zofia verliebt. Gut geht diese Liebesgeschichte nicht aus, denn die junge Frau erkennt, dass ihr Geliebter nicht wie sie im KZ gelitten, sondern in der Wehrmacht gedient hat. Genau das hat er verschwiegen, ein Fehler, den ihm Zofia nicht verzeiht. Ob sie ihren Bruder wirklich findet, soll an dieser Stelle offen bleiben. Nur so viel: Die Lösung des Rätsels ist unheimlich.

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Die Autorin ist keine Unbekannte: Monica Hesse ist Journalistin bei der Washington Post und hat mit ihrem Roman „Das Mädchen im blauen Mantel“ renommierte Preise gewonnen. Für „Sie musste nach links gehen“ hat sie viel recherchiert, wie sie im abschließenden Kapitel berichtet. So hat Hesse in Amerika mit Zeitzeugen gesprochen, etwa dem Lagerleiter Henry Cohen. Waldram selbst scheint sie nicht besucht zu haben. Jedenfalls kann sich beim Badehausverein niemand daran erinnern.

Doch auch so ist ein Roman entstanden, der Jugendliche wie Erwachsene gekonnt an ein ernstes, schwieriges Thema heranführt. Die Nachkriegsatmosphäre in Deutschland ist greifbar, die Figuren sind fein gezeichnet, die Traumatisierung der Hauptfigur glaubwürdig. Ob jedes historische Detail stimmt, mag dahin gestellt bleiben. Die Lektüre lohnt sich unbedingt.

Das Buch: Monica Hesse: Sie mussten nach links gehen. Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Stoll. cbj-Verlag, 448 Seiten, ab 14 Jahre, 18 Euro.

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