"Du"-Schalter im Haus des Gastes in Oberstaufen
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An der Tankstelle, in der Wirtschaft, im Arbeitsleben: Immer öfter weicht das „Sie“ dem „Du“. Behörden im Landkreis gehen unterschiedlich mit der Kumpel-Anrede um.

Geduzt wird immer öfter

Aus „Sie“ wird „Du“: Wie Behörden im Landkreis mit der Kumpel-Anrede umgehen

  • VonPeter Borchers
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An der Tankstelle, in der Wirtschaft, im Arbeitsleben: Immer öfter weicht das „Sie“ dem „Du“. Behörden im Landkreis gehen unterschiedlich mit der Kumpel-Anrede um.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Waldemar Hartmann, Weißbier liebender Sportreporter und -moderator des Bayerischen Rundfunks (BR), kannte während seiner Karriere keine Gnade – und kein „Sie“. Er pflegte die sehr persönliche Anrede so beharrlich, dass ihm eine Zeitung mal den Beinamen „Die Duz-Maschine“ verpasste. „Waldi“ duzte und duzt sie alle: den Bundestrainer, Interviewgäste, die Mitstreiter in der Talkshow. Irgendwann wurde diese Penetranz zur Marke. Wenn er sich zurückhielt, dann höchstens noch vor der Bundeskanzlerin.

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War Hartmann seiner Zeit nur voraus? Tatsächlich scheint es so, als trete die höfliche Anrede „Sie“, die die deutsche Sprache im Gegensatz zur anglo-amerikanischen oder den skandinavischen bietet, mehr und mehr in den Hintergrund. Ein Beispiel: 2015 erkor der BR, als öffentlich-rechtliche Anstalt de facto der Inbegriff des Seriösen, Bayern 3 zum „jungen Sender“. Seitdem duzen die Moderatoren ihre Hörer. Im Alltag weicht das „Sie“ ebenfalls auf: Geduzt wird an der Tankstelle, in der Gastwirtschaft, im Backshop – sogar im Arbeitsleben.

Viele kommen klar damit – erst recht im Freistaat, in dem das charmant-ungehobelte bayerische Du – „Griaß Di, Frau Huber“ – Tradition hat. Auch jüngere Leute, die in Zeiten duz-affiner Social-Media-Plattformen mit der vertraulichen Anrede aufwachsen, stören sich selten daran. Wie aber reagieren ältere Generationen auf den zunehmend jovialen Umgangston?

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Christiane Bäumler, im Tölzer Landratsamt zuständig für die Belange von Senioren, erlebt „das ganz unterschiedlich“. In einigen Gruppen, beispielsweise im Seniorenbeirat des Landkreises, sei das Du sogar gewünscht. Bäumler kann sich allerdings vorstellen, „dass das automatische Geduze etwas ist, womit zumindest einige ältere Leute Probleme haben“. Ihr selbst, 52 Jahre alt, macht es weniger aus, mit Du angesprochen zu werden. „Im ländlichen Bereich ist das ja normal.“ Es gebe jedoch einen Unterschied zwischen der privaten Christiane Bäumler u

Christiane Bäumler: Seniorenbeauftragte im Landratsamt

nd der, die im Berufsleben steht. In ihrer Funktion in der Kreisbehörde hört sie von Fremden schon lieber das Sie, „alles andere sähe aus wie eine ungute Kumpanei“.

Reinhard Jedersberger ist seit 25 Jahren Polizist und als solcher oft auf den Straßen rund um die Wolfratshauser Inspektion unterwegs. Duzt den Hauptkommissar beispielsweise ein Verkehrssünder in der Absicht, Vertrautheit zu schaffen und so das eigene Fehlverhalten abzumildern, reagiert der 43-Jährige „in der Regel locker: Ich höre darüber hinweg und antworte mit Sie.“ Es gebe allerdings Situationen, in denen Gelassenheit fehl am Platze ist. Mit dem Satz „Ich wusste gar nicht, dass wir per Du sind“ schafft Jedersberger dann rasch Distanz. Die wiederum hält der Beuerberger für „wenig authentisch“, wenn er beruflich mit jemandem zu tun bekommt, den er privat duzt. „Dann sage ich weiterhin Du, sonst würde ich mich ja verstellen.“

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Förmlicher geht es im Wolfratshauser Unternehmen Schraubautomaten Weber zu, für das in der hiesigen Niederlassung etwa 300 Menschen arbeiten und an seinen Auslandsstandorten weitere rund 100. „Bei uns gibt es keine Duz-Kultur“, sagt Michael Steidl, in der Firma zuständig für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Der Umgang miteinander sei im Maschinenbau-Bereich eben anders als zum Beispiel in der Werbebranche. Ein bisschen abhängig ist ein mögliches Du davon, „wie locker die jeweiligen Gesprächspartner sind. Steidl: Manche kennt man ja vielleicht von früheren Treffen, andere sind unbekannt.“ Dauer-Duzer Hartmann hätte, so viel ist sicher, in der Maschinenbau-Branche wohl nicht eine solch steile Karriere hingelegt wie als Sportreporter. peb

Berühmter Dauer-Duzer: Sportmoderator Waldemar Hartmann (li.) im Gespräch mit Rudi Völler.

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