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800 Spaziergänger und 450 Gegendemonstranten stoßen am Obermarkt aufeinander

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Von: Volker Ufertinger

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Säuberlich getrennt: Am Montagabend standen sich die Spaziergänger (li., ohne Maske) und die Gegendemonstranten gegenüber.
Säuberlich getrennt: Am Montagabend standen sich die Spaziergänger (li., ohne Maske) und die Gegendemonstranten gegenüber. Beide Seiten verzichteten weitgehend auf Provokationen. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Das Aufeinandertreffen der montäglichen Spaziergänger und der Menschenkette in der Altstadt ist am Abend friedlich verlaufen. Die Erleichterung ist groß in der Stadt.

Wolfratshausen - Es lag Spannung in der Luft. Als die ominösen Spaziergänger am Montagabend kurz vor 19 Uhr vom Schwankl-Eck auf den Obermarkt einbogen, stellte sich die bange Frage, wie die nächste halbe Stunde verlaufen würde. Auf dem einen Bürgersteig, auf der Seite von St. Andreas, hatten 450 Bürger aus Wolfrathausen und Umgebung eine Menschenkette gebildet, alle mit Maske und durch Schals verbunden, als Zeichen für einen solidarischen Weg aus der Pandemie. Auf der anderen Seite die Spaziergänger, die aus sehr verschiedenen Gründen gegen die Corona-Politik der Regierung sind, 800 Mann stark, viele mit Kerzen in der Hand. In Summe deutlich über 1000 Menschen im Obermarkt, wie würde das ausgehen? „Bitte nicht provozieren und nicht provozieren lassen“, gab Inspektionsleiter Andreas Czerweny den Spaziergängern als letzte Mahnung mit auf den Weg, als sie den Schwenk um die Kurve machten.

Es zeigte sich: Beide Seiten hatten kein Interesse daran, dass sich hier irgend etwas aufschaukelt. Inhaltliche Auseinandersetzung ja, Verunglimpfung nein: Das war offenbar das Motto der Gegendemonstranten. Veranstaltungsleiter Gerald Bruschek hatte die Anhänger der Aktion „Menschenkette für Solidarität: WOR tolerant“ ermahnt: „Wir wollen hier etwas Ruhiges und Friedliches veranstalten.“ Man folgte ihm. Auf Plakaten wurde bewusst nicht allzu scharf formuliert. „Checkt mal Eure Quellen“ oder „Die Wahrheit gibt‘s nicht auf Telegram“ hieß es. Auf anderen, mitgebrachten Transparenten wurde man deutlicher: „Wer mit Nazis spaziert, hat nix kapiert“ konnte man etwa lesen.

Die Spaziergänger, die über das Wochenende Kontakt zu den Machern der Menschenkette aufgenommen hatten, versuchten es gar mit einer Charme-Offensive. „Wir sind Freunde“, hieß es aus der Spitzengruppe der Spaziergänger. Ja, sie versuchten sogar Herzen zu verteilen, auf denen etwa das Wort „Menschheitsfamilie“ stand. Oder handschriftlich der Text: „Du bist ein toller Mensch! Ich hoffe, wir reichen uns eines Tages die Hände!“ Der Mann an der Spitze, dessen Identität unbekannt ist, rief immer wieder: „Es ist alles ein Missverständnis. Wir wollen doch alle dasselbe.“ Doch direkte Kontaktaufnahmen waren zwischen beiden Lagern waren nicht erwünscht, die Gruppen waren durch die Straße getrennt, die Polizei hielt sie auseinander.

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Knifflige Momente gab es kaum. Nur einmal, als einige Spaziergänger in offenbar hämischer Absicht applaudierten, wurde es unruhig. Doch die Polizei forderte die Spaziergänger auf, rasch weiter zu gehen, die Lage beruhigte sich wieder. Hin und wieder kam es sogar zu einer Art von Verbrüderung. „Was, Du hier?“ schallte es von einer auf die andere Straßenseite. Man kennt sich eben. Und man wird, wenn die Pandemie irgendwann Geschichte ist, wieder miteinander leben müssen.

Als der letzte Spaziergänger hinter dem ehemaligen Isar-Kaufhaus verschwunden war, gab es Applaus für die Polizei. Gerald Bruschek lobte die, die bei der Menschenkette mitgemacht hatten, via Megafon für ihre Disziplin: „Großen Dank an alle.“ Christina Loy von der Wolfratshauser Polizei war erleichtert darüber, dass alles so friedlich verlaufen ist. Nur, dass der Spaziergang wegen der Engstelle am Grundstück am Untermarkt, auf dem das Isar-Kaufhaus stand, hin und wieder stockte, störte sie. „Wir lernen halt jeden Montag dazu“, sagt sie. Von den Spaziergängern war nichts zu erfahren. Sie sind offiziell nicht organisiert, haben keinen Sprecher und melden ihre Spaziergänge auch nicht als Demonstration an. Sie tauchen einfach auf und verschwinden wieder.

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