Archivar Simon Kalleder und die „Summarische Tabell“ des Marktes Wolfratshausen
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Stolz auf den neuesten Zugang: Archivar Simon Kalleder hat von seinem Weilheimer Kollegen die „Summarische Tabell“ des Marktes Wolfratshausen von 1770 geschenkt bekommen.

Weilheimer Schenkung für das Stadtarchiv

Alte Urkunde zeigt das Wolfratshausen anno 1770

  • Volker Ufertinger
    VonVolker Ufertinger
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Die „Dachsbergsche Volksbeschreibung“ für Wolfratshausen ist ein Prachtstück von einer Archivalie - und wartet jetzt nur noch auf einen Historiker, der sie auswertet.

Wolfratshausen – Die Stadt ist neuerdings im Besitz einer bemerkenswerten Urkunde. Es geht um eine genaue Auflistung der Wolfratshauser Bevölkerung aus dem Jahr 1770. Für Historiker, die etwas über diese Zeit erfahren wollen, ist sie von höchstem Interesse. „Ich gehe davon aus, dass das bald ausgewertet wird“, sagt Archivar Simon Kalleder. Es wäre auch zu schade, wenn nicht. Es ist eine Fundgrube.

Bei dem großformatigen Stück Papier handelt es sich um eine Schenkung aus Weilheim. Der dortige Archivar, Dr. Joachim Häberlein, war darauf gestoßen, als er wieder einmal die 40 000 noch unverzeichneten Ratsakten seiner Stadt zur Hand nahm. Dabei stieß er auf eine Stadt, die zwar mit „W“ anfängt, aber doch nicht Weilheim ist – sondern Wolfratshausen. „Niemand weiß, wie sie da hingeraten ist“, sagt er. Da es seiner Überzeugung entspricht, dass Archivalien dort aufbewahrt werden soll, wo Forscher sie suchen, brachte er die Urkunde in die Loisachstadt – sehr zur Freude von Simon Kalleder. „Diese Großzügigkeit ist absolut nicht selbstverständlich“, sagt er.

Die Kurrentschrift ist gestochen scharf

Schon der Anblick ließ dem Wolfratshauser Archivar das Herz höher schlagen: Die akkurate Kurrentschrift eines bayerischen Beamten auf hochwertigem Büttenpapier. Auch die damals übliche Eisengallus-Tinte hat offenbar genau das richtige Mischungsverhältnis gehabt, denn die Buchstaben sind im Laufe der vergangenen 250 Jahre weder zerronnen, noch haben sie sich in das Papier geätzt, Stichwort Tintenfraß. Mit einem Wort: Ein Prachtstück von einer Archivalie.

Um den Hintergrund zu verstehen, muss man wissen: Bayern litt 1770 wie ganz Europa unter einer Hungersnot mit Hunderttausenden von Toten. Sie steht im Zusammenhang mit einer „Kleinen Eiszeit“, es gab mehrere extrem kalte Winter und verheerende Niederschläge. Um sich einen Überblick zu verschaffen, schickte der bayerische Kurfürst Max III. Joseph seine Beamten hinaus ins Land. Der Fachausdruck unter Historikern lautet dafür: Dachsbergsche Volksbeschreibung. Übrigens: Ein derartiges Dokument gibt es längst nicht für alle Städte. Weilheim etwa verfügt nicht darüber.

Praktisch eine alte Excel-Tabelle

Der altertümliche Name des Dokuments findet sich oben links: „Summarisches Tabell des sich im Churfürstl. Markt Wolfratshausen befindlichen Status realis et personalis, verfasst anno 1770“. Mit „realis“ gemeint sind die zu diesem Zeitpunkt in der Loisachstadt ausgeübten Berufe, mit „personalis“ die Bevölkerung. Im Grunde handelt es sich um eine handschriftlich angefertigte Excel-Tabelle: Die Berufe (Pfarrer, Floßleute, Ratsdiener und so weiter) laufen auf der linken Seite von oben nach unten, der Familienstand (ledig, verehelicht, Kinder und so weiter) oben von links nach rechts. In der Mitte wird das Zutreffende angekreuzt, unten rechts werden die Zahlen zusammengefasst. Bestimmt war diese Statistik für kurfürstliche Verwaltung in München. Sie sollte Grundlage sein für das weitere Vorgehen in der Krisenzeit.

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Allein der Blick auf die 70 aufgeführten Berufe lässt die Wolfratshauser Stadtgesellschaft von einst auferstehen. Die Urkunde nennt 28 „Floßleute“ (Flößer), 18 Austrägler (Austragsbauern), 12 Krämer (Händler), 9 Schuhmacher, 9 Metzger, 7 Bäcker, 4 Weber, 3 Färber, 2 Schreiner sowie je einen Fischhändler, Eisenhändler, Bortenmacher, Bader (Friseur), Schulmeister und Ratsdiener. Nichts gegangen wäre in der Loisachstadt ohne die „Tagwerker“ (Taglöhner), von denen sich offenbar 102 in der Stadt aufhielten. Die allermeisten arbeiteten im eigenen Haus, quasi im Homeoffice. Jedenfalls nennt die „Tabell“ lediglich vier Bürgerhäuser ohne Gewerbe.

Und jetzt? Wird die Weilheimer Schenkung erst einmal in die 400 Laufmeter Archivalien integriert, über die Simon Kalleder an der Bahnhofstraße wacht. Bis irgendwann ein Historiker kommt und sie auswertet.

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