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Seit 50 Jahren sind Wolfratshausen und Barbezieux Partnerstädte: Rainer Kebekus, Vorsitzender des Partnerschaftsvereins, und Irmgard Thalhammer, Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende, freuen sich über die funktionierende Freundschaft mit den Franzosen. 

Doppelinterview zum Jubiläum

Zweite Heimat in Frankreich: Wolfratshausen und Barbezieux seit 50 Jahren Städtepartner

50 Jahre besteht die Städtepartnerschaft zwischen Wolfratshausen und Barbezieux. Ein Doppelinterview zum Jubiläum über die deutsch-französische Freundschaft und Nachwuchssorgen.

Wolfratshausen – „Bon anniversaire!“ Im Jahre 1970 schlossen Wolfratshausen und das westfranzösische Barbezieux eine Städtepartnerschaft. Noch heute, 50 Jahre später, bestehen freundschaftliche Bande zwischen der 5000-Seelen-Gemeinde und der Loisachstadt. Zum Jubiläum der Freundschaft – noch vor Beginn der Corona-Pandemie – traf sich unser Mitarbeiter Dominik Stallein mit dem Vorsitzenden des Partnerschaftsvereins Rainer Kebekus und der Mitbegründerin und langjährigen Vorsitzenden Irmgard Thalhammer. Im Gespräch berichten die beiden über die schwierige Nachwuchs-Suche, Einblicke in die Seele einer anderen Nation und über persönliche Freundschaften, die ein Leben lang halten.

Frau Thalhammer, Herr Kebekus, seit 50 Jahren gibt es die Partnerschaft zwischen Barbezieux und Wolfratshausen. Kriegt man davon in der Loisachstadt eigentlich noch etwas mit?

Thalhammer: Natürlich, es gibt einige Dinge im Stadtbild, die daran erinnern. Am japanischen Garten steht seit 2003 eine Skulptur aus Barbezieux. Auf dem Dach der Stadtbücherei findet man einen Wetterhahn, ein Geschenk aus Frankreich. Eine Zeit lang gab es auch einen Wegweiser, der die Entfernung zur Partnerstadt angezeigt hat, der aber schon lange nicht mehr auffindbar ist.
Kebekus: Diese Idee ist kürzlich wieder aufgekommen: Wenn das Westufer der Loisach umgestaltet wird, sollen dort Wegweiser zu allen Partnerstädten angebracht werden.
Thalhammer: Im Rathaus stehen auch noch einige Geschenke unserer Freunde, zum Beispiel die Miniatur eines historisches Cognac-Destillier-Gerät. Die Barbezieux-Straße muss man natürlich auch erwähnen.

Wie sieht es denn im Alltag aus – spürt man diese Freundschaft?

Kebekus: Im Alltag vielleicht nicht unbedingt. Aber wir unterstützen mit unserem Verein beispielsweise Frankreich-Fahrten von Schulen, konkret vom Ickinger Gymnasium und der Montessori-Schule Biberkor.
Thalhammer: Früher war das aber noch ausgeprägter. Die Schüler aus der Waldramer Mittelschule haben Barbezieux besucht, sogar eine Wolfratshauser Fußballmannschaft war dort zum Trainieren. Wir hatten auch französische Praktikanten in verschiedenen Einrichtungen und Firmen in Wolfratshausen. Das ist aber schon einige Jahre her. Da war die Begeisterung noch größer.

Gerade die Jugend lässt sich von den Angeboten des Partnerschaftsvereins nicht mehr sonderlich begeistern...

Thalhammer: ... weil wir einfach andere Zeiten haben als noch vor 15 oder 20 Jahren. Den jungen Menschen steht heute die Welt offen. Dass Deutschland und Frankreich befreundet sind, ist nichts Besonderes mehr. Wir leben inzwischen in einem Europa ohne Grenzen. Und es ist überhaupt kein Problem mehr, weit entfernte Länder zu besuchen.
Kebekus: Das stimmt. Jugendliche und junge Erwachsene sind nicht mehr auf Vereinsangebote angewiesen, wenn sie etwas von der Welt sehen wollen. Trotzdem gibt es Ideen, die wir ganz konkret umsetzen wollen.

Zum Beispiel?

Kebekus: Ich möchte sehr gerne wieder einen Jugendaustausch auf den Weg bringen. Unabhängig von Schul-Austauschfahrten könnte ich mir vorstellen, dass eine Gruppe Jugendlicher aus Wolfratshausen nach Barbezieux reist – und umgekehrt. Wenn man sich ansieht, dass das regelmäßig selbst nach Iruma (Wolfratshausens Partnerstadt in Japan; Anm. d. Red) möglich ist, bin ich sicher, dass das nach Frankreich auch zu realisieren ist.
Thalhammer: Die Iruma-Reisen werden aber auch sehr von der Stadt gesteuert und gefördert.

Lesen Sie auch: So kam es zur Städtepartnerschaft zwischen Wolfratshausen und Iruma

Ist das in Ihrem Fall denn anders?

Kebekus: Dieses Interesse vermissen wir, ja. Stadträte kriegen wir bei unseren Veranstaltungen nur sehr selten zu Gesicht. Wenn ich mir anschaue, wie viele Stadträte aus Geretsried jedes Mal dabei sind, wenn eine Fahrt nach Chamalières ansteht (Französische Partnerstadt Geretsried; Anm. d. Red.), kann man fast neidisch werden. Und trotzdem müssen wir es zumindest probieren, Aktionen und Reisen für alle Wolfratshauser zu veranstalten. Es gibt – das zeigt zum Beispiel eine Anfrage eines Waldramer Lehrers – immer noch ein Interesse junger Wolfratshauser, Barbezieux kennen zu lernen...

...was dem Verein neue Mitglieder bescheren könnte?

Kebekus: Das ist eine Hoffnung, klar. Aber auch in der Vergangenheit sind die Teilnehmer von solchen Reisen danach nicht im Verein aktiv gewesen. Ich habe das Gefühl, dass sich ganz grundsätzlich immer weniger Menschen in einem Verein engagieren wollen. Manche haben vielleicht Angst, eine vermeintliche Verpflichtung einzugehen. Es gibt eine gewisse Bequemlichkeit.

Es gibt also wenige Neuanmeldungen?

Kebekus: Richtig. Ich bin 66 Jahre alt – und gehöre zum jüngsten Drittel der Mitglieder. Niemand im Verein ist unter 45 Jahre alt.
Thalhammer: Wie gesagt: Die Jungen wollen sich nicht festlegen, bloß nirgends Mitglied werden. Das ist aber kein reines Wolfratshauser Phänomen. Vielen anderen Vereinen geht es ganz genauso wie uns, Überalterung gibt es woanders auch. Was man unseren 89 Mitgliedern – gerade denen im hohen Alter – auf jeden Fall attestieren kann: Sie sind unserem Verein schon sehr lange treu. Ohne sie gäbe es uns schon lange nicht mehr.

Ein Europa der offenen Grenzen und eine deutsch-französische Freundschaft ist inzwischen Normalität – braucht es Vereine wie Ihren überhaupt noch?

Kebekus: Es wäre interessant zu erfahren, ob sich in den vergangenen Jahren überhaupt noch solche Vereine gegründet haben. Die Frage ist also berechtigt.
Thalhammer: Man kann heutzutage problemlos in ganz Europa Urlaub machen, am Strand liegen, den Eiffelturm fotografieren und man weiß, dass die Politiker der beiden Länder zusammenarbeiten. Aber ich glaube nicht, dass man deshalb auch die Menschen, die Traditionen, die Bräuche oder die Identität des anderen Landes kennt. Einen hautnahen Einblick kriegt man nur bei regelmäßigen Besuchen, aus denen Freundschaften entstehen, wie das in unserem Verein passiert. Da gibt es eine wunderbare Anekdote.

Bitte erzählen Sie...

Thalhammer: Mein Mann hat kein Wort Französisch gesprochen und wollte, als wir das erste Mal nach Barbezieux gereist sind, unbedingt in ein Hotel. Er hatte Angst, dass er sich bei einer Gastfamilie nicht verständigen kann. Wir sind trotzdem bei einer Familie untergekommen – und diese Freundschaft hat bis heute gehalten und ist allgegenwärtig.

Sind es diese persönlichen Erlebnisse, die die deutsch-französische Freundschaft ausmachen?

Thalhammer: Das ist ein ganz wichtiger Teil. Für mich bedeutet der Partnerschaftsverein jahrzehntelange Freundschaften. Wenn ich nach Frankreich komme, und durch die Stadt spaziere, treffe ich fast so viele Bekannte wie in Wolfratshausen. Es ist eine zweite Heimat.
Kebekus: Da geht es mir genauso. Wenn ich die jährliche Messe in Barbezieux besuche, gibt es immer ein großes Wiedersehen. Da kenne ich inzwischen an jeder Ecke jemanden.
Thalhammer: Und diese Freundschaften gehen weit über die regelmäßigen Besuche hinaus. Man hat privaten Kontakt. In schwierigen Lebenssituationen ist die riesige Anteilnahme und die vielen Hilfsangebote – selbst aus über 1000 Kilometern Entfernung – überwältigend.

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