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Ins Gebüsch verbannt: Die Madonna ist seit 30 Jahren nicht mehr von der Straße aus zu sehen.

Kritiker nannten sie „Strandmieze“ und „Dirne“

Nach gewaltigem Skandal: Madonna soll zurück auf Isarbrücke

  • Sabine Hermsdorf-Hiss
    vonSabine Hermsdorf-Hiss
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Einst hatte die Darstellung der Madonna auf der Isarbrücke zwischen Puppling und Egling einen gewaltigen Skandal ausgelöst. Daraufhin verbannte man sie ins Gebüsch. Jetzt darf sie sich wieder zeigen.

Wolfratshausen – Nach 30 Jahren im Verborgenen soll die Madonna ihren ursprünglichen Platz mitten auf der Isarbrücke zwischen Puppling und Egling erhalten. Einst hatte sie einen gewaltigen Skandal ausgelöst. Dass er sich wiederholen könnte, glaubt man weder im Staatlichen Bauamt Weilheim noch in Wolfratshausen und Egling.

Bauamt steht Rückverlegung der Madonna „aufgeschlossen gegenüber“

Über einen Zeitungsbericht erfuhr Martin Herda, der für den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen zuständige Abteilungsleiter im Staatlichen Bauamt in Weilheim, von Rolf Mertens Skulptur und ihrer spektakulären Vorgeschichte – einer Geschichte, die 1990 bis weit über die Landesgrenzen für Aufsehen sorgte. Herda ließ sich den Vorgang kommen und und beriet sich mit Behördenchef Uwe Fritsch. Das Ergebnis: „Wir stehen einer Rückverlegung aufgeschlossen gegenüber.“ Das Straßenbauamt wäre auch bereit, die Kosten dafür zu übernehmen.

Gespräche mit Wolfratshausens Bürgermeister Klaus Heilinglechner und dessen Amtskollege Hubert Oberhauser – die Brücke steht auf Eglinger Flur – folgten. „Natürlich haben wir auch darüber gesprochen, ob es zu neuerlichen Protesten kommt“, räumt Herda ein. „Aber wir glauben, dass sich das in Grenzen halten wird.“ Heilinglechner selbst kann sich noch gut an die damaligen Vorgänge erinnern. „Ich fand und finde die Figur nicht anstößig und konnte nie verstehen, welcher Hype darum gemacht worden ist.“

Madonna als  „Strandmieze“ und „Dirne“ tituliert

Was war damals passiert? Nach der über vier Millionen Mark teuren Sanierung der Isarbrücke zwischen Wolfratshausen und Egling sollte 1990 auf deren Mitte eine Marienfigur mit Kind aufgestellt werden. Den Auftrag dazu erhielt der Penzberger Bildhauer Anton Ferstl. Er schuf eine Madonna, wie sie in der Jetztzeit aussehen würde: ein junges Mädchen im Minikleid, lässig auf einem Podest sitzend, auf dem Schoß ihr Kind, das sie liebevoll mit einer Hand hält. Im Dezember 1990 wurde das Bronzewerk in Anwesenheit des damaligen bayerischen Innenministers Edmund Stoiber aufgestellt und geweiht.

Contra Madonna: Beim Sühnegottesdienst unter der Brücke protestierten einige Hunderte gegen die Darstellung der Madonna.

Nicht jedem gefiel Ferstls moderne Darstellung. Der Künstler selbst wurde bedroht und beschimpft, seine Madonna als „Strandmieze“ und „Dirne“ tituliert, und das waren noch die freundlichsten Bezeichnungen für die Darstellung. Das Jesuskind bezeichneten die Gegner gar als „Missgeburt in Pampers“. Unteren anderen taten sich bei den Protesten Bürger hervor, die dem erzkonservativen Freundeskreis Maria Goretti nahestanden.

Protestler werfen Madonna in die Isar

Die Gegner formierten sich, um die „unbeschreibliche Gotteslästerung“ zu entfernen. Unterschriftensammlungen, Kundgebungen, Sühnegottesdienste und ein Anschlag mit Ölfarbe folgten – obwohl selbst das Erzbischöfliche Ordinariat keinen Anlass gesehen hatte, die Madonna abzubauen.

Pro Madonna: Beim Sühnegottesdienst unter der Brücke waren auch Befürworter der Darstellung zugegen, allerdings nur eine Handvoll.

Seinen Höhepunkt erreichte der Streit in der Nacht zum 25. Juni 1991. Unbekannte demontierten die Figur und warfen sie in den Fluss. Nach der Bergung war Künstler Ferstl Monate damit beschäftigt, die Brückenmadonna wieder zu reparieren. Nur, was jetzt? Stoiber sprach ein Machtwort: Man dürfe der Gewalt nicht nachgeben, aber die Madonna sollte auch die Autofahrer nicht ablenken, sagte der Innenminister und Wolfratshauser Bürger. Daraufhin verbannte man die Madonna etwa 20 Meter weiter links unter die Bäume – in Nähe der Brücke, aber für Passanten kaum noch sichtbar.

Bergung nach dem Brückensturz: Dem Künstler Anton Ferstl (li.) stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

Rolf Merten schafft Madonna in Miniaturform

Kopie: Rolf Merten ließ nach dem Original der Madonnen-Statue an der Isarbrücke eine kleine Skulptur nachbilden. Die Geschichte von der Entstehung der Brückenfigur bis zu ihrem Sturz in die Isar ließ den Eurasburger nicht mehr los.

„An diese Geschichte muss ich jedes Mal denken, wenn ich über die Brücke fahre“, sagt Rolf Merten, „sie hat mich nie losgelassen.“ Als der Eurasburger beruflich kürzertrat, begann er sich erneut mit der Skulptur zu beschäftigen, nahm Kontakt zur Familie des 2011 verstorbenen Künstlers auf und erhielt deren Zustimmung, die Figur in klein nachzubauen. Mit Hilfe eines 3-D-Druckers („Wir haben vorher die Madonna von allen Seiten und aus allen Blickwinkeln fotografiert“) entstand ein erstes Modell. Die Bronzegießerei Kirchner und Schnappinger, die damals auch Ferstl bei der Restauration unterstützt hatte, realisierte die kleine Madonna in Bronze.

Kaum wurde über diese Figur berichtet, konnte sich Merten vor Anfragen nicht mehr retten. „Es kamen Mails aus Bredstedt in Schleswig-Holstein, aus Potsdam, sogar aus Mosambik.“ In seinen Mails unter der Adresse rolf_merten@yahoo.de häuften sich die Bestellungen. Doch neben dem Wunsch, selbst eine kleine Statue sein eigen nennen zu können, kristallisierte sich bald noch ein ganz anderer heraus: „Die Originalfigur soll an ihren alten Platz zurück.“ Merten überlegt kurz. „Vielleicht ist ja jetzt die Zeit dafür reif und die Toleranz gewachsen.“ Umso mehr freut ihn die Reaktion der Behörden. „Damit habe ich nicht gerechnet.“

Einen Termin, wann die Umsetzung erfolgt, kann Martin Herda vom Straßenbauamt noch nicht nennen. „Nächster Schritt ist, dass wir eine Firma suchen, die diese Arbeit fachgerecht ausführen kann.“

sh

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